Als ich in die Straße einbiege, in der meine Eltern und meine Großmutter wohnen, sehe ich mich zu allen Seiten hin um.
Meine Eltern wohnen in einer kleinen Seitenstraße, die aber den gleichen Namen trägt. Direkt daneben befindet sich das Hotel, was sich schon seit Generationen im Familienbesitz befindet und welches von jeder Generation mindestens zweimal renoviert wird.
Während ich an dem Parkplatz, der dazu gehört, vorbeifahre erkenne ich, dass gerade anscheinend niemand dort wohnt. Stattdessen stehen zwei Autos vor der Tür, die irgendwelchen Handwerkern gehören. Aus der Entfernung kann ich aber leider nicht erkennen, welche es sind.
Ein letztes Mal seufze ich leise, nachdem ich den Wagen am Straßenrand abgestellt habe, ehe ich aussteige und auf das Haus zugehe, in dem ich aufgewachsen bin. Es ist nicht sonderlich groß, sodass es einem nicht direkt ins Auge fällt. Doch es ist groß genug, um die ganze Familie zu beherbergen, die nicht gerade klein ist.
Nachdem ich den Weg durch den Vorgarten entlang gelaufen bin, greife ich nach dem Türknauf und öffne die Tür.
„Mom? Dad?“, rufe ich in die Stille des Hauses hinein, nachdem ich es betreten habe. Dabei sehe ich mich zu allen Seiten hin um. Doch weder auf dem Sofa, welches sich auf der rechten Seite befindet, sitzen sie, noch an dem riesigen Esstisch, der eigentlich nur an Feiertagen genutzt wird und sich auf der linken Seite befindet.
Auch nach einigen Sekunden hat noch niemand geantwortet, sodass ich in die Küche gehe, die sich in dem hinteren Teil des Hauses befinden, aber auch dort ist niemand.
„Toll, sie will, dass ich komme und ist selber nicht da“, knurre ich schlecht gelaunt, während ich mich einmal im Kreis drehe.
Schnell gehe ich zum Kühlschrank, hole eine Wasserflasche heraus und nehme einen großen Schluck daraus. Dann sehe ich mich um.
Ich bin früher davon ausgegangen, dass meine Eltern es als Chance nutzen, das Haus verkaufen und die Welt bereisen, so wie sie es immer gesagt haben, sobald ich nicht mehr zu Hause wohne. Doch bis jetzt haben sie noch nichts in diese Richtung von sich gegeben.
Aber vielleicht hat meine Mutter mich auch deswegen hergeholt.
Kaum habe ich das Wohnzimmer wieder betreten, geht die Tür ein weiteres Mal auf und meine Eltern, gefolgt von meiner Oma, betreten das Haus. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass mein Vater ein wenig genervt aussieht und meine Mutter und meine Großmutter über irgendetwas diskutieren.
„Hi, Leute“, begrüße ich sie und unterbreche so ihre Unterhaltung.
Im ersten Moment sehen sie mich prüfend von oben bis unten an. Ein wenig kommt es mir so vor, als würden sie sichergehen wollen, dass ich es auch wirklich bin. Doch dann breitet sich ein glückliches Lächeln auf ihren Gesichtern aus.
„Ich hatte schon die Befürchtung, dass du heute nicht mehr kommst“, begrüßt mich meine Oma, schließt mich in ihre Arme und grinst mich dann wieder an. „Du siehst gut aus.“
„Danke“, murmle ich nur, da ich schon von meinen Eltern belagert werde, die mich ebenfalls für eine feste Umarmung an sich ziehen.
„Ich freue mich, dass es so schnell geklappt hat. Ich hoffe, dein Chef ist nicht zu wütend deswegen“, erklärt meine Mutter.
Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich ihr nur gesagt habe, dass ich mich von Anthony getrennt habe. Meine Entlassung habe ich mit keinem Wort erwähnt.
Ich kann es mir nicht verkneifen, die Augen zu verdrehen, als meine Mutter auf dieses Thema zu sprechen kommt. Mir war bewusst, dass sie früher oder später damit anfangen wird. Allerdings hatte ich gehofft, dass ich wenigstens noch bis morgen Zeit habe. Nun hat sie jedoch damit angefangen, daher werde ich ihr auch nicht ausweichen.
„Das glaube ich weniger. Nachdem ich entlassen wurde, kann es ihm egal sein, wie ich meine Zeit verbringe“, gebe ich ausweichend von mir.
