»Nun, meine Herren, wenn Georgia kämpft, gehe ich mit. Warum wäre ich sonst in die Truppe eingetreten?« sagte er, die grauen Augen weit geöffnet. Alles Verträumte war daraus verschwunden, und eine Spannkraft lag darin, wie Scarlett sie nie zuvor an ihm wahrgenommen hatte. »Aber ich hoffe wie Vater, daß es nicht zum Kampf kommt und die Yankees uns in Frieden lassen ...« Er hob lächelnd die Hand, als die Fontaines und Tarletons durcheinanderzureden begannen wie weiland die Leute beim Turmbau zu Babel. »Ja, ja, ich weiß, wir sind beleidigt und betrogen worden. Hätten wir aber in der Haut der Yankees gesteckt und wollten sie sich ihrerseits von der Union lossagen, wie hätten wir uns dann wohl verhalten? Ungefähr ebenso!«
»Das sieht ihm wieder einmal ähnlich«, dachte Scarlett. »Immer muß er sich in die anderen hineinversetzen.« Für sie hatte alles nur eine einzige Seite. Manchmal war Ashleyeinfach unverständlich.
»Wir wollen nicht so hitzköpfig sein und uns zum Krieg hinreißen lassen. Das meiste Elend in der Welt ist vom Krieg gekommen. Und jedesmal, wenn ein Krieg glücklich vorbei war, wußte niemand mehr so recht, umwas es eigentlich gegangen war.«
Scarlett rümpfte die Nase. An Ashleys Mut zweifelte zum Glück niemand, sonst wäre die Sache bedenklich gewesen. Schon erhob sich um ihn herum ein unwilliges, gefährliches Lärmen leidenschaftlich widerstreitender Stimmen.
Auf dem Rasenplatz unter den Bäumen stieß der taube alte Herr aus Fayetteville India an. »Was geht da eigentlich vor? Worüber reden sie?«
»Über Krieg!« trompetete ihm India durch die hohle Hand ins 0hr. »Sie wollen mit den Yankees kä mpfen!«
»Krieg, sagen Sie?« Er suchte nach seinem Spazierstock und erhob sich mühsam aus seinem Stuhl, aber mit so viel Energie, wie er seit Jahren nicht gezeigt hatte. »Ich will ihnen sagen, was Krieg ist. Ich habe ihn mitgemacht.« Mr. McRae kam selten dazu, vom Krieg zu erzählen, meistens brachten ihn seine Frauensleute vorzeitig zum Schweigen. Eilig stapfte er auf die Gruppe zu und schwenkte mit erhobener Stimme den Stock. Da er die anderen nicht hören konnte, war er bald unbestrittener Herr desSchlacht feldes.
»Ihr jungen Eisenfresser, hört mich an. Wir wollen keinen Krieg. Ich war im Kriege und weiß, wie das ist. Ich bin im Seminolenkrieg gewesen und war dumm genug, auch noch in den mexikanischen zu gehen. Ihr meint, da reitet man ein hübsches Pferd, die Mädchen streuen euch Blumen und ihr kommt als Held nach Hause. Nein, meine Herren! Hunger hat man und bekommt Masern und Lungenentzündung, weil man im feuchten Gras liegen muß. Und sind es nicht Masern und Lungenentzündung, so ist es das Gedärm. Ja, meine Herren, was der Krieg einem da nicht alles antut ... Durchfall und so was ...«
Die Damen wurden rot bis unter die Haarwurzeln. Mr. McRae war das Überbleibsel eines rauheren Zeitalters. »Hole rasch deinen Großvater«, zischte eine seiner Töchter einem jungen Mädchen zu. »Wahrhaftig!« flüsterte sie den aufgeregten Matronen um sie her zu, »jeden Tag wird es schlimmer mit ihm. Wollen Sie mir glauben, heute morgen sagte er zu Mary - sie ist erst sechzehn -: >Nun, kleines Fräulein ...<���« Der Rest wurde noch leiser geflüstert, während die Enkelin sich entfernte, um Mr. McRae auf seinen schattigen Platz zurückzuführen.
Unter all den aufgeregt lächelnden Mädchen und leidenschaftlich debattierenden Männern war offenbar nur einer, der nicht aus der Ruhe zu bringen war. Scarlett sah Rhett Butler an einen Baum gelehnt dastehen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Seit Mr. Wilkes ihn verlassen hatte, war er allein und hatte, als das Gespräch sich erhitzte, kein Wort mehr gesprochen. Unter dem kurz geschnittenen schwarzen Schnurrbart verzogen sich spöttisch die roten Lippen, ein Strahl belustigter Geringschätzung glomm in den schwarzen Augen, als höre er prahlenden Kindern zu. Ein unangenehmes Lächeln, fand Scarlett. Er hörte ruhig zu, bis Stuart Tarleton mit zerzaustem Haar und blitzenden Augen wiederholte: »In einem Monat haben wir sie verprügelt! Gentlemen kämpfen immer besser als der Pöbel. Ein Monat ... nein, eine einzige Schlacht ...«
»Meine Herren«, sagte Rhett Butler in der klingenden, verschliffenen Mundart von Charleston, ohne sich aus seiner bequemen Haltung zu rühren oder die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. »Darf ich ein Wort dazu sagen?« Sein Tonfall war ebenso geringschätzig wie seine Blicke, aber verschleiert durch eine Höflichkeit, mit der er sich gleichsam über sich selbst lustig machte. Man wandte sich ihm mit jener Verbindlichkeit zu, die man immer für einen Außenseiter bereit hatte.
»Hat irgendeiner der Herren schon einmal daran gedacht, daß es südlich der Mason-Dixon-Linie keine einzige Waffenfabrik gibt und wie wenig Eisengießereien wir hier im Süden haben? Wie wenig Wollspinnereien, Baumwollwebereien, Gerbereien? Haben Sie daran gedacht, daß wir kein einziges Kriegsschiff haben und daß die Yankeeflotte uns binnen einer Woche die Häfen sperren kann, so daß wir unsere Baumwolle nicht mehr verschiffen können? Aber natürlich ... an all das haben die Herren längst gedacht.«
Der hält wahrhaftig die Jungens für lauter Esel! Scarlett war empört. Das Blut stieg ihr heiß in die Wangen. Mehrere junge Leute warfen das Kinn empor. John Wilkes kam wie zufällig, aber eilig an seinen Platz neben dem Sprechenden zurück, als wollte er den Anwesenden damit deutlich machen, daß dieser Mann sein Gast war, und sie außerdem an die anwesenden Damen erinnern. »Das Schlimmste bei uns Südstaatlern ist«, fuhr Rhett Butler fort, »daß die meisten nicht genug gereist sind oder nicht genug aus ihren Reisen gelernt haben. Von Ihnen, meine Herren, sind natürlich alle weit herumgekommen. Was aber haben Sie gesehen? Europa, New York, Philadelphia, und die Damen waren natürlich in Saratoga.« Er machte eine leichte Verbeugung nach der Damengruppe unter den Bäumen. »Sie haben die Hotels und die Museen, die Bälle und die Spielbank gesehen. Und dann sind Sie mit der Überzeugung nach Hause gekommen, so schön wie hier im. Süden sei es doch nirgends auf der Welt. Was mich betrifft ich bin zwar in Charleston geboren, habe aber die letzten Jahre im Norden verbracht.« Ein Lächeln entblößte seine weißen Zähne, als wäre es ihm wohlbekannt, d aß alle Anwesenden seine Geschichte wüßten, und als machte er sich nicht das geringste daraus. »Ich habe vieles gesehen, was Sie alle nicht gesehen haben. Die Tausende von Einwanderern, die gern gegen freie Beköstigung und ein paar Dollar Sold für die Yankees fechten würden, die Fabriken, die Gießereien, die Werften, die Bergwerke ... all das, was wir nicht haben. Wir haben ja nur unsere Baumwolle, unsere Sklaven und unseren Hochmut. Die werden in einem Monat mit uns fertig.«
Einen gespannten Augenblick lang herrschte Schweigen. Rhett Butler zog ein feines Leinentaschentuch hervor und stäubte sich nachlässig den Ärmel. Dann erhob sich ein unheilverkündendes Geraune und Gemurmel ringsum. Das Summen von der Gruppe unter den Bäumen her glich dem eines aufgeschreckten Bienenschwarms. Auch Scarlett spürte, wie ihr der Zorn in die Wangen stieg, aber zugleich schoß durch ihren nüchternen Kopf der Gedanke, daß alles, was dieser Mann da sagte, höchst verständig klinge und richtig sein könne. Sie hatte zwar noch nie eine Fabrik gesehen und kannte auch niemanden, der eine gesehen hatte. Aber selbst wenn er die Wahrheit redete, so war er doch kein Gentleman, denn man sprach solche Dinge nicht auf einer Gesellschaft aus, auf der man zum Vergnügen weilte.
Stuart Tarleton kam mit gesenkten Brauen heran, und Brent folgte ihm auf dem Fuße. Die Zwillinge wußten sich selbstverständlich zu benehmen und würden schwerlich auf einem Gartenfest eine ernstliche Szene machen, aber trotzdem gerieten die Damen in eine wohlige Erregung - es kam so selten vor, daß sie einen Streit selber miterlebten; meistens lernten sie ihn nur vomHörensagen kennen.
Читать дальше