Im zweiten Jahr folgte der nächste Schritt: Was will ich mit dem Garten? Will ich einen Nutzgarten mit Gemüse, einen Spielplatz für meine Familie und zum Grillen am Wochenende oder einen Platz, um mich zurückzuziehen zum Meditieren und die freie Natur zu genießen? Die Antwort auf diese Frage wandelte sich mit den Jahren, so dass sich der Garten immer wieder ein wenig veränderte.
Der Nutzgartenbereich mit Obst und Beeren war schon vom Vorgänger vorbestimmt. Eindrucksvoll war die Pergola, die vollständig mit Weinreben überzogen war. Sie bildeten nicht nur, wenn die blauen Burgunderrauben reif waren, ein schattenspendendes Dach, sondern hingen so zahlreich von der Decke, dass man sich in einem Schlaraffenland wähnte. Man brauchte nur die wohlschmeckenden Trauben von der Decke zu pflücken und vernaschen. Das war die Attraktion für uns und jeden Besuch. Mit der Zeit jedoch wurden die Traubenstöcke von Mehltau befallen und die Weinstöcke gingen ein. Ich ersetzte sie dann durch Clematis, die im Frühsommer sehr schöne große lila Blüten entwickelten.
Am Anfang diente der Garten als eine Art Freizeitpark für uns. Die Kinder hatten einen Sandkasten und eine Schaukel. Wir verwandelten die Gemüsebeete des Vorgängers in eine Spielwiese, auf der unsere Kinder Federball und Fußball spielten. Wenn der Ball in die Nachbarparzellen flog, gab es großen Ärger mit den angrenzenden Gartenfreunden. Im Mittelpunkt für die Kinder stand an heißen Tagen der Wasserschlauch, mit dem sie sich mit lautem Geschrei bespritzten. Durch dieses Geschrei, das an ein öffentliches Schwimmbad erinnerte, waren wir nicht gerade bei unseren Gartennachbarn beliebt. Am Anfang bestanden die Gartenfreunde nur aus älteren Ehepaaren, die fleißig ihr Gemüse züchteten und das Vereinsleben als ihren Mittelpunkt betrachteten. Wir brachten die ersten Kinder in den Garten. Das war ein Novum für die Gartenkolonie. Heute ist das ganz normal. Mit der Zeit wandelte sich das Bild der Gartenfreunde: Junge Ehepaare mit Kindern aus Russland, Jugoslawien, Italien und der Türkei zogen hinzu. Sie haben ganz andere Vorstellungen vom Garten. Für sie ist der Garten einerseits ein Nutzgarten, andererseits ein Freizeitpark für die Familie und die Gartenlaube eine Art Datschaersatz. Nun waren wir nicht mehr allein mit unseren Kindern. Das Vereinsleben stand zum Leidwesen der Alteingesessenen nicht mehr im Mittelpunkt, dafür drehte sich bei den neuen Gartenfreunden alles mehr um die Familie. Man hörte die alteingesessenen Gartenfreunde sagen: „Es sind doch immer die Gleichen, die sich für die Gartenkolonie einsetzen!. Was wird, wenn wir mal nicht mehr da sind?“ Na ja, das Leben geht weiter, es hat sich schon immer eine Lösung gefunden. Auf der Terrasse der Gartenlaube stellten wir einen Grill auf, auf dem wir Steaks und Würste brutzelten, eine einfache Malzeit, die schmeckte und wenig Arbeit machte. Ich war dann der Grillmeister, während meine Frau für die Salate und den Abwasch zuständig war. Mit der Zeit ließ jedoch das Interesse meiner Familie für den Garten nach. Meine Kinder wuchsen heran und bevorzugten am Sonntag mehr ihre Freunde, mit denen sie durch die Stadt zogen. So ließ auch das Interesse meiner Frau am Garten nach. Zum Schluss blieb ich allein im Garten.
Nun hatte ich den Garten ganz für mich und ich konnte nach meinem Geschmack darüber bestimmen. Ich hatte einen Platz, um mich zurückzuziehen, zum Genießen und zum Meditieren, ein kleines Paradies, hier fand ich meine Ruhe, es herrschte nicht mehr der laute Familienrummel vor. Der Garten war nun das, was ich mir in meinem Innersten schon immer gewünscht habe. Hier galt das Goethezitat: „Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein“.
Jetzt , da ich im Garten allein schalten und walten konnte, wurde die Frage wieder erneut aktuell: Bevorzuge ich einen Naturgarten oder eher einen konventionellen Garten? Einen Wildwuchs mit hohem Gras, verwilderten Bäumen und undurchdringlichem Brombeergestrüpp erlaubt schon die Gartenordnung unserer Gartenkolonie nicht. Aber das entspricht auch nicht meiner Vorstellung von einem Garten. Ein Garten ist für mich ein Stück Natur, bei dem ich der Schöpfer bin, aber nur soweit, dass die Natur nicht in eine Zwangsjacke gesteckt wird. Es soll alles natürlich aussehen, aber nicht perfekt. Ist eine Frau perfekt gebaut, eine vollständig harmonische Schönheit wie Aphrodite, so kommt bei mir kein Gefühl auf. Hat sie kleine Schönheitsfehler wie nicht ganz gerade Beine mit durchtrainierten Waden, so wirkt eine Frau auf mich sehr anziehend. Das Gleiche gilt für den Garten. Einzelne Blickpunkte wecken in mir Gefühle, bringen mir den Garten näher, verinnerlichen ihn in mir. Eine verträumte Bank könnte es sein oder ein kleiner Gartenteich mit einem Springbrunnen, der beruhigend plätschert. Als Solitär machen sich auch Pampagras oder Bambus ganz gut.
Nun zur Sache: Soll es nun ein konventioneller oder ein Naturgarten sein? Unter einem konventionellen Garten versteht man im Allgemeinen ein paar sauber angelegte Gemüsebeete, einen kurzgeschnittenen Rasen, evtl. Obstbäume und Buschreihen mit Beeren und ein paar Rabatten mit Blumen zur Verschönerung. Bei einem Naturgarten dagegen müssen Voraussetzungen geschaffen werden, dass sich verschiedene Lebensgemeinschaften zu einem Stück Natur entwickeln können. Das erfolgt nur, wenn man die Natur versteht und die vernetzten Zusammenhänge und Wechselspiele in der Natur erkennt. Vor allem sollen nach meiner Meinung meine Bedürfnisse wie Entspannung, Muße und Natur erleben in den Naturgarten integriert werden. Haus und Garten müssen eine harmonische Einheit bilden.
Ich entschließe mich für einen Kompromiss zwischen einem konventionellen und Naturgarten. Ich schaffe wilde Ecken. mit Glockenblumen, Margariten, Salbei, Hahnenfuß, Klee, Knautien, Flockenblumen und Schafgarben. Auch das Gemüsebeet soll eine Lebensgemeinschaft von Blumen und Gemüse sein, halt ein richtiger Bauerngarten. Zwischen das Gemüse pflanze ich Ringelblumen, Löwenmäuler, Dahlien, Sonnenblumen und Nachtkerzen in der Hoffnung, dass alle Gartenteile zu einem natürlichen gesamten Lebensraum zusammenwachsen. Mache ich es richtig, werden sich auch bald Tiere wie Vögel, Schmetterlinge, Bienen, Blindschleichen, Igel, Käfer und Frösche einfinden, und ich habe einen Garten, in dem ich mit Muße die Natur beobachten, mich entspannen und meine Seele baumeln lassen kann.
Der Garten - ein kleines Paradies auf Erden
Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen,
solange man einen Garten hat.
Aus Persien
Seit wir aus dem Paradies vertrieben worden sind, haben wir große Sehnsucht, wieder in das Paradies zu kommen. Im Paradies waren wir als Menschen zusammen mit den Tieren und Pflanzen eins mit der Natur. Nachdem Eva von dem Baum der Erkenntnis den Apfel gepflückt und ihn Adam zum Essen gereicht hat, haben sie diesen Einszustand aufgehoben. Sie erkannten, dass sie als Menschen mit einem gewissen Schuldbewusstsein und einem Bewusstsein, dass es Tod und Leben, Mann und Frau, Sünde und Moral, Gut und Böse, Menschen, Tiere und Pflanzen gibt, existieren.
Die Menschen sahen sich als höchstes Wesen, das Gott erschaffen hat, und stellten sich als Stellvertreter über die Natur. Sie sahen sie als feindlich an, versuchten sie zu bezwingen und sich untertan zu machen. Sie erforschten sie, um sie zu bändigen und machten sie urbar. Sie bauten Häuser, um sich gegen die Kälte, Wind und Regen zu schützen, sie legten Äcker an, um ihre Nahrungsquellen zu optimieren. Sie beuteten die Bodenschätze aus und holzten die Wälder ab. So lebten sie bis heute ganz gut. Die Natur hatte ihnen viel gegeben, auch viel Geduld ihrem Raubbau entgegengebracht, aber jetzt ist das Maß voll und sie rächt sich bitter mit Naturkatastrophen und zeigt uns, dass wir in der Welt doch nur ganz kleine Wesen sind. All das hat unsere Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies lebendig erhalten. Wir suchten es in der Religion, die den guten Menschen im Himmel das ewige Paradies versprach. Aber auch auf der Erde versuchten wir es zu finden. Wir wähnten uns mit einer Jungfrau im Bett im siebten Himmel, oder glaubten das Paradies in den jungfräulichen Urwäldern mit seinen mit der Natur lebenden wilden Indianern oder in Arkadien gefunden zu haben. Aber alles waren nur Träume, die wir hatten. In Wirklichkeit fanden wir das Paradies nicht. Es blieb eine Illusion. So versuchten wir das Paradies selbst zu erschaffen.
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