Mit Almas Warnung im Ohr betrat Thekla wenig später in Jennys Begleitung das Haus und erschrak trotzdem. Schon an der Haustür schlug ihr der Geruch nach Frittiertem entgegen. Im Hausflur waren die rohen Balken des gestrickten Holzhauses zu sehen. Die junge Familie war wohl so schnell wie möglich eingezogen. Als Garderobe dienten ein paar lange Nägel, die jemand in die Wand geschlagen hatte. „Zeigst du mir, wo das Klo ist?“, bat sie Jenny, die sie in ein hübsches, jedoch völlig verdrecktes Badezimmer mit Dusche führte und sich dann weigerte, ihr neues Kindermädchen einen Moment allein zu lassen. Thekla verschob also ihr dringendes Bedürfnis auf später und ließ sich in die Küche führen, um Almas Geschenke in den Kühlschrank zu legen. In der Küche war der Fettgeruch noch viel penetranter und alles schien von einem Fettfilm überzogen zu sein. Im Kühlschrank herrschte bis auf zwei Flaschen Bier und eine große Flasche Ketchup gähnende Leere und das war gut so, denn er musste dringend geputzt werden. Thekla öffnete ein Fenster, um frische Luft in den Raum zu lassen und schaute sich weiter um. In der Spüle stand schmutziges Frühstücksgeschirr. „Die Spülmaschine ist auch kaputt“, erzählte Jenny. „Wir schauen nachher“, versprach Thekla. „Zeigst du mir noch das Wohnzimmer und das Kinderzimmer?“ Auch im Wohnzimmer waren die Wände roh und bis auf ein Sofa und einen Fernseher stand nichts darin. Im Kinderzimmer herrschte das totale Chaos. Rechts und links an den Wänden standen zwei alte Betten mit hohen Kopf- und Fußteilen und hinter der Tür befanden sich zwei Kleiderschränke und eine alte Kommode mit vier Schubladen. Der Boden war übersät mit Spielzeug, das zum Teil kaputt war.
Als Jenny in ihrer Rolle als Hausführerin die nächste Tür öffnete, war es Thekla, als komme sie in eine andere Welt. In dem mit hellem Holz getäfelten Zimmer stand ein Doppelbett aus lindgrün gebeiztem Holz. Die rechte Hälfte war unbenutzt und mit einer weißen Wolldecke abgedeckt, die linke ordentlich gemacht. Auf beiden Seiten des Bettes waren Nachtkästchen, darauf standen Nachttischlampen mit weißen, glockenförmigen Glasschirmen und links ein Wecker. An der Wand über dem Bett hing ein Hochzeitsfoto in einem schmalen Goldrahmen. Darauf war ein junger, glücklicher Gerhard zu sehen, der unbekümmert in die Kamera grinste und seinen Arm um eine zierliche Frau mit kurzem schwarzem Haar, einer frechen Stupsnase und grünen, leicht schräg gestellten Augen legte. Sie trug ein weißes Kostüm und auf dem Kopf ein freches Pillbox-Hütchen mit einem gepunkteten Tüllschleier. In der Hand hielt sie eine einzelne Callablüte. Auch sie strahlte übers ganze Gesicht und ihre Fröhlichkeit wirkte selbst auf dem Foto ansteckend. Jenny folgte Theklas Blick. „Das ist mein Papa mit meiner Mama“, erklärte sie. „Sie heißt Tatjana, das finde ich komisch“, fuhr sie fort. „Sie ist sehr hübsch und der Name passt gut zu ihr“, meinte Thekla freundlich. Ihr Blick wanderte weiter zu dem antiken Stuhl, auf dem ordentlich gefaltet eine Jeans und ein T-Shirt lagen. Die gegenüberliegende Wand wurde von einem deckenhohen hellen Holzschrank eingenommen. Neben der Tür stand eine Spiegelkommode mit einigen niederen Schubladen und vor dem Bett lag ein weißer Vorleger mit langem Flor. Durch die Balkontüren drang Sonnenlicht ins Zimmer, das durch die luftigen bodenlangen Voile-Gardinen kaum behindert wurde. In die zartgrünen Nachtvorhänge waren feine Blüten gestickt. Hier hatte ein ordnungsliebender Mensch ein Refugium, das vom Chaos im Rest des Hauses verschont geblieben war. Ob er Tatjana immer noch liebte, fragte Thekla sich lieber nicht, denn sonst wäre sie wahrscheinlich gleich mit dem nächsten Bus zu Marie zurückgefahren.
„Ich hab Hunger“, meldete sich Jenny in Theklas Gedanken. „Machst du mir Pommes mit ganz viel Ketchup? Joyce hat uns immer Pommes gemacht.“ „Darauf hätte ich fast gewettet“, bemerkte Thekla grimmig. „Wir können ja schauen, ob noch welche da sind“, schlug sie vor. Auf einmal mehr kam es auch nicht an und besonders viele Vorräte schienen sie nicht zu haben. Jenny führte sie über die Treppe nach unten in den Vorratskeller. Dort stand ein Gefrierschrank, in dem zwei Säcke mit Pommes Frites, einer mit Croquetten und eine Packung Fischstäbchen lagen. In einem anderen Fach fand Thekla drei große Becher mit Eiscreme und eine einsame kleine Schachtel mit Zuckererbsen. Auf dem Regal an der Wand standen einige Dosen mit Kompott und ein paar Gläser Marmelade. Andere Vorräte gab es in dem Keller nicht. Daneben befand sich die Waschküche, wo sich ein hoher Wäscheberg türmte. Offensichtlich war die Waschmaschine noch immer defekt. Vielleicht lag es nur am Flusensieb, das war in der Künstler-WG auch zweimal passiert, dachte Thekla hoffnungsvoll. Sie schraubte das Sieb heraus und fand ihre Annahme bestätigt. Das Ding war völlig verkalkt und verstopft. Thekla ging zum Waschbecken und säuberte es mit einer Bürste. Dann schraubte sie es wieder hinein und belud die Maschine mit Kinderwäsche. In einer halben Stunde würde sie kontrollieren, ob sie noch rann, nahm sie sich vor. In der Küche leerte sie die halbe Packung Pommes auf ein Backblech und schob es ins Backrohr. Von ihrem Erfolg mit der Waschmaschine ermutigt, reinigte sie auch den Abfluss des Geschirrspülers und schaltete das lange Intensivprogramm ein.
Als die Pommes soweit waren, schaufelte sie Jenny einige davon auf den Teller und gab einen Klecks Ketchup dazu. „Mehr Ketchup“, verlangte das kleine Mädchen. Als Thekla ihrem Wunsch entsprach, fing sie genüsslich an zu essen. „Salz fehlt“, verkündete sie gleich darauf. Thekla streute Salz auf die Kartoffelstäbchen und dann war Jenny zufrieden. Thekla musste schmunzeln. Die Kleine war ein Junk-Food-Gourmet, falls es so etwas gab. Gleich darauf knallte die Tür und Robert stürmte herein. „Ich will auch Pommes“, rief er und grapschte sich eine Handvoll von Jennys Teller. Diese fuhr ihm mit ihren fettigen Fingern in die Haare und riss daran. „Aufhören, sofort!“, befahl Thekla, trennte die beiden und stellte Robert ebenfalls einen Teller mit Pommes Frites vor die Nase. Robert stopfte alles in sich hinein und verlangte dann ein Eis. Jenny, die bereits ihre zweite Portion Pommes aß, wollte ebenfalls Eis. „Habt ihr zu Mittag immer Pommes und Eis gegessen?“, fragte sie. Die Kinder nickten. „Fast immer, das ist unser Lieblingsessen“, grinste Jenny mit ketchupverschmiertem Mund. Thekla nahm sie vor, die Dinge langsam zu ändern und gab den Kindern Eis.
In den Schubladen in der Küche fand sie Mehl, Grieß, Haferflocken, Cornflakes und Nudeln. Damit müssten sie ohne Probleme übers Wochenende kommen, schätzte Thekla. „Dürfen Jenny und ich eure Baumhütte anschauen, Robi?“, fragte sie nach dem Essen und der kleine Bub war einverstanden. „Karli und Stefan haben sie mit ihrem Papa gebaut“, erzählte er, „und ich darf auch hinauf. Aber für Mädchen ist sie verboten. Ihr dürft nur von unten schauen und den Platz niemandem verraten.“ „Gut, wir verraten ihn niemandem“, versprach Thekla. Sie zog ein Sweatshirt und alte Jeans an und schnappte sich ihre Umhängetasche mit den Äpfeln und der Wasserflasche, um sie mit auf den Spaziergang zu nehmen. Von den Nägeln im Flur nahm sie Trainingsjacken für die Kinder und es konnte losgehen. Sie spazierten auf der schmalen Straße dem Bach entlang, kamen an einer kleinen alten Kapelle vorbei und bogen vor dem Sägewerk am Ende der Straße auf einen Waldweg ein. Weiter ging es an einer Bank vorbei in den Wald, wo Almas Mann zwischen vier Bäumen eine Hütte für die Buben gezimmert hatte. Robi wusste, wie man die Strickleiter herunterließ und kletterte flink hinauf. Stolz winkte er von oben herunter. „Das ist nur für Männer“, verkündete er. „Natürlich, für Jenny und mich wäre das zu gefährlich“, pflichtete ihm Thekla bei. Auf dem Rückweg setzten sie sich auf die Bank, tranken Wasser und aßen die Äpfel. Dann gingen sie bei Alma vorbei, wo sie Hefe für einen Zopf bekamen.
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