Vor Kälte zitternd wartete Charlotte vor dem Museum darauf, dass Sanne sie abholte. Natürlich hatte ihre Schwester noch nicht geschlafen und war nach dem 2. Klingeln am Apparat gewesen, als sie angerufen hatte. Jetzt, 20 Minuten später, sah Charlotte, wie sich ein roter Kleinwagen auf der Straße näherte und den Blinker setzte. Kurz darauf hielt der vertraute Golf vor ihr an. Dankbar steuerte Charlotte auf die Beifahrertür zu und beugte sich ins Wageninnere, um Sanne zu begrüßen. Der blonde Lockenkopf ihrer Schwester war noch verwuschelter als sonst, und aus großen besorgten Augen sah sie zu ihr hoch. „Hallo“, sagte Charlotte schwach und ließ sich auf den Beifahrersitz plumpsen. „Was ist denn passiert?“, fragte Sanne sofort. Charlotte sah ihrer Schwester einen Augenblick in die Augen, dann sagte sie ohne Umschweife: „Ich hab’ eine Leiche gesehen.“ „Waaas?!“, entfuhr es Sanne und ein Ausdruck des Entsetzens stand ihr im Gesicht. „Ja, leider. Und ich musste bis eben Rede und Antwort stehen, weil ich blöderweise was gesehen hab‘ bei der Leiche.“ Sanne machte keine Anstalten, den Wagen zu bewegen, und Charlotte schlug vor: „Sei mir nicht böse, aber ich will nur noch ins Bett. Wollen wir losfahren? Ich erzähl‘ dir alles während der Fahrt.“ „Ach so, ja. Klar“, erwiderte Sanne blinzelnd und legte den ersten Gang ein. Während sie den Wagen langsam nach Hause steuerte, erzählte Charlotte von ihrem Abend und ihre Schwester schüttelte während ihren Schilderungen immer wieder den Kopf und gab Geräusche des Unmuts von sich. „Nicht zu fassen, einfach unglaublich. Was bildet sich dieser Kommissar bitte ein, dass der euch so lange dortbehält? Als ob man diese Schikane nicht am nächsten Tag nachholen könnte. Die haben doch alle eure Personalien. Ihr könnt euch doch eh nicht verstecken.“ Sanne stand oft mit dem menschlichen Verhalten auf Kriegsfuß. Das war mit ein Grund, warum sie sich früh dafür entschieden hatte, lieber mit Tieren zusammenzuarbeiten. Gegen den Willen ihrer Eltern. Die hätten ihre Tochter lieber in einem soliden, gutbezahlten Schreibtisch-Job gesehen. Aber Charlottes Schwester hatte sich für einen körperlich anstrengenden Beruf entschieden und arbeitete seit ihrer Ausbildung als Tierpflegerin im Stuttgarter Zoo, der Wilhelma . Dort kümmerte sie sich um höhere Primaten wie Brüll- oder Klammeraffen. Ab und zu kam es auch vor, dass Sanne ein Affenbaby, das von den Eltern nicht akzeptiert wurde, mit nach Hause brachte und es dort aufpäppelte. Jetzt gerade hatte sie ihr neuestes Pflegekind in einem Tragetuch um den Bauch gewickelt. Der kleine Herr Nilsson war ein7 Monate altes, verstoßenes Totenkopfäffchen und hatte sich im Tuch an sein Lieblingskuscheltier geklammert. Um diese Uhrzeit schlief er tief und fest. Während Charlotte von ihren Erlebnissen erzählte, streichelte sie abwesend den Schwanz des Tierchens, der aus dem Tuch ragte.
„Willst du was essen? Wir haben noch Auflauf“, sagte Sanne, als sie die Haustür aufschloss. Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich glaube ich lege mich ins Bett und versuche noch ein bisschen zu schlafen. Morgen darf ich meinem Chef dann erst mal erklären, was passiert ist.“ Sie ging ins Bad und vermied den Blick in den Spiegelschrank. Charlotte wollte gar nicht wissen, wie abgekämpft sie aussah. Nachdem sie sich ausgezogen hatte, konnte sie sich gerade noch zu einer Katzenwäsche aufraffen. Anschließend schlüpfte sie in ihren XXL-Pyjama und ließ sich ins Bett fallen. Kurz nachdem sie sich die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte, spürte sie, wie sie in den Schlaf glitt. Es überraschte sie selbst, dass sie trotz der aufreibenden Ereignisse so einfach einschlafen konnte. Bevor sie jedoch endgültig weg war, blitzte noch einmal kurz die Erinnerung an eine Bewegung auf, die sie für einen winzigen Augenblick in dem Glaskasten neben sich gesehen hatte. Charlotte fiel ein, dass sie dem Kommissar nichts davon erzählt hatte. Andererseits – was hatte sie schon gesehen? Sie wusste es ja selber nicht genau. Dann schlief sie ein.
Mein Herz blutet. Aber er hat bekommen, was er verdient hat. Jetzt kann er mich nicht mehr wie Dreck behandeln. Mit jeder Schlampe hat er sich abgegeben. Mich aber hat er verleugnet.
Am nächsten Morgen tauchte Charlotte nach nur zwei Stunden wirrem Schlaf übernächtigt in der Redaktion auf. Sie war die Erste im Büro und war froh, noch etwas Ruhe zu haben, bevor sie ihrem Chefredakteur Andreas Richling vom gestrigen Abend berichten musste. Sie machte sich eine Tasse Kaffee, setzte sich an ihren Rechner und checkte ihre E-Mails. In ihrem Outlook ploppte ein Erinnerungsfenster auf: ‚In 1 Stunde Kunst&Kultur- Artikel abgeben.‘ ‚Ach verdammt‘, dachte sie. Als nächstes las Charlotte eine Nachricht von ihrer hypochondrischen Kollegin Gabriele: ‚Hi Charlie, also ich bin dann mal den Rest der Woche krankgeschrieben. Echt ich sage dir, der halbe Ort ist beim Arzt um sich am Freitag krankschreiben zu lassen. Diese Simulanten. Mir löst sich schon die Haut an der Nase ab – aber wenigstens krieg ich langsam wieder Luft. Bin jetzt auf die alternativen Eukalyptusöl-Kapseln vom DM umgestiegen, die vertrag‘ ich ja besser. Ich wünsch dir ein tolles Wochenende! Liebe Grüße von der Gabi.‘ Unter der Nachricht stand die Signatur ‚Geschrieben von meinem iPhone.‘ Charlotte starrte die Nachricht an, schüttelte den Kopf und klickte dann mit dem Curser auf das X, um die Nachricht zu löschen.
Gegen 8:00 Uhr kam ihr Chef Andreas Richling ins Büro, steckte den Kopf zu ihr ins Zimmer und rief gedehnt „Morgen“. Dann lief er weiter in sein Büro. Richling hatte Bauch- und Glatzenansatz, trug eine rahmenlose Brille und mäanderte zwischen 40 und 50 Jahren. Seit mindestens 10 Jahren war er Chefredakteur des Lokalblatts und war auch nicht mehr aus der Position zu verdrängen. Charlotte wusste von ihm, dass er zuvor als Sensationsreporter bei einem Boulevardmagazin gearbeitet hatte. Aus dieser Zeit hatte er auch eine gewisse Sensationslüsternheit und Paparazzo-Mentalität beibehalten. Ansonsten wusste sie nur noch, dass er unverheiratet und kinderlos war, aber einen alternden Bernhardiner namens Dostojewski besaß. Charlottes Verhältnis zu ihrem Chef war für sie eher unbefriedigend, da er sie seit ihrem Volontariat immer noch wie eine Auszubildende behandelte. Nach ihr war auch kein neuer Volontär in die Redaktion gekommen, so dass sie unfreiwillig den Status des Kükens innehatte. Sie gab ihrem Chef 5 Minuten, dann ging sie hinüber und klopfte an seine Tür. „Herein“, sagte Richling, und sah sie überrascht über seine Brille hinweg an. Normalerweise kam sie nicht direkt nach dem Morgengruß zu ihm, es sei denn, es war dringend. „Also... ich war ja gestern bei dem Mord im Museum “, begann Charlotte. „Ja, und – schaffst du den Artikel bis heute Nachmittag?“, fragte Richling ungeduldig. Charlotte schüttelte den Kopf. „Eher nicht, denn es ist was dazwischen gekommen.“ Irritiert runzelte ihr Chef die Stirn. Charlotte blies Luft aus. „Also, believe it or not: Es ist gestern tatsächlich jemand umgekommen. Ähm, genau genommen wurde einer der Schauspieler umgebracht. Also in echt. Und ich war bis 3 Uhr nachts dort, weil wir alle noch von der Polizei vernommen wurden.“ Richling ließ die Neuigkeit einen kurzen Moment sacken. Anstandshalber fragte er: „Aber dir geht’s gut, oder? Ist dir was passiert?“ „Nein, nein, mit mir ist alles in Ordnung“, erwiderte Charlotte hastig. Dann kam Richling zum Wesentlichen: „Und, hast du was gesehen?“ Widerstrebend gab sie es zu: „Ja, die Leiche.“ Richling riss die Augen auf und breitete die Arme aus. „Ist nicht wahr. Perfekt! Daraus musst du eine Story machen!“ Sein Sensationsradar war angesprungen. Charlotte seufzte. Sie hatte es geahnt. „Woraus soll ich denn ‘ne Story machen, ich hab’ nur die Leiche gesehen“, bei ‚nur‘ setzte sie Anführungszeichen in die Luft. Richling wollte gar nicht darauf eingehen. „Na, das ist doch schon mehr als die meisten anderen Kollegen jemals zu sehen bekommen! Mensch, Charlotte, schalte deinen Verstand ein!“ Wütend dachte Charlotte: ‚Klar, der ist ja sonst immer auf Stand-By.‘ Richling fuhr fort: „Da war doch bestimmt ein leitender Beamter vor Ort. Häng‘ dich an den ran und versuch‘, mehr herauszubekommen!“ Charlotte war entgeistert. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. „Wie soll ich das anstellen? Mit Verlaub, Kunst&Kultur ist ja wohl nicht grade das, was mich zur Investigativ-Journalistin ausbilden würde!“ „Nein, meine Liebe, aber in kaltem Wasser lernt man das Schwimmen am schnellsten. Und vielleicht... schaffst du es ja mit der Story auch in die Aktuelles -Rubrik!“ Richling sah Charlotte auffordernd an. Sie erwiderte seinen Blick verärgert. „Der Typ hält mich für bekloppt, ok? Der hat mich gestern sogar durchsuchen lassen!“ „Hör mal, Charlotte, du bist von der Presse. Du hast das Recht auf behördliche Auskunft. Also, hol‘ sie dir!“ Damit war das Gespräch für Richling beendet und er bedeutet Charlotte, sein Büro zu verlassen.
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