Alle Anwesenden, egal ob Amerikaner oder Ruaner, waren wie erstarrt. Niemand glaubte der Basílissa ein Wort, nicht einmal ihre eigenen Bürger.
»Kein Grund zur Beunruhigung?«, wiederholte Eugene. »Ihr habt selbst gesagt, dass die Inseln nicht zerbrechen können! Wer weiß, was die dort drüben falsch gemacht haben – vielleicht haben sie sich nur falsch bewegt? Niemand weiß, wohin wir noch gehen können! Wir müssen unsere Völker auf den beiden Hälften lassen. Wenn wir weiterhin planlos umherlaufen, wird das üble Konsequenzen haben.«
»Ach, denen glaubst du?«, grummelte Kira. Sie strampelte unruhig und versuchte erneut erfolglos, sich aus dem starken Griff ihres Vaters zu lösen. »Lass mich los!«
»Damit du wieder beinahe eine Klippe herunterfällst? Das kannst du vergessen, Kind! Und jetzt benimm dich endlich, das ist ja kaum auszuhalten.«
»Wie war das?« Hana trat näher und betrachtete Kira eingehend. Besorgt sah sie dabei zu, wie sich das Mädchen erfolglos abmühte. Das Blut an ihrem Bein war noch nicht getrocknet. »Du wärst beinahe von der Kante gefallen?«
»W-war mein Fehler, es tut mir leid!«, jammerte Kira. Sie gab auf und hing schlapp in Eugenes Armen. »Mich hat euer Streit gestört, ich … wollte das nicht mehr hören. Als ich ganz nah am Meer war, habe ich nicht mehr verstanden, worüber ihr streitet.«
Die anderen Erwachsenen lauschten Kira schweigend. Sie waren regelrecht ergriffen, obwohl sie ahnten, dass es keine Viertelstunde dauern würde, bis sie erneut einen Streit begannen. Spätestens beim nächsten Regen würde alles von vorne losgehen.
»Mädchen, bitte! Wir streiten uns ab sofort nicht mehr.« Die Basílissa beugte sich zu Kira vor und ignorierte den spöttischen Blick von Khan Elliott. »Erwachsene sind manchmal doof, oder? Die streiten sich oft. Wir haben beschlossen, dass wir noch heute eine Grenze ziehen. Ihr Kinder werdet sie nicht mehr übertreten, und die gefährlichen Bereiche werden wir mit Zäunen absperren.«
Kiras Augen weiteten sich vor Schreck. Sie öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, doch Elliott schnitt ihr das Wort ab.
»Also, meine Damen und Herren – die Grenze zwischen Ruan und Amerika läuft durch den Marktplatz, den Tower und das Regenauffangbecken. Auf der ruanischen Seite sorgen die Getreidefelder für die Grundnahrung, die Amerikaner werden auf ihre Gewächshäuser zugreifen. Es ist sinnvoll, dass wir den regelmäßigen Markt fortführen, um eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten. Die verbleibenden Medikamente werden je nach Bedürfnissen verteilt.« Khan Elliott sah sich nach Beifall heischend um, niemand reagierte. Der Schreck saß noch immer in allen Knochen.
»Ich weiß, es ist heute etwas viel«, beschwichtigte Hana. »Die Tatsache, dass eine Insel zerbrechen oder kippen kann, ist beängstigend. Aber wir können das Problem in den Griff bekommen, wenn wir uns voneinander fernhalten. Die vergangenen neun Monate haben gezeigt, dass wir nur so fortbestehen können – wir haben akzeptiert, dass wir uns nicht akzeptieren können.« Ausnahmsweise schienen der Khan und die Basílissa einer Meinung zu sein, was seit der Katastrophe beinahe nie vorgekommen war. Kira fragte sich, wie sie so ruhig bleiben konnten.
»Unser besonderes Augenmerk legen wir auf die Kinder«, pflichtete der Khan der Basílissa bei. Er deutete auf Kira, die bleich vor Entsetzen die Luft anhielt. »Sie sind unsere Erben. Sollten wir keine Rettung bekommen, müssen wir uns darauf einstellen, mit ihnen die menschliche Rasse fortbestehen zu lassen.« Ein spöttisches Grinsen überfiel ihn. »Nun, wenn die ruanischen Kinder wild herumlaufen, ist das natürlich nicht mein Problem. Aber – Amerikaner! – wir sind gezwungen, unsere Kinder nicht mehr mit denen von der anderen Seite spielen zu lassen!«
Hana warf ihm einen abschätzigen Blick zu, ihre Fäuste ballten sich. »Es reicht allmählich«, zischte sie. »Lass es nicht wieder eskalieren.«
»Bitte, bitte«, machte Elliott und hob abwehrend beide Hände. Eine seiner öligen Haarsträhnen rutschte ihm in die Stirn. »Lasst uns die Grenze ziehen. Habt ihr Farbe, Ruan?«
»Das ist nicht wirklich euer Ernst!«, rief Augustin. Mit wehendem Schal trat er zwei Schritte vor und bedrohte den Khan mit seinem Zeigefinger. »Ihr wollt tatsächlich die letzte Möglichkeit begraben, Frieden zwischen unseren Völkern zu schaffen?«
»Frieden?«, wiederholten Elliott und Hana synchron.