Mit großen Augen und geöffneten Mündern stehen meine Eltern und meine Oma mir gegenüber und lassen mich keine Sekunde aus den Augen. Ich sehe meinem Vater an, dass er etwas dazu sagen will, doch das macht er nicht. Und darüber bin ich froh. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das morgen oder in einigen Tagen noch immer so aussieht.
Er kann nur schwer etwas für sich behalten. Und vor allem in solchen Dingen kann er nur schwer den Mund halten.
„Dann kommt das ja genau passend“, verkündet er stattdessen und geht an mir vorbei.
Verblüfft sehe ich ihm nach, als er in der Küche verschwindet, bevor ich mich wieder auf die beiden älteren Frauen konzentriere, die vor mir stehen.
„Würdet ihr mir jetzt vielleicht sagen, wieso ich hier bin? Ich verstehe nämlich ehrlich gesagt kein einziges Wort.“
Ich ziehe meine Augenbrauen ein Stück nach oben und zeige ihnen so, dass sie mir nicht ausweichen können. Zur Not werde ich so lange hier stehen bleiben, bis sie es mir gesagt haben.
„Lass uns in der Küche darüber sprechen“, erklärt meine Mutter und geht ebenfalls an mir vorbei.
Ich gebe einen letzten frustrierten Ton von mir, bevor ich ihr folge. Dort lasse ich mich auf einen Stuhl sinken und sehe alle drei gespannt an.
„Es geht um das Hotel“, verkündet meine Oma, nachdem sie sich mir gegenüber hingesetzt hat.
„Was ist damit?“
Meine Stimme klingt ein wenig skeptisch und vorsichtig, doch genau das bin ich auch.
„Ich werde es nicht mehr leiten“, verkündet sie nun und lässt damit eine Bombe platzen.
Es dauert ein wenig, bis ihre Worte bei mir angekommen sind. Allerdings weiten sich dann meine Augen, während ich sie genau beobachte. Allerdings verzieht sie nicht das Gesicht und auch sonst kommt es mir nicht so vor, als würde sie sich einen Scherz erlauben.
„Was?“, frage ich noch einmal nach, da es mir trotzdem so vorkommt, als hätte ich mich verhört.
Meine Oma liebt dieses Hotel, zumindest hat sie das in der Vergangenheit immer getan. Umso überraschender kommt nun diese Ankündigung von ihr.
„In den letzten Jahrzehnten habe ich nichts anderes getan, als dieses Hotel zu führen, gemeinsam mit deinem Großvater, und es erfolgreich zu machen. Und auch nach seinem Tod habe ich es nicht aufgegeben, sondern jede Minute des Tages in ihm verbracht. Nun bin ich jedoch der Meinung, dass es Zeit für mich ist, noch andere Ziele zu erreichen. Ich werde ja auch nicht jünger.“
Mit einem eindringlichen Blick betrachtet sie mich. Ich habe keine Ahnung, was ich dazu sagen soll. Doch es gibt eine Frage, die mir auf der Zunge liegt.
„Und wem gehört es nun?“
Unsicher sehe ich einen nach dem anderen an. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort darauf wirklich wissen. Doch sollte es verkauft worden sein, muss ich es wissen.
„Mir“, verkündet meine Mutter nun. Dabei höre ich den Stolz in ihrer Stimme.
Allerdings kann ich nicht näher darauf eingehen, da ich damit beschäftigt bin, die Nachricht zu verarbeiten.
„Moment“, gebe ich schließlich von mir und hebe meine Hand. Auf diese Weise zeige ich ihnen, dass ich gerade nicht mehr so ganz mitkomme. In gewisser Weise kann man auch sagen, dass es mir zu schnell geht. „Du willst neue Ziele verfolgen und du hast das Hotel übernommen?“
Nacheinander zeige ich auf die beiden Frauen, die begeistert nicken. Ich weiß gerade ehrlich gesagt nicht, ob ich ihre Begeisterung dafür teile.
Ich gebe zu, dass ich in der letzten Zeit nicht sehr viel mit ihnen telefoniert habe, da ich viel zu tun hatte. Doch wenn wir miteinander gesprochen haben, hat keine von ihnen etwas darüber gesagt, dass sie diesen Schritt gehen wollen.
„Wow“, flüstere ich schließlich.
„Ich weiß, das kommt wahrscheinlich sehr überraschend“, meldet sich mein Vater zu Wort.
„So kann man es auch ausdrücken.“
„Doch deine Mutter hat ein paar gute Ideen“, fügt er noch hinzu. „Ich bin mir sicher, dass sie bei den Gästen gut ankommen werden.“
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