»Kira!«, rief eine weitere Stimme aus der Menge. Ein fülliger Mann bahnte sich einen Weg durch die Menschen und stolperte zu dem Mädchen. Eugene Solomon entriss sie ihrem Retter so ruckartig, dass Kira Mühe hatte, das Teleskop festzuhalten. Mit einem feindseligen Blick, der einer ungeduldigen Schlange gleichkam, taktierte ihr Vater den Ruaner und wollte gerade einen abschätzigen Kommentar ablassen, als Augustin den Kopf schüttelte und beharrlich weitersprach.
»Khan Elliott, es ist wahr«, verkündete er. »Sie können selbst zu dem Vorsprung am Ende dieser Gasse gehen und es überprüfen. Auf dem Ozean zerbricht eine Insel.«
Ein Raunen ging durch die Anwesenden, dann wurde es still. Ein fernes Grollen war zu vernehmen, ähnlich eines nahenden Gewitters. Einige legten den Kopf in den Nacken, konnten jedoch nur vereinzelte Wolken am rot leuchtenden Himmel erkennen.
»Das ist die Insel«, beharrte Augustin. In seinem Blick glomm Wut auf. »Geht sie euch ansehen, na los!«
Für wenige Sekunden hielten alle inne, dann kam Bewegung in die Menge. Sowohl Ruaner als auch Amerikaner liefen auf die kleine Gasse zu, während Kira in Eugenes Armen warten musste. Ihr Vater blieb stehen und wetterte leise vor sich hin. Erneut flogen derbe Flüche durch die Luft. Ein Amerikaner fiel keuchend zu Boden, als ihn eine beleibte Ruanerin mit beiden Händen vor seine Brust stieß. Ein junger Amerikaner mit ungeschickt kombinierter Kleidung, bestehend aus einer spiegelnden Sonnenbrille, Rollkragenpullover und einer braunen Cordhose, zückte ein Jagdmesser, das die gesamte Menge erstarren ließ. In diesem Moment gab der Boden unter ihren Füßen ein beunruhigendes Geräusch von sich. Es klang, als glitt ein Elefant eine zu enge Rutsche hinunter.
»Sofort stehen bleiben, allesamt!«, fluchte Khan Elliott. Er richtete erneut seine Frisur, obwohl sich seit dem letzten Mal rein gar nichts verändert hatte. »Wir können nicht gleichzeitig dorthin gehen, es würde die Insel kippen lassen.«
»Das ist idiotisch, warum sollten wir kippen?«, rief jemand. Ein anderer brüllte: »Du hast es sogar selbst bemerkt, dämlicher Amerikaner!«
»Ruhe jetzt!« Khan Elliott fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als wolle er auf diese Weise eine Biene verscheuchen. »Ich gehe allein nachsehen.«
»Das kannst du vergessen!« Eine glasklare Stimme erhob sich und zerschnitt die Menge wie ein heißes Messer. »Du glaubst doch nicht, dass die Amerikaner hier das Sagen haben, oder?«
Basílissa Hana von Ruan trat hervor, ihr blondes, wildes Haar zu unzähligen Zöpfen geflochten. Sie trug einen bodenlangen, dunkelgrünen Rock mit so starken Falten, dass man sich daran schneiden konnte. Der Khan und die Basílissa schienen aus zwei völlig unterschiedlichen Epochen zu stammen, und doch gingen sie demselben Beruf nach: Sie waren die Herrscher ihrer winzigen Völker.
»Ich meinte, dass ich als einziger Amerikaner nachsehen werde«, korrigierte sich Elliott kläglich. »Hana, du kannst natürlich mitkommen.«
»Das will ich wohl meinen.«
Die Herrscherin der ruanischen Bevölkerung erhielt vereinzelte Jubelrufe. Sie trat zu dem Khan und warf einen gefälligen Blick über ihre Schulter. Niemand wagte es, zu widersprechen. Vereinzelt gingen die Bürger zurück an den Platz, an dem sie vor dem gemeinsamen Aufbruch gestanden hatten, offenbar aus Angst, die Insel durch ihre bloße Anwesenheit erneut zu erschüttern. Der Khan und die Basílissa wandten ihrem Volk den Rücken zu und verschwanden leise diskutierend zwischen den Häusern.
»Wie kann es sein, dass wir kippen? Hier ist nicht der Mittelpunkt der Insel, oder?«, rief ein amerikanischer Jugendlicher. Er deutete anklagend auf den silbernen Turm, der aus den größtenteils zerstörten Häusern ragte. »Der Tower ist unser Mittelpunkt, er hat schließlich das Feld in einem gleichmäßigen Radius erstellt!«
»Was du nicht sagst«, kommentierte eine Ruanerin spottend. »Aber du vergisst, dass die Häuser und Hügel an unterschiedlichen Orten zu finden sind. Das hier ist kein Teller, auf dem alle Kartoffeln gleichmäßig verteilt sind, verstehst du das nicht?«
Der Jugendliche hob spöttisch eine Augenbraue und sah aus, als wäre es die Frau, die dringend mit einer Kartoffel verglichen werden musste. Noch ehe er den Mund öffnen konnte, bebte der Boden erneut. Alle hielten inne, einige zogen ihre Arme eng an die zitternden Körper.