»Ich bitte dich, Augustin«, spottete die Anführerin der Ruaner. »Wir hatten genügend Zeit, um zu verstehen, dass es nicht funktioniert. Vielleicht sitzen wir noch lange auf dieser Insel fest – und jeder weitere Tag mit den Amerikanern ist eine Qual.«
»Beruht auf Gegenseitigkeit«, merkte Elliott an. Er schaffte es nicht, die Strähne zurück zu den anderen zu streichen. Immer wieder glitt sie ihm in die Stirn, was ihn offenbar ebenso wahnsinnig machte wie die Anwesenheit der Basílissa. Kira konnte beide nicht leiden.
Da zog Aaron seinen Vater am Ärmel. Er sah zu ihm hinauf und schüttelte sanft den Kopf. »Hör auf, Papa. Selbst Kira hat gesagt, dass sie nichts mit mir zu tun haben will.«
»Ja, weil du feige bist!«, kommentierte Kira lautstark, wobei sie vergaß, dass das Geschenk, das sie noch immer umklammert hielt, von Augustin stammte.
»Das reicht jetzt!« Eugene drehte sich um und trug die fluchende Kira davon. Sie konnte nur noch sehen, wie Elliott die Arme verschränkte und erst zu Augustin, dann zu Hana sah.
»Also, was ist?«, fragte der Khan. »Habt ihr noch Farbe?
Die Grenze leuchtete als helle Linie auf dem Marktplatz, noch ehe der Rest der benachbarten Insel in die Fluten gestürzt war. Kira saß in ihrem Zimmer fest. Ihr Vater hatte ihr verboten, zurück an die Kante zu gehen. Sie wohnten eine schmale Gasse vom Marktplatz entfernt, die Stadt versperrte die Sicht zum Meer. Wenn Kira sich Mühe gab, konnte sie allerdings ein kleines Stück der weißen Farbe sehen, die zwischen den Häusern aufblitzte. Dafür musste sie sich auf ihren wackeligen Schreibtisch stellen, was ihr ein mulmiges Gefühl gab. Die Erinnerung an ihren Sturz ließ sie schnell wieder heruntersteigen.
Misstrauisch betrachtete sie den Tisch, als wäre er schuld an der ganzen Situation. Da er sich erwartungsgemäß nicht rührte, gab sie auf und sah sich gelangweilt im Zimmer um. Bis unter die Decke standen Bücherregale, denn ihre Mutter nutzte den Raum als Bibliothek. Kira konnte nicht lesen, und sie mochte den Geruch der alten Seiten nicht. Emilia Solomon hingegen meinte, es gäbe auf der Insel kaum etwas Wertvolleres. Wenn sie mit Kiras Vater sprach und den Schatz im oberen Stockwerk erwähnte, wusste Kira nie, ob ihre Mutter die Bücher oder ihre Tochter meinte.
Wut kroch in ihr hoch, verstopfte ihre Kehle wie ein widerspenstiges Wort. Am liebsten wäre sie Kreise gelaufen, bis sie sich beruhigt hatte, doch das Zimmer war zu schmal dafür. Also warf sich Kira auf das Bett und wollte gerade ihr Gesicht in den Kissen vergraben, als ihr das kupferne Taschenteleskop entgegenrollte und an den Kopf schlug.
»Au«, fluchte sie, rieb sich die Schläfe und betrachtete das schöne Werkzeug skeptisch. Warum hatte Augustin es ihr gegeben? Es sah viel zu wertvoll aus, um es grundlos zu verschenken. Außerdem hatte er ihr heute das Leben gerettet, warum machte er ihr danach ein zweites Geschenk? Noch dazu war sie eine Amerikanerin.
Kira sprang vom Bett und griff nach dem Teleskop. Es hatte drei kleine Beine, damit es sicher auf dem Schreibtisch stehen konnte. Sie richtete das Okular aus und sah gespannt durch die große Linse. Alles, was sie sah, war das zerschlagene Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Es war winzig und stand auf dem Kopf. Kira zog ihren Kopf ruckartig zurück und betrachtete das Gerät verwirrt. Sie brauchte einen Augenblick, um ihren Fehler zu bemerken. Nervös drehte sie die größere Linse in Richtung der Fensterscheibe, atmete tief durch und wagte einen erneuten Blick.
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