J.D. David - Sternenglanz
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Luna schaute Yatane an. „Danke.“, sagte sie nur und blickte dann noch einmal auf all die Männer, die auch sie in den Tod geführt hatte. „Ich danke euch allen für eure treuen Dienste. Möget ihr im nächsten Leben Frieden finden.“, sagte sie an die Toten gerichtet. Dann lief sie zur Treppe, um Rogard und Arthur zu folgen.
Noch während sie auf dem Weg waren, hatte Luna erneut ihre Klinge gezogen. Ohne Zeitensturm wurde sie schwächer. Doch der Auftrag forderte Stärke. Yatane beobachtete die Königin fasziniert, während sie durch die Gänge des Klosters nach unten liefen, Rogard folgend. Sie hatte schon damals gewusst, dass aus Luna eine Königin der Menschen werden würde. Jene Menschen, die seit jeher nur den Krieg kannten. Es war unabdingbar gewesen, dass auch Luna diesen Weg einschlug. Doch dies in dieser Situation des brutalen Angriffs zu sehen, bildete einen Kontrapunkt zu ihren Erinnerungen an das fröhliche Mädchen. Natürlich, auch Yatane war Kriegerin, aber Luna, die sie als Kind kennen gelernt hatte, so zu sehen, löste etwas in ihr aus. Es erinnerte sie an den Krieg, den sie erlebt hatte, als sie klein gewesen war. Doch sie war glücklich, von nun an Lunas Seite sein zu können. Vielleicht konnte sie ihr ein bisschen einen Weg zeigen.
„Hier hinein.“, sagte Rogard und deutete auf eine Tür, die in einen weiteren Schlafsaal zu führen schien. Einer der beiden Schwarzen Pfeile wartete bereits davor. Arthur ging als erstes in den Raum, gefolgt von Yatane und dann Luna. Zur Überraschung der Elfe waren allerdings keine Mönche in dem nächsten Zimmer. Gedrängt in eine Ecke standen Kinder. Auf den ersten Blick erkannte sie acht Jungen, die in teilweise zu großen, braunen Kutten dort standen, und verängstigt schauten. Der zweite Krieger, der Rogard begleitet hatte, stand mit erhobener Klinge vor den Jungen und hielt diese im Schach. Yatane schätzte, dass die Kinder vielleicht acht, neun Jahre alt waren. Fast so alt wie Luna damals.
„Das sind Kinder.“, stellte die Elfe das Offensichtliche verwundert fest.
„Ja. Junge Novizen. Die anderen Räume haben wir alle gesäubert. Das hier sind die einzigen Überlebenden.“, sagte Rogard.
„Nicht ganz die Einzigen…“, sagte Luna grimmig und dachte an die Flucht des Priors.
„Was sollen wir machen? Wir können ja nicht…“, fragte Rogard an Arthur gerichtet, vollendete aber den Satz nicht.
„Luna, wir sollten…“, wollte Yatane gerade sprechen, wurde aber von der Königin mit einer Handbewegung unterbrochen. Diese ging auf die Jungen zu, musterte sie ernst, das Schwert noch immer in der Hand.
„Wer seid ihr?“, fragte sie den ältesten Jungen, der vielleicht schon elf, zwölf Jahre alt war. Dieser schwieg erstmal, schaute die Königin mit großen Augen verängstigt an.
„Was macht ihr hier?“, folgte die nächste Frage, diesmal nachdrücklicher. „Antworte mir!“, sagte sie bedrohlich.
„Wir sind Novizen der Laëa, Diener des Kaiserreiches, und lassen uns durch eure Mächte der Finsternis nicht einschüchtern. Das Licht der Sonne wird alle Dunkelheit durchbrechen.“, sagte er dann recht entschlossen, gegeben der Situation. Die Worte wirkten einstudiert, dennoch trotzig.
Luna nickte und drehte sich zu Arthur. „Sie werden Mönche wie jene, die Valorien fast zerstört haben. Tötet sie.“, befahl sie kalt.
„Aber Majestät…“, wollte Arthur protestieren. Vollkommen unvermittelt stieß Luna ihr Schwert nach vorne in die Brust des ältesten Jungen, der ihr geantwortet hatte. Dieser blickte sie erst verwundert an, dann entsetzt, als ihm Blut aus dem Mundwinkel lief. Als Luna ihr Schwert zurück zog sackte er tot zu Boden. Die anderen Jungen schrien teilweise auf, drückten sich nach hinten an die Wand.
„Ich habe einen Befehl gegeben, als eure Königin.“, sagte Luna kalt. „Also führt ihn aus.“, sagte sie und wandte sich dann ab, um aus dem Raum zu gehen. Yatane drehte sich sofort um, um ihr zu folgen. Von innen hörte sie noch die Todesschreie der Jungen, die schnell verstummten.
Luna rannte nach draußen in den Schnee. Der Sturm hatte sich etwas gelegt. Sie steckte ihre noch blutige Klinge in die Scheide. Sofort spürte sie, wie ihre Kraft wich. Sie musste sich an der Mauer des Klosters abstützen. Was hatte sie nur getan? Sie hatte nicht nur den Tod all dieser Männer befohlen, sondern auch von Kindern. Kinder, die von dem Prior auf einen dunklen Pfad geleitet worden war, die aber doch selbst unschuldig waren. Oder? Aber sie hatte Entscheidungen treffen müssen. Für die Sicherheit Valoriens. Geron hatte ihr schon früh beigebracht, dass die Stärke einer Königin darin lag, schwerste Entscheidungen zu treffen, die andere nicht treffen konnten. Letztendlich war ihr Vater auch deshalb gestorben, weil er nicht entschieden genug gegen seine Feinde vorgegangen war. Sie wollte, sie konnte nicht die gleichen Fehler machen. Dennoch… sie sah noch all das Blut vor ihrem inneren Auge. Es klebte an ihren Händen. Es würde immer an ihren Händen kleben.
Ihr Magen zog sich zusammen. Sie spürte noch, wie ihr der Magensaft hochstieg und dann beugte sie sich schon nach vorne, um sich zu übergeben. Geschwächt ging sie in die Hocke und atmete tief durch, sog die kalte Luft in ihre Lungen.
„Geht es dir gut?“ Sie spürte die Hand von Yatane auf ihrem Rücken, hörte ihre liebliche Stimme. Wortlos nickte sie.
„Komm, lass uns dort drüben kurz hinsetzen.“, sagte Yatane und deutete auf eine Bank im Hof. Sie half Luna auf die Beine und stützte sie, um sie zu der Bank zu geleiten. Dort zog sie sich schnell ihren Mantel von den Schultern, um Luna eine Unterlage zum Sitzen zu geben.
„Wird dir nicht kalt?“, fragte Luna als die Elfe ihr half, sich hinzusetzen.
„Es geht schon“, antwortete Yatane. Kälte war ähnlich wie Hunger oder Durst für Elfen weniger gravierend als für Menschen. Es war nicht angenehm, aber es störte sie weniger als der Gedanke, dass Luna womöglich krank werden konnte.
Yatane strich Luna über das Haar, als wäre sie wieder das kleine Mädchen. Sie erkannte den Ausdruck in Lunas Gesicht, als ihr Bauch anscheinend wieder verkrampfte. Dann drehte sich die Königin erneut weg und erbrach sich, während die Elfe ihre Haare zurückhielt. Erst dann drehte sich Luna wieder zurück und lehnte sich an die Elfe an. Erschöpft, aber irgendwie auch befreit.
„Hier, trink.“, sagte Yatane und bot Luna ihren Wasserschlauch an, den sie am Gürtel getragen hatte.
Luna nippte vorsichtig und trank einige kleine Schlucke. Nebeneinander saßen sie so schweigend in der Kälte. Außer dem Wind, der über Sonnfels strich, war es absolut still. Von drinnen hörte man nichts mehr. Keine Schreie. Keine Schritte. Keine Rufe. Als würde das Kloster noch immer schlafen. Doch Luna wusste, dass es nie wieder aufwachen würde.
„Ich musste so entscheiden.“, sagte Luna leise, entkräftet. „Aber gerade war ich mir noch viel sicherer. Nun fühle ich mich so… schwach. Als wäre ich den Aufgaben nicht gewachsen.“
Yatane strich ihr leicht die Haare aus dem Gesicht, die der Wind hineingeweht hatte. „Du bist die Königin Valoriens, und die Erbin des stärksten Menschen, den es je gab. Du führst auch die Klinge St. Gilberts. Sie gibt dir Stärke.“ Ja, Yatane wusste ob der Stärke des einstigen Königs. Sie lag in seinem Blut, das auch durch Lunas Adern floss. Luna nickte, antwortete aber nicht. So saßen sie einige Momente weiter still da.
„Es war nicht nur der Kampf, oder? Wieso dir schlecht geworden ist?“, fragte Yatane schließlich. Luna schüttelte den Kopf. Dann strich sie sich leicht über den Bauch.
Kapitel 4
Narthas sprang aus dem Sattel und landete sanft auf dem trockenen Boden der Steppe. Der Untergrund war fest, tief vereist, und Raureif hatte sich auf die verbleibenden Gräser gelegt, dennoch lag kein Schnee. Zu lange war es her, seit es hier Niederschlag gegeben hatte. Ein eisiger Wind wehte über die Ebenen und schlug dem Khan ins Gesicht. Dennoch fühlte er sich wohler als in den warmen Hallen Taarls. Denn dies war seine Heimat.
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