»Oh je, oh je!«, rief eine Frau, die mit wehendem Haar und laut klackernden Schuhen auf der amerikanischen Seite verschwand.
»Es wird Zeit, dass die Grenze gezogen wird«, rief jemand lautstark aus der Menge.
»Ja, dann muss ich dich nicht mehr ertragen, Findus!«
»H-hört doch mal auf zu streiten!« Kira wand sich in den Armen ihres Vaters und sah aus, als würde sie die Dickköpfe jeden Moment wie ein übermütiger, aber wütender Welpe anspringen.
»Kira, sei still!«, zischte Eugene, der sie nun noch stärker festhielt. »Benimm dich!«
»Sie hat recht.« Augustin trat an seine Seite und zwinkerte Kira zu. »Die Kinder sind wenigstens vernünftig.«
»Hören Sie auf, meine Tochter anzustarren«, giftete Eugene und drehte sich von Augustin weg, als würde er sein liebstes Spielzeug vor ihm beschützen.
»Mein Papa hat Kira gerettet, Mister!«, ging Aaron dazwischen. Sein schwarzer Ohrring zitterte dabei. »Sie wäre sonst von der Klippe gefallen!«
Etwas in Eugene schien zu zerbrechen. Kira stellte sich vor, dass es sich dabei um ein Glas weißer Farbe handelte, denn im nächsten Moment war seine wutverzerrte Miene erbleicht.
»Ist das wahr?«, fluchte er. »Kira! Du sollst nicht am Rand der Insel spielen, wie oft soll ich dir das noch verbieten?!« Seine Worte nahmen an Fahrt auf, jetzt sah er Aaron zum ersten Mal in die Augen. »Hast du mit diesem ruanischen Jungen gespielt?«
»Nein, Papa!«, beteuerte sie, eilig den Kopf schüttelnd. Einer ihrer Zöpfe schlug dabei in Eugenes Gesicht, was Augustin kurz grinsen ließ. »Ich wollte, dass er weggeht! Ich wollte nur die Insel sehen, die zerbricht!«
»Kind, die Inseln können nicht zerbrechen. Du und deine blühende Fantasie!« Er warf Augustin einen kumpelhaften Blick zu, der in etwa »Kinder, nicht wahr?« bedeutete, ehe ihm einfiel, dass Augustin ein Ruaner war.
»Ich habe es auch gese—«, begann Aaron, doch sein Vater ließ ihn verstummen, indem er ihm sanft eine Hand auf die Schulter legte.
»Shh«, machte er. »Es ist zwecklos.« Augustin zwinkerte Kira zu, dann schob er Aaron nachdrücklich von den Amerikanern fort. Während sie den beiden nachsah, schloss Kira ihre Hände fester um das Teleskop.
»Woher hast du das?« Eugene beugte sich vor und betrachtete kritisch die filigranen Malereien im Metall. »Hat dir das dieser Spinner gegeben?«
»Gefunden«, haspelte Kira. Sie schluckte schwer und sah Eugene an, ohne sich zu bewegen. Er war wie ein übergroßes Spinnenwesen, das sie in einen klebrigen Kokon gewickelt hatte. Eugene wusste, dass sie log, aber er hatte keine Gelegenheit, darauf einzugehen.
»Die Grenze verläuft nicht genau durch das Auffangbecken, das wäre absurd!«
Die Köpfe auf dem Markt drehten sich in Richtung der Gasse, aus der Khan Elliott und Basílissa Hana streitend zurückkehrten. Obwohl sie sich große Mühe gaben, stets eine gewisse Erhabenheit auszustrahlen, war davon im Moment wenig übrig. Der kräftige Wind an der Kante hatte Elliotts Frisur vollkommen zerstört. Der Khan schüttelte gerade den Kopf.
»Es muss sein, sonst zetert ihr weiterhin ständig herum, dass wir euch das Wasser wegnehmen würden.«
Hana blieb stehen und öffnete ihren zartroten Mund einige Male, dann ließ sie genervt die Wut aus ihrer Nase entweichen und hob den Kopf.
»Volk von Ruan, Volk von Amerika!«, rief sie und stemmte die Arme in die Hüften. »Es ist wahr! Unsere Nachbarinsel ist gerade zerbrochen und zu großen Teilen im Meer versunken. Das ist jedoch kein Grund zur Beunruhigung!«
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