Kopfschüttelnd verließ Charlotte das Zimmer. ‚Der spinnt doch‘, dachte sie. Gleichzeitig musste sie sich eingestehen, dass sie seine Ansage nicht ablehnen konnte. Wenn Richling sich etwas in den Kopf gesetzte hatte, war es nur schwer, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Und ein echter Mord war für ihr Lokalblatt das gefundene Fressen. Charlotte lief wieder in ihr Bürozimmer und sank auf ihren Stuhl. „Häng‘ dich an den leitenden Beamten ran“, hatte Richling gesagt. Ohne große Lust zog Charlotte die Visitenkarte des Kommissars aus ihrer Hosentasche. Darauf stand: Kriminalhauptkommissar Paul Jankovich, Polizeipräsidium Stuttgart. Charlotte griff nach ihrem Telefonhörer und wählte mit leicht zitternden Fingern die Nummer auf der Visitenkarte. Während sie das Freizeichen hörte, atmete sie tief durch. Nach dem 4. Klingeln hob jemand ab. „Jankovich“, klang die Stimme des Kommissars in ihr Ohr. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihn wieder vor sich, wie er gestern Abend am Tisch gegenüber gesessen hatte. „Ähm ja, hier ist Charlotte Bienert. Also ich war gestern im Landesmuseum...“, Jankovich unterbrach sie und erwiderte sachlich: „Ich erinnere mich, Frau Bienert. Was kann ich für Sie tun? Ist Ihnen noch etwas eingefallen?“ Charlotte haderte mit sich, aber nun gab es kein Zurück mehr. „Das nicht, aber... naja, Sie wissen ja, dass ich Journalistin bin. Und als ich meinem Chefredakteur von der Geschichte gestern Abend erzählt habe, raten Sie mal was er gesagt hat?“ Sie machte eine Pause in der Hoffnung, er würde tatsächlich raten. Tat er nicht. Er schwieg. Plappernd fuhr Charlotte fort: „Also, er hat vorgeschlagen, dass ich Ihnen... quasi ein bisschen über die Schulter schaue, damit ich einen gut recherchierten Artikel über... das, was gestern passiert ist, schreiben kann.“ Unwillkürlich hatte Charlotte beim Sprechen die Finger gekreuzt. Die Stimme des Kommissars klang frostig, als er erwiderte: „Nein, tut mir leid, Zivilisten sind grundsätzlich von den Ermittlungen ausgeschlossen. Ich kann Ihnen im Moment auch keine weiteren Auskünfte geben, weil ich das Ermittlungsverfahren nicht gefährden darf. Außerdem haben wir eine eigene Pressestelle im Präsidium, über die sämtliche Kommunikation nach außen verläuft.“ Charlotte seufzte, gab jedoch noch nicht auf. „Hören Sie, ich reiße mich auch nicht darum, aber... ich möchte ungern meinen Job verlieren, verstehen Sie?“ „Ich glaube nicht dass Ihr Job daran hängt, Frau Bienert“, erwiderte der Kommissar in immer noch frostigem Tonfall. „Wenn Sie keine weiteren Informationen für mich haben, möchte ich das Gespräch jetzt gerne beenden.“ ‚Das war’s dann‘, dachte Charlotte und sagte mutlos: „Ja ok, dann... lasse ich Sie mal in Ruhe. Entschuldigen Sie die Störung. Auf Wiederhören.“ Sie legte auf, ohne auf seine Antwort zu warten. Als nächstes klingelte sie bei ihrem Chef durch. „No chance, er hat mich im Schnelltempo abgebügelt.“ Sie ahmte Jankovich nach: „Er will das Ermittlungsverfahren nicht gefährden.“ Richling überlegte und schlug dann vor: „Dann gehst du jetzt einfach selber zum Museum, zeigst deinen Presseausweis jedem, der dir über den Weg läuft und sagst, dass du Fragen über das Opfer stellen möchtest. Wer ihn kannte, wie er so war... Ob irgendjemandem was Merkwürdiges bei ihm aufgefallen ist, und so weiter.“ Zweifelnd fragte Charlotte: „Glaubst du nicht dass alle dort einen Maulkorb von der Polizei bekommen haben, dass sie mit niemandem darüber reden dürfen?“ Ungerührt erwiderte Richling: „Glaub‘ mir, Charlotte, die Leute reden einfach zu gern, um sich an Regeln zu halten. Und wenn was ist, ruf‘ mich halt an.“ Damit legte Richling auf. „Arschloch“, sagte Charlotte halblaut zu dem tutenden Hörer, als ihr Kollege Sebastian Pfeiffer ins Büro kam. „Dir auch einen wunderschönen guten Morgen!“ Der junge Mann grinste anzüglich und warf seine Tasche vor seinem Schreibtisch zu Boden. “Nicht du – der Chef.“ „Ach, will er dich jetzt doch zu Garten&Grünzeug abschieben? Was hast du angestellt?“ Charlotte protestierte. „Gar nichts! Ich soll jetzt ‚ermitteln‘ gehen – obwohl ich überhaupt keine Ahnung davon habe.“ Verständnislos sah Sebastian sie an. „Was soll das heißen, ‚ermitteln‘?“ Daraufhin erzählte Charlotte ihrem Kollegen von ihren gestrigen Erlebnissen inklusive der Abfuhr von Jankovich und der Anweisung von ihrem Chef.
Sebastian Pfeiffer war zwei Jahre länger bei der Redaktion als Charlotte und hatte damit einen dickeren Stein in Richlings Brett. Er hatte sich dank seinem Ehrgeiz schnell zu Richlings rechter Hand gemausert und genoss dadurch auch den Vorzug bei der Artikelvergabe. Somit sicherte Sebastian sich auch in schöner Regelmäßigkeit alle Artikel für die Aktuelles -Rubrik, die Richling nicht selber bearbeitete. Äußerlich war Charlottes Kollege gepflegt und trainiert, doch sein Glück bei Frauen beschränkte sich nicht zuletzt aufgrund seines selbstverliebten Charakters auf Kurzzeitbeziehungen oder One-Night-Stands. Und über die berichtete Sebastian in ihrem Büro gerne in allen Einzelheiten. Auch bei Charlotte versuchte er hartnäckig zu landen, doch mit seinem eingebildeten Gehabe verspielte er bei ihr sämtliche Sympathie-Punkte. Noch mehr, wenn er sie wie ein kleines, hilfloses Mädchen behandelte. So wie jetzt. „Pass‘ bloß auf Charlottchen dass du mit der Fragerei nicht noch ins Visier des Mörder gerätst und die nächste Leiche wirst!“ Sie funkelte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Danke auch, daran hab’ ich noch gar nicht gedacht. Aber schön, dass du mir das gleich unter die Nase reibst.“ „Hey sorry... Aber ich kann dich ja beschützen!“ Sebastian zwinkerte, spannte den Bizeps seines rechten Armes und bot an, ihr bei ihren Ermittlungen zu helfen. Charlotte schüttelte den Kopf. Sie wollte die in ihren Augen ohnehin aussichtslose Aktion nicht auch noch mit Sebastian im Schlepptau durchführen. Oder ihm das Gefühl geben, seine Hilfe zu benötigen. „Nein, ich mach‘ das alleine. Wahrscheinlich bin ich eh in ‘ner Stunde wieder da, weil keiner mit mir reden will.“ Sie griff nach ihrer Umhängetasche. „Und übrigens – nenn‘ mich nicht Charlottchen, ich hab’s dir schon tausendmal gesagt!“ Sebastian grinste. Frustriert machte sich Charlotte auf den Weg zum Landesmuseum.
Beim steinernen Gemäuer des Museums angekommen passierte Charlotte wieder den gepflasterten Innenhof. Als sie den Eingangsbereich erreichte, stellte sie fest, dass mittlerweile ein rot-weißes Absperrband vor der Türe aufgespannt war. An der Tür selbst war ein Schild angebracht: „Achtung Wasserrohrbruch! Wegen akuter Reparaturmaßnahmen ist das Museum vorübergehend geschlossen. Wir informieren Sie rechtzeitig über die Wiedereröffnung. Vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Klar, das hätte sie sich auch denken können, dass das Museum einen Tag nach dem Mord noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war. Allerdings war das mit dem Wasserrohrbruch eine dreiste Lüge. Einen Mord konnte man schließlich nicht unter den Teppich kehren – oder doch? Sie wägte kurz ab, ob sie wieder umdrehen sollte, aber schließlich siegte der Wunsch, es ihrem Chef beweisen zu wollen. Sie schlüpfte unter dem Band hindurch und wollte schon die Eingangstür benutzen, als sie hinter sich eine Stimme hörte: „Was machen Sie da? Hier ist alles gesperrt!“ Charlotte drehte sich um. Eine Frau mittleren Alters mit krausen Naturlocken und Hornbrille starrte sie erbost an. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Unsicher duckte sich Charlotte erneut unter dem Band hindurch und lief auf die Frau zu. „Ich... bin Journalistin“ – das klang besser als ‚von der Presse‘ – „und ich... ermittle in dem Mordfall, der sich gestern Abend hier ereignet hat.“ Charlotte bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen, als wäre ihre Anwesenheit hoch offiziell. „Wäre mir neu, dass Journalisten ermitteln“, erwiderte die Frau scharf. „Außerdem gab es hier keinen Mord. Wir haben einen Wasserrohrbruch, das können Sie doch auf dem Schild lesen. Ich muss Sie bitten, jetzt zu gehen.“ Charlottes Wahrheitsliebe protestierte. „Das ist doch lächerlich. Ich war gestern hier und weiß, dass jemand umgekommen ist!“ Die hornbebrillte Frau trat einen weiteren Schritt auf Charlotte zu. „Wenn Sie jetzt nicht gehen, zeige ich Sie wegen Hausfriedensbruch an.“ Mit eisiger Miene zog die Frau ein Handy aus der Tasche. Das war genau das, was Charlotte nicht wollte. Sie überlegte schnell, wie sie sich aus der Situation retten konnte. „Wissen Sie was, ich habe auch noch ein Telefonat zu führen... ich komm dann einfach später wieder.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln und wandte sich ab. „Ich denke Sie kommen gar nicht wieder, sonst rufe ich die Polizei“, war die Reaktion in schneidendem Tonfall. Charlotte tat, als hätte sie es nicht gehört und lief weiter.
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