Uropa Hermann wurde vier Mal vom Blitz getroffen.
Der Erste erwischte ihn beim Heuen, setzte seine Holzschuhe in Brand und ließ sein rechtes Trommelfell platzen. Die angekokelten Holzschuhe hängen in ihrem Wohnzimmer, neben dem Kamin. Fortan hieß Hermann im Dorf nur noch Heiße-Hufe-Hermann.
Flash sperrt das schwere Vorhängeschloss auf und tritt ins Dunkel. Es duftet nach Eisen und Öl, nach dem Gas seines Schweißgeräts. Er macht Licht. Der Prototyp ist so gut wie fertig.
Für den morgigen Sonntag haben sie einen Wetterumschwung angekündigt. Schauerwetter. Er würde lieber Kupfer nehmen, aber dazu fehlt ihm das Geld. Jobben? Dazu fehlt ihm die Zeit. Wenn er sich um die Esel und die Feriengäste und die Website gekümmert hat, schmeißt er meistens noch den Haushalt. Er oder keiner. Seine Mutter ist eine wunderbare Köchin. Bloß kocht sie nicht gern.
Und sein Vater? Nimmt kein Messer in die Hand aus Angst, seine Künstlerhände zu verletzen. Er malt. Leben tut er mal hier, mal bei Cathérine, seiner Muse aus dem Luberon. Flash kennt sie nur von den Bildern, die sein Vater von ihr gemalt hat. Nacktbilder.
Wie schafft es jemand, mit zwei Frauen zu leben, und zwar so, dass ihn trotzdem keine aus Eifersucht verlässt?
Er sieht noch genau vor sich, wie Aja in der ersten Deutschstunde aufstand und sagte, sie fände »Gramm-Mattick« blöd, und anschließend aufs Klo ging, ohne Frau Steckerl zu fragen. Er hat miterlebt, wie sie von einem andauernd über irgendetwas wütenden kleinen Mädchen zu einer jungen Frau gewachsen ist, mit einer Ausstrahlung wie ein Blitzkanal. Ein paar Mal hat er versucht, mit ihr zu sprechen, hat sich jedes Mal wochenlang darauf vorbereitet. Hat geschwitzt und gezittert. Immer kam etwas dazwischen. Meistens seine Feigheit. Wenn es um Mädchen geht, ist er mit Mut so reichlich gesegnet wie ein Nashorn mit rosa Flügeln.
In der letzten Zeit hat er die Eroberung von Aja seinem Projekt zuliebe zurückgestellt. Diese Sache, die hier drin unter seinen Fingern entsteht, die kann er steuern. Aja hingegen – sie ist wie eine Tretmine, die seit Jahren in der Erde schlummert.
Gestern ist sie hochgegangen. Mitten in sein Gesicht.
Du lieber Downburst!
Er bewundert Ajas Energie. Aber ihre Wut macht ihm Angst.
Nein, sie ist keine Mine – Aja ist ein Blitz. Trotz aller Forschungen weiß keiner, wie man einen Blitz bändigt oder sich seine Energie zunutze macht.
Kopfschüttelnd dreht Flash die Ventile an den Gasflaschen auf und konzentriert sich auf seine Arbeit.
Der zweite Blitz traf Uropa Hermann bei einer Kahnfahrt. Er saß da, die Angel im Mummelsee, zwischen seiner Frau und einem Nachbarehepaar, als etwas Riesiges auf ihn zuschoss. Einen Moment lang hielt er es für einen Wels. Die anderen drei kamen mit dem Schrecken und einem Bad im eiskalten See davon. Hermann aber lähmte der Blitz vorübergehend den linken Arm und ließ ihn ein halbes Jahr immer wieder in unkontrolliertes Zittern ausbrechen, was ihm den Spitznamen Wackelpudding eintrug.
Nachdem Flash die letzten Blechleisten angeschweißt hat, lässt er Marlboro Lights auf die Koppel. Während er dem Fohlen beim Fressen zusieht, spürt er, wie hungrig er selber ist. Statt jedoch Zeit mit Essen zu verschwenden, fährt er den kleinen Gabelstapler aus dem Unterstand. Sonst verlädt er damit das Heu für die Esel, jetzt hievt er den Prototypen auf den Anhänger und kuppelt den Traktor davor.
Ein ausgewachsener Blitz ist eine ganz andere Nummer als eine Tesla-Spule. Der würde die Typen von ArcAttack bei ihrer Elektro-Show in ihre Anzüge schweißen. Also hat er statt Draht Eisenbleche verwendet, was den Prototyp aber leider so schwer macht, dass er zum Transport den Trecker braucht.
Er tuckert den Feldweg hinaus auf den Südwesthang. Die Fichten riechen vor einem Gewitter immer besonders intensiv. Über ihm türmen sich zwei Wolkenberge, die mit jedem Blick dunkler werden. Wind zerzaust sein Haar. Er grinst breit und brüllt den warmen Wind an, Löwenzahnsamen stieben davon, als er ins Gras springt. So schnell er kann, rennt er zum Hof zurück und führt Marli in den Stall (mit Blitzableiter). Der Luftdruck sinkt, sein Herz schlägt schneller.
Das schafft sonst nur Aja. Wenn sie jetzt bei ihm wäre und mit ihm seinen Käfig beobachten könnte! Die Sache ist ungefährlich, solange sie nicht im Käfig sitzen. Na ja, Gefahr ist relativ.
Er steigt auf den Stapler, Marlboro Lights iaht.
»Wenn du gleich in meinem Unterstand bei mir sitzen würdest«, sagt er, »wärst du so klein mit Zylinderhut.«
Warum nicht? So könnte er austesten, ob genug Platz für zwei Personen ist. Damit er die Sache demnächst Aja vorführen kann. Gehört mit zum Projekt. Den kleinen Schönheitsfehler, dass Aja nicht mitmachen will, kriegt er noch ausgebügelt. Wie könnte irgendjemand nicht vom Blitz getroffen werden wollen?
Er führt Marli aus dem Stall – »ein einziges Rein und Raus, du Ärmste, tut mir leid« –, bindet sie an den Stapler und tuckert zurück zur Wiese. Er führt Marli in den Unterstand. Den Prototypen platziert er mit dem Stapler möglichst nahe am Hang, im Offenen.
Seine Hände zittern vor Aufregung, als er den drei Meter langen Eisenstab oben festschraubt. In den Wolken leuchten die ersten Blitze, Donner grummelt.
Er kriegt nun doch Hunger. Egal. Der seriöse Wissenschaftler stellt jedes körperliche Bedürfnis zurück. Wieso schnorrt Aja sich Essen hinterm Supermarkt, wie Yannick behauptet? Ihre Mutter hat Geld.
Konzentrier dich auf deine Aufgabe, Flashman.
Während er den Stapler und den Traktor samt Anhänger tief unter die ersten Bäume fährt, feuert er die Wolken an, höher zu wachsen und sich die Bäuche so richtig mit Energie vollzuschlagen.
Marli nibbelt an seiner Hand.
»Einen Apfel gibt’s später«, sagt er zu ihr. »Du willst doch eine seriöse Eselin der Wissenschaft sein, oder?« Er krault sie ein bisschen hinterm Ohr und erklärt ihr, was auf sie zukommt. »Alles, was im Käfig drin ist – also wir –, ist sicher. Ich habe mehrere Ableiter angeschweißt. Die gehen zehn Meter vom Blech-Iglu entfernt in den Boden und führen den Blitz weit genug weg. Ähm, theoretisch.« Er beißt sich auf die Lippe, aber Marli wirkt gelassen. Er zieht sie in den Unterstand, ein überdachtes Erdloch, das er ringsum gegen Spannungstrichter isoliert hat, kauert sich schützend vor sie und macht sich klein.
Er wartet.
Marli knabbert an seinem Ohr.
Die Warterei ist spannender als jeder Film.
Beim Anblick seiner Konstruktion erfüllt ihn Stolz. Sein Werk! Er kuschelt sich an Marli, er mag ihren Geruch nach ... nach Freiheit und Abenteuer. Aja ist zierlich, kaum größer und vermutlich riecht sie noch besser. Wenn sie wüsste, dass er sie von einem Esel doubeln lässt, würde ihm der beste Blitzschutz nicht helfen.
Irgendwo kracht der erste Blitz. Zehn Sekunden, dann folgt der Donner. Gut drei Kilometer also.
Der Schwarzwald ist die aktivste Gewitterregion in Deutschland.
Zeig’s uns, Donnergott!
Er wartet.
Marli knabbert an seiner Hand. Ihr scheint die Sache Spaß zu machen. Vielleicht hat er in ihr eine Seelenverwandte gefunden.
»Als Uropa Hermann das dritte Mal vom Blitz getroffen wurde«, erzählt er der Eselin, »lag er in einem Bombentrichter in Frankreich, mitten im Krieg. Eine Erdmulde ist ein gutes Versteck. Du musst dich hinkauern, um die Schrittspannung klein zu halten. Mein Uropa hat das nicht gewusst. Auch nicht, dass die tiefe Pfütze im Trichter den Blitz anzieht – Süßwasser leitet Blitze schlechter ab als Salzwasser. Schlechter als ein Mensch. Oder ein Esel.« So beging sein Urgroßvater den großen Fehler und warf sich flach ins Wasser, die Erinnerung an seine beiden ersten Erlebnisse mit Blitzen war noch frisch.
Dieses Mal traf ihn der Blitz genau im Hintern, verschmorte seine Hose und die linke Pobacke. Doch statt nach Hause brachte ihn die Verletzung in französische Gefangenschaft. Nach dem Krieg hat er jedem die Brandnarbe gezeigt. Im Dorf nannte man ihn bald nur noch Hosen-runter-Hermann. Seiner Familie war das furchtbar peinlich. »Der Einschlag, behauptet Mama, hat ihm nicht nur den Allerwertesten versengt.«
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