Der Sohn Menelik und der Raub der Bundeslade
Der Sohn Menelik wurde in Saba geboren und wuchs in den ersten sieben Jahren bei der Mutter heran. Dann kam er nach Jerusalem zum Vater, dem er von Aussehen und Wesen stark ähnelte. Zu einer nochmaligen Begegnung zwischen Salomo und Makeda, die jetzt auch noch den Ehrentitel „Erneuerin des Glaubens“ trug, kam es zu beider Leidwesen nicht mehr, da sie in ihren Reichen voll damit beschäftigt waren, Revolten zu unterdrücken. Obwohl im entscheidenden Augenblick völlig auf sich alleine gestellt, konnte Makeda einen Aufstand ihres Vetters in Aksum niederringen. Eigenhändig tötete sie ihn mit einem Pfeilschuss ins Herz. Sie traute sich aber nicht mehr außer Landes zu gehen und Salomo zu besuchen, wie es geplant war, und war darüber sehr traurig. Auch Salomo, der ebenfalls sehr unter der Trennung litt, hatte alle Hände voll mit seinem Widersacher Jerobeam zu tun, konnte das Reich aber bis zu seinem Tod noch zusammenhalten.
Der junge Menelik wurde schließlich in Jerusalem als Nachfolger der Mutter vor der Bundeslade zum König von Simen und Saba gekrönt, da Makeda jetzt der Ansicht war, dass ein Mann ihr Reich leiten sollte. Salomo hätte Menelik auch gern zu seinem Nachfolger ernannt, doch Menelik wollte zurück in das Reich der Mutter. Salomo forderte, dass die erstgeborenen Söhne der höchsten Beamten und Priester mit Menelik auszogen, um die Verbindung der Reiche weiter zu festigen. Aber beim Auszug Meneliks aus Jerusalem hatte sich insgeheim Unerhörtes ereignet: Azaja, der erstgeborene Sohn des obersten Priesters, hatte die Bundeslade geraubt – angeblich auf Befehl eines Engels, der ihm im Traum erschienen war. Menelik erfuhr davon erst unterwegs. Doch war er sich darüber im Klaren, dass ohne Gottes Wille ein solches Vorhaben unmöglich gewesen wäre. Vor Freude tanzte er vor der Bundeslade, wie es einst sein Großvater David als junger Mann getan hatte.
Der Besitz der geheimnisvollen Bundeslade bedeutete für die Juden göttlichen Beistand. Sie galt als Symbol für den Bund zwischen Gott und „seinem Volk“. So wie andere Völker damals Götterstatuen in vergoldete Schreine stellten, so hatte man gemäß der Überlieferung in die vergoldete, tragbare Bundeslade die steinernen Gesetzestafeln gelegt, die gewissermaßen ein Abbild der vollkommenen Schöpfungsgesetze Gottes waren. Und so wie sich andere Völker vorstellten, dass die unsichtbaren Götter gelegentlich in den Kultstätten anwesend waren, so glaubten auch die Juden, dass die Bundeslade im Allerheiligsten gewissermaßen den „Fußschemel“ Gottes darstelle.
Der über den Verlust der Bundeslade verzweifelte Salomo wurde angeblich von einem Engel im Traum getröstet: Der „Raub“ sei Gottes Wille, und es sei schließlich sein Sohn, dem die Bundeslade anvertraut wurde! Salomo befahl daraufhin den „Ältesten“, dass sie den Verlust der Bundeslade geheimhalten sollten: „Es sollen sich nicht die unbeschnittenen Völker brüsten und zu uns sagen: ‚Ihr Ruhm ist vernichtet worden, und der Herr hat sie verlassen!’ Entdecket hiervon nie mehr etwas den anderen Völkern.“ („Kebra Negast“, äthiopische Legendensammlung, Kap. 62) Und in der Tat ist über den Verbleib der Bundeslade in den Schriften des Alten Testaments nichts zu erfahren. Dafür sind aber die äthiopischen Überlieferungen umso auskunftsfreudiger. Und es spricht viel dafür, dass diese Überlieferungen ein tatsächliches Ereignis schildern; denn der Raub der Bundeslade wäre als frei erfundene Geschichte ein viel zu großes Sakrileg gewesen.
Und was berichten die äthiopischen Überlieferungen über den Verbleib der Bundeslade nach dem „Raub“ in Jerusalem? Von Menelik wurde die Bundeslade nach Aksum gebracht, in die alte Hauptstadt der Königin von Saba. Makeda betrachtete die Überführung der Bundeslade nach Simen als eine besondere Auszeichnung ihres Landes und war überglücklich, während Salomo in dem Verlust der Bundeslade ein böses Vorzeichen für sein Land sah und zu seinem Lebensende immer schwermütiger wurde; denn er erkannte, dass die großen Hoffnungen, die man auf die Zukunft gesetzt hatte, sich durch menschliche Unzulänglichkeiten nicht erfüllen würden. Und tatsächlich: Salomos Reich wurde sofort nach seinem Tod aufgrund interner Zwistigkeiten in zwei Teile gespalten, von den Ägyptern wenig später besiegt und schließlich durch die Assyrer und durch die Babylonier erobert. Im Jahr 587 oder 586 v. Chr. wurde der Tempel Salomos von den Babyloniern zerstört.
Äthiopien und die Bundeslade
In Äthiopien gab es dagegen bis 1974, als Kaiser Haile Selassie gestürzt wurde, offenbar zahlreiche Könige, die Nachfahren Meneliks waren, und die selbst noch nach 3.000 Jahren vom Glanz und Ruhm der Königin von Saba und des Königs Salomo zehrten. Zwar kann man den Anspruch Äthiopiens, das „Neue Israel“ darzustellen, nicht unbedingt akzeptieren, doch es sieht tatsächlich ganz so aus, als ob die Bundeslade im 10. Jahrhundert v. Chr. eine sichere Zufluchtsstätte in dem damals jüdischen Äthiopien gefunden hatte. Denn in Jerusalem wäre sie nach Salomos Zeiten äußerst gefährdet gewesen.
Zuerst wurde die Lade in Aksum aufbewahrt, dann soll sie sich über 800 Jahre lang auf der Insel Tana Kerkos im Tana-See befunden haben. Als Äthiopien im 4. Jahrhundert unter König Ezana christlich wurde, brachte man die Bundeslade nach Aksum zurück und erbaute für sie die Kirche „Maria von Zion“. Die Bundeslade wurde nun fundamentaler Bestandteil der äthiopisch-christlichen Kirche: So wie Maria den Gottessohn Jesus im Leib getragen hatte, so war auch die Bundeslade Behältnis der „göttlichen“ Gesetzestafeln.
1965 hat Kaiser Haile Selassie für die Bundeslade neben der inzwischen erneuerten Kirche „Maria von Zion“ eine besondere Kapelle bauen lassen, die noch größere Sicherheit bietet. Leider kann man aber den Anspruch Äthiopiens, im Besitz der Bundeslade zu sein, nicht vor Ort in Aksum überprüfen, da sie als der heiligste Gegenstand der äthiopisch-christlichen Kirche gilt. Nur ein einziger Wächter hat in dem von Priestern streng überwachten Areal Zugang zu ihr. Überall sonst im Lande befinden sich angeblich Abbilder der Gesetzestafeln, sogenannte Tabots, im Allerheiligsten der Kirchen. Sie werden bei Prozessionen von Priestern in Brokattücher gehüllt feierlich auf dem Kopf getragen.
Die äthiopisch-christliche Kultur ist also bis heute zutiefst von der Erinnerung an die Bundeslade durchdrungen. Und das ist neben den äthiopischen Überlieferungen ein sehr starkes Argument dafür, dass die Bundeslade tatsächlich einst nach Äthiopien zur Königin von Saba gelangt ist. Die Königin wurde auch von Jesus als Vorbild hingestellt für alle diejenigen, die nach Weisheit und Wahrheit suchen. Nach den Evangelien von Matthäus und Lukas erinnerte Jesus selbst an die Begegnung Salomos mit der Königin von Saba. Er warnte die Juden bzw. die Menschen, zur Zeit des Jüngsten Gerichts werde die Königin des Südens gegen sie Zeugnis ablegen. Denn sie sei von weither gekommen, um die Weisheit Salomos zu hören, aber nun, da eine größere Weisheit unter ihnen erschienen sei, hätten sie sich abgewandt.
Beweise zu den Überlieferungen
Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, beispielsweise durch archäologische Funde, gibt es über die Königin von Saba leider nicht. Ein Königreich von Saba lässt sich erst ab des 8. Jahrhunderts v. Chr. in Südarabien nachweisen. Hier hat man bei Marib im heutigen Jemen eine Tempelanlage ausgegraben, die zwar bei einