MoritzIch kann nicht. – Ich kann nicht gemütlich über die Fortpflanzung plaudern! Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann gib mir deine Unterweisungen schriftlich. Schreib mir auf, was du weißt. Schreib es möglichst kurz und klar und steck es mir morgen während der Turnstunde zwischen die Bücher. Ich werde es nach Hause tragen, ohne zu wissen, dass ich es habe. Ich werde es unverhofft einmal wiederfinden. Ich werde nicht umhinkönnen, es müden Auges zu durchfliegen... falls es unumgänglich notwendig ist, magst du ja auch einzelne Randzeichnungen anbringen.
MelchiorDu bist wie ein Mädchen. – übrigens wie du willst! Es ist mir das eine ganz interessante Arbeit. – – Eine Frage, Moritz.
MoritzHm?
MelchiorHast du schon einmal ein Mädchen gesehen?
MoritzJa!
MelchiorAber ganz?!
Moritz Vollständig!
MelchiorIch nämlich auch! – Dann werden keine Illustrationen nötig sein.
MoritzWährend des Schützenfestes, in Leilichs anatomischem Museum! Wenn es aufgekommen wäre, hätte man mich aus der Schule gejagt. – Schön wie der lichte Tag, und – o so naturgetreu!
MelchiorIch war letzten Sommer mit Mama in Frankfurt – Du willst schon gehen, Moritz?
MoritzArbeiten machen. – Gute Nacht.
MelchiorAuf Wiedersehen.
Thea, Wendla und Martha- kommen Arm in Arm die Straße herauf.
MarthaWie einem das Wasser ins Schuhwerk dringt!
WendlaWie einem der Wind um die Wangen saust!
TheaWie einem das Herz hämmert!
WendlaGehn wir zur Brücke hinaus! Ilse sagte, der Fluss führe Sträucher und Bäume. Die Jungens haben ein Floß auf dem Wasser. Melchi Gabor soll gestern Abend beinah ertrunken sein.
TheaO der kann schwimmen!
MarthaDas will ich meinen, Kind!
WendlaWenn der nicht hätte schwimmen können wäre er wohl sicher ertrunken!
TheaDein Zopf geht auf, Martha; dein Zopf geht auf!
MarthaPuh – lass ihn auf gehn! Er ärgert mich so Tag und Nacht. Kurze Haare tragen wie du darf ich nicht, das Haar offen tragen wie Wendla darf ich nicht, Ponyhaare tragen darf ich nicht, und zu Hause muss ich mir gar die Frisur machen – alles der Tanten wegen!
WendlaIch bringe morgen eine Schere mit in die Religionsstunde. Während du »Wohl dem, der nicht wandelt« rezitierst, werd' ich ihn abschneiden.
MarthaUm Gottes willen, Wendla! Papa schlägt mich krumm, und Mama sperrt mich drei Nächte ins Kohlenloch.
WendlaWomit schlägt er dich, Martha?
MarthaManchmal ist es mir, es müsste ihnen doch etwas abgehen, wenn sie keinen so schlecht gearteten Balg hätten wie ich.
TheaAber Mädchen!
MarthaHast du dir nicht auch ein himmelblaues Band durch die Hemdpasse ziehen dürfen?
TheaRosa Atlas! Mama behauptet, Rosa stehe mir bei meinen pechschwarzen Augen.
MarthaMir stand Blau reizend! – Mama riss mich am Zopf zum Bett heraus. So – fiel ich mit den Händen vorauf auf die Diele. – Mama betet nämlich Abend für Abend mit uns...
WendlaIch an deiner Stelle wäre ihnen längst in die Welt hinausgelaufen.
Martha... Da habe man's, worauf ich ausgehe! – Da habe man's ja! – Aber sie wolle schon sehen – o sie wolle noch sehen! Meiner Mutter wenigstens solle ich einmal keine Vorwürfe machen können...
TheaHu – Hu –
MarthaKannst du dir denken, Thea, was Mama damit meinte?
TheaIch nicht. – Du, Wendla?
WendlaIch hätte sie einfach gefragt.
MarthaIch lag auf der Erde und schrie und heulte. Da kommt Papa. Ritsch – das Hemd herunter. Ich zur Türe hinaus. Da habe man's. Ich wolle nun wohl so auf die Straße hinunter...
WendlaDas ist doch gar nicht wahr, Martha.
MarthaIch fror. Ich schloss auf. Ich habe die ganze Nacht im Sack schlafen müssen.
TheaIch könnte meiner Lebtag in keinem Sack schlafen!
WendlaIch möchte ganz gern mal für dich in deinem Sack schlafen.
MarthaWenn man nur nicht geschlagen wird.
TheaAber man erstickt doch darin!
MarthaDer Kopf bleibt frei. Unter dem Kinn wird zugebunden.
TheaUnd dann schlagen sie dich?
MarthaNein. Nur wenn etwas Besonderes vorliegt.
WendlaWomit schlägt man dich, Martha?
MarthaAch was – mit allerhand. – Hält es deine Mutter auch für unanständig, im Bett ein Stück Brot zu essen?
WendlaNein, nein.
MarthaIch glaube immer, sie haben doch ihre Freude – wenn sie auch nichts davon sagen. – Wenn ich einmal Kinder habe, ich lasse sie aufwachsen wie das Unkraut in unserem Blumengarten. Um das kümmert sich niemand, und es steht so hoch, so dicht – während die Rosen in den Beeten an ihren Stöcken mit jedem Sommer kümmerlicher blühn.
TheaWenn ich Kinder habe, kleid' ich sie ganz in Rosa, Rosahüte, Rosakleidchen, Rosaschuhe. Nur die Strümpfe – die Strümpfe schwarz wie die Nacht! Wenn ich dann spazieren gehe, lass ich sie vor mir hermarschieren. – Und du, Wendla?
WendlaWisst ihr denn, ob ihr welche bekommt?
TheaWarum sollten wir keine bekommen?
MarthaTante Euphemia hat allerdings auch keine.
TheaGänschen! – weil sie nicht verheiratet ist.
WendlaTante Bauer war dreimal verheiratet und hat nicht ein einziges.
MarthaWenn du welche bekommst, Wendla, was möchtest du lieber, Knaben oder Mädchen?
WendlaJungens! Jungens!
TheaIch auch Jungens!
MarthaIch auch. Lieber zwanzig Jungens als drei Mädchen.
TheaMädchen sind langweilig!
MarthaWenn ich nicht schon ein Mädchen geworden wäre, ich würde es heute gewiss nicht mehr.
WendlaDas ist, glaube ich, Geschmacksache, Martha! Ich freue mich jeden Tag, dass ich ein Mädchen bin. Glaub' mir, ich wollte mit keinem Königssohn tauschen. – Darum möchte ich aber doch nur Buben!
TheaDas ist doch Unsinn, lauter Unsinn, Wendla!
WendlaAber ich bitte dich, Kind, es muss doch tausendmal erhebender sein, von einem Manne geliebt zu werden, als von einem Mädchen!
TheaDu wirst doch nicht behaupten wollen, Forstreferendar Pfälle liebe Melitta mehr als sie ihn!
WendlaDas will ich wohl, Thea! – Pfälle ist stolz. Pfälle ist stolz darauf, dass er Forstreferendar ist – denn Pfälle hat nichts. – Melitta ist selig , weil sie zehntausend Mal mehr bekommt, als sie ist.
MarthaBist du nicht stolz auf dich, Wendla?
WendlaDas wäre doch einfältig.
MarthaWie wollt' ich stolz sein an deiner Stelle!
TheaSieh doch nur, wie sie die Füße setzt – wie sie geradeaus schaut – wie sie sich hält, Martha! – Wenn das nicht Stolz ist!
WendlaWozu nur? Ich bin so glücklich, ein Mädchen zu sein; wenn ich kein Mädchen wär', brächt' ich mich um, um das nächste Mal...
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