Nachts träumte sie, wie sie selbst im Taucheranzug in die entsetzliche grundlose Tiefe hinab tauchte, um den Schatz zu bergen und wie gewaltige schwarze Schiffslaibe dabei über ihrem Kopf dahin zogen und ihre Luftschläuche in ihren Schiffsschrauben zerschnitten, während die Tiefe sie verschlang.
Schreiend und schweißnass erwachte sie aus diesen Träumen und sie fuhr den Mann an, der müde und erschrocken neben ihr im Ehebett lag und sich beklagte.
„Sei Du bloß still, Karlheinz! Du hast gestern wieder von Russland geträumt und Erschießungskommandos im Traum befehligt!“
„Ach, Kläre! Red doch nicht sowas!“
„Jawohl, ich sag nur, wie es ist! Und das weißt Du ganz genau!“
Zweifellos schien es sehr gefährlich sein, das Gold vom Grunde des Stromes zu bergen, wo es sich ja noch befinden musste. Gefährlich, aber auch lohnenswert!
Sie hatte durch begieriges und diskretes Ausfragen der Binnenschiffer allmählich in Erfahrung gebracht, dass der Strom in der Stadt ein Tieflandfluss war, der hier seinen sogenannten Mittellauf erreichte.
Ehe er von der Stadt aus etwa 80 Kilometer fast schnurgerade nach Norden und nach Nordosten weiter floss, machte er im Stadtgebiet zunächst einen deutlichen Knick.
Die Binnenschiffer hatten ihr auch verraten, dass die Wasser des Stromes von ihrem Ursprung nahe der deutsch-tschechischen Grenze bis zur Küste der Nordsee ungefähr acht Tage benötigen würden, eine mittlere Wasserführung immer vorausgesetzt.
Mit spitzem Bleistift und Rechenstab, mit Lineal und Landkarte, kam sie auf eine Entfernung von annähernd 586 Kilometer, die der Strom auf dieser Strecke zu überwinden hatte.
So ergab sich demzufolge eine mittlere Fließgeschwindigkeit von etwa 3 Kilometern pro Stunde oder von 0,8 Metern pro Sekunde, was nicht unerheblich war und zudem noch von der jahreszeitlichen Menge des Wassers abhing, die der Strom mit sich führte.
Wen sollte man dort hinab schicken, in jenen gefährlichen Schlund? Und wenn sie den Strom wieder einmal ausbaggern würden? Spätestens dann musste irgendjemand auf den Schatz stoßen! Auf ihren Schatz!
Über die Tiefe des Stroms an jener Stelle stromabwärts von der alten eisernen Hubbrücke wusste sie jedoch nichts.
Sie hatte lediglich in Erfahrung bringen können, dass der Strom an seiner Mündung in die Nordsee knapp 13 Meter tief war. Eine Dimension, die ihr Angst bereitete.
Auch unterhalb der alten Hubbrücke musste die Tiefe beachtlich sein, denn immerhin war der Strom hier schiffbar und die Eltern und Großeltern hatten stets davon geredet, dass alles, was hier hineinfiel, auf ewig verloren sei.
So träumte sie ihre Träume und musste doch, wie die meisten Menschen, dabei ihr Leben leben, das mit den Träumen nicht immer zu tun hatte.
Eines jedoch wusste und lebte sie vor allem: Man musste sich nach der Decke recken! Und was man haben und besitzen wollte, das musste zunächst erst einmal anderen Menschen weg nehmen! Denn all die wunderschönen Güter dieser Welt, sie wurden schließlich nicht im Backofen in Massen hergestellt und danach über die Menschheit ausgeschüttet wie die Schneeflocken aus den Betttüchern der Frau Holle!
Und immer wenn sie hinten, in ihrem kühlen und dunklen Lager stand, wo die Tafeläpfel zum Nachreifen lagerten, die ihr aus dem Brandenburgischen angeliefert worden waren, dann pflegte sie eine Art von Kinderreim zu summen:
„Diese Juden sind tot.
Sie müssen tot sein!
Diese Juden haben das Gold nicht.
Tote brauchen kein Gold!
Ich aber lebe und brauche das Gold!
Auch ich habe das Gold nicht!
Der Strom hat das Gold!
Was aber soll der Strom mit dem Gold?
So ist die Welt ohne Sinn und Verstand!“
Die Stadt war berühmt für verborgene Schätze und Edelmetalle.
Am 19. April 1945 hatten amerikanische Truppen vereinbarungsgemäß den westlichen Teil der Stadt besetzt. Seit dem 5. Mai 1945 stand die Rote Armee vereinbarungsgemäß in all jenen Stadtteilen, die östlich des großen Stroms lagen.
In einem bereits 1927 unter dem Münsterberg errichteten bombensicheren Depot erbeutete eine Spezialeinheit der Amerikaner dort gelagerte Silberbestände der Reichsbank im heutigen Gegenwert von acht Millionen Euro.
Das Silber wurde geborgen und in die USA gebracht.
Briten und Amerikaner übergaben die Stadt am 1. Juli 1945 an die Rote Armee.
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