Aus ihrer Erzählung ging hervor, dass sie seit Jahren nur für das Museum zu leben schien. Dann stellte sich ein etwa 50-jähriger, gepflegt wirkender Mann mit graumelierten Schläfen vor. Er spielte den dandyhaften Archäologen Dr. Himmelreiter, der einen eleganten Dreiteiler trug. Es folgte ein schüchtern und kriecherisch wirkender Mitt-Dreißiger mit mausgrauem Haar. Dieser Schauspieler verkörperte den Assistenten des Archäologen, Rochert. Er trug ein verwaschenes Sakko mit Flicken an den Ellenbogen. Anschließend kam ein attraktiver Mann, ebenfalls um die dreißig, zu Wort und stellte sich als Buchhalter Rudolf Steiner vor. Er machte dank der farblich aufeinander abgestimmtem Hals- und Brusttücher sowie der polierten Lederschuhe einen sehr gepflegten Eindruck. Als Vorletzte stellten sich zwei Wärter in Uniform vor. ‚Einer davon spielt ja nicht mehr lange mit‘, dachte Charlotte. Schließlich sollte einer der Wärter die baldige Leiche verkörpern. Abschließend trat eine junge, aber müde wirkende Putzfrau in einem geblümten Kittel mit Staubwischer in der Hand auf. Nachdem sich alle vorgestellt hatten, ging endlich das Schauspiel los. „Wenn ich um Ruhe bitten dürfte, wir haben hier ein Problem“, vermeldete die Museumsdirektorin. Sie artikulierte überdeutlich und mit bebender Stimme: „Der Kelch von Gustav dem Großen ist fort und wir müssen ihn unbedingt wiederfinden!“ „Ja“, herrschte der Archäologe Dr. Himmelreiter dazwischen. „Unbedingt!“ Es folgte eine kurze Erklärung, wie der Kelch noch tags zuvor unter großem Applaus der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Doch dann war das Prunkstück plötzlich am helllichten Tag mitten aus dem Schaukasten entwendet worden. „Bitte, liebe Anwesende“, übernahm die Direktorin gepresst, „helfen Sie uns bei der Suche. Am besten, wir teilen uns auf, nicht wahr.“ Sie blickte fragend zu den betroffen dreinschauenden Wärtern. Diese erwiderten ihren Blick mit einem stummen Nicken. „Bitte folgen Sie mir nach draußen, wo wir Sie in einzelne Suchtrupps einteilen werden“, sagte die Direktorin nun ans Publikum gewandt. Dann lief sie hektisch mit den Armen rudernd von der Bühne und signalisierte allen Teilnehmern an den Tischen, ihr nach draußen zu folgen. Die anderen Schauspieler blieben zunächst auf der Bühne zurück. ‚Vermutlich gehen die jetzt auf ihre Posten‘, dachte Charlotte beim Hinauslaufen.
Draußen auf dem Vorhof standen Museumsangestellte, die eindeutig keine Schauspieler waren, wie an ihrer dezenten Kleidung erkennbar war. Diese echten Angestellten hielten Pappschilder über ihre Köpfe, auf denen die jeweils passenden Farbpunkte der Gruppen aufgemalt waren. Die knapp 70 Besucher des Schauspiels teilten sich im Hof auf und scharten sich um ihren Gruppen-Guide. Charlotte und ihre ‚The Benedicts‘-Mitstreiter liefen auf den Guide mit dem roten Farbpunkt auf dem Schild zu: Eine junge brünette Frau, die eine Stoppuhr um den Hals trug und einen Schnellhefter in der Hand hielt. Nach einer freundlichen Begrüßung begann die Frau mit einer kurzen Einweisung. „Wir beginnen im Uhren-Salon. Bitte folgen Sie mir gesammelt, ich führe Sie von einer Location zur nächsten und gebe Ihnen den jeweiligen Zeitrahmen vor, in dem Sie Hinweise finden müssen.“ Nach einem Blick auf ihren Schnellhefter sagte sie: „Einen Tipp habe ich noch vorneweg: Denken Sie nicht zu kompliziert.“ Sie lächelte gönnerhaft, und alle in der Gruppe lächelten höflich zurück. Dann setzte sie sich in Bewegung und Charlotte gesellte sich neben Tatjana, um der jungen Frau zu folgen. Die übrigen ‚Benedicts‘ schlossen sich an und schäkerten aufgeregt miteinander herum. Es ging vom Hof herunter über eine steinerne Wendeltreppe abwärts in eine Art Kellergewölbe. Dort wurde es merklich kühler, wie Charlotte fröstelnd feststellte. Sie zog ihren Blazer enger um sich. Am Ende der Wendeltreppe schloss ihr Guide ein hölzernes Tor auf, hielt die Tür geöffnet und wartete, bis alle Teilnehmer hindurchgetreten waren. Sie gelangten nun in die offiziellen Besucherräume, und sie fanden sich in einem Bereich wieder, in dem antike Teppiche ausgestellt waren. Um diese Uhrzeit war das Licht im Raum gedimmt und es herrschte eine unheimliche Atmosphäre, da außer ihnen niemand sonst im Ausstellungsraum war. Zügig führte ihr Guide die Gruppe weiter in einen Raum mit allerlei Uhren. Das musste der besagte Salon sein: Riesige Standuhren, filigrane Taschenuhren und edle Armbanduhren aus verschiedenen Epochen waren hier in beleuchteten Kästen untergebracht. Ihr Guide bedeutete Charlottes Gruppe, an einer Stelle zwischen den Schaukästen anzuhalten. Nachdem sich alle dort verteilt hatten, begann die Szene: Der Archäologe Dr. Himmelreiter kam wutbrausend in den Uhren-Salon und blieb etwa zwei Meter vor der Besuchergruppe stehen. Ihm folgte sein Assistent Rochert, der die Hände zu einer bettelnden Geste ineinander verschränkt hatte. „Bitte Chef, das können Sie mir nicht antun“, flehte er Himmelreiter an. Dieser drehte sich abrupt zu ihm um. Er war einen Kopf größer als Rochert und sah auf ihn herab. Himmelreiter erwiderte gedehnt: „Mein lieber Rochert“‒ dann griff er ihm ans Revers und zog ihn ein wenig zu sich heran – „und wie ich das kann. Du bist für den Diebstahl verantwortlich und du musst die Konsequenz dafür tragen!“ Rochert versuchte sich loszuwinden und Himmelreiter ließ ihn höhnisch lächelnd los. Aus dem weiteren Dialog der beiden Schauspieler ging hervor, dass Rochert Spielschulden hatte und damit auch ein Motiv aufwies, den Kelch von Gustav dem Großen zu stehlen. Rochert beteuerte wiederum, den Kelch nicht gestohlen zu haben und bettelte seinen Chef um Verschwiegenheit wegen seiner Zockerleidenschaft an. Dr. Himmelreiter zeigte aber kein Erbarmen. Er drohte damit, Rocherts Suchtverhalten an die Direktorin zu verraten und sie in seinen Verdacht einzuweihen. Nach fünf Minuten heftigem Diskurs verschwanden Himmelreiter und Rochert aus dem Salon. Die junge Frau, die Charlottes Gruppe anleitete, ließ die Stille nach dem Abgang der Schauspieler kurz wirken und wandte sich dann zur Gruppe: „So, hier gibt es jetzt noch keine Hinweise zum Suchen, bitte folgen Sie mir zur nächsten Station. Wir gehen jetzt zum Büro der Direktorin.“ Gehorsam folgten ihr ‚The Benedicts‘ die Wendeltreppe wieder nach oben. Gemeinsam liefen sie leise murmelnd über den gepflasterten Innenhof zurück zur Eingangstür des Museums und betraten den Hauptteil des Gebäudes. Auch hier war das Licht gedimmt, so dass die riesige Eingangshalle dunkel vor ihnen lag. Ihr Guide deutete auf eine Galerie am Ende der Halle, die über eine Treppe zu erreichen war. „Dort ist das Büro.“ Sie steuerten darauf zu. Plötzlich hallte ein durchdringender, gellender Schrei durchs Museum.
Alle verstummten und hielten beim Gehen inne. Irritiert riss Charlotte ihren Kopf in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Auch die anderen Gruppenmitglieder sahen sich unsicher um. Ein ungutes Gefühl beschlich Charlotte und sie dachte: ‚Das klang aber ganz schön echt.‘ Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht drehte sie sich zu ihrem Guide um. Doch die junge Frau wirkte ebenfalls verunsichert, sie stand regungslos da und lauschte nach weiteren Geräuschen. Dann hörten sie alle gedämpfte Stimmen aus der Richtung, aus der der Schrei ertönt war. Das unverkennbare Geräusch quietschender Turnschuhe auf Linoleum näherte sich auf einmal aus der entgegengesetzten Richtung. Ein Sicherheitsbeamter des Museums kam aus dem Gebäudeinneren, passierte ihre Gruppe und rannte den Rundgang zur linken Seite hinauf, in Richtung des Schreis. Nun kam auch Bewegung in Charlottes Gruppen-Guide. Die junge Brünette stammelte: „Ähm... bleiben Sie bitte kurz hier.“ Dann folgte sie dem Mann eilig in den Rundgang. Ihrer Bitte folgend blieben ‚The Benedicts‘ unsicher dort stehen, wo sie zum Halten gekommen waren. „Meinst du, das gehört noch zum Spiel?“, fragte Tatjana Charlotte. Einen Augenblick sahen sie sich an und Charlotte zuckte mit den Schultern. Ihre Gedanken rasten. Einerseits war sie verängstigt und wollte erst abwarten, bis die Museumsangestellte zurückkam, um ihnen zu sagen, was los war. Andererseits konnte sie sich bildhaft vorstellen, wie ihr Chefredakteur reagieren würde: Wenn tatsächlich etwas passiert war und Richling erfuhr, dass sie sich eine solche Gelegenheit entgehen ließ, würde er sie ins Ressort Garten&Grünzeug degradieren. Kurzentschlossen wandte sich Charlotte von der Gruppe ab. „Wo willst du denn hin?“, fragte Tatjana sie schrill. „Ich... geh nur mal kurz... also einer sollte doch mal kurz nachsehen...“ Mit hochrotem Kopf und rasendem Puls lief Charlotte in Richtung Rundgang. Sie hörte das „Bleib‘ lieber hier“-Zischen von Tatjana nur mit halbem Ohr.
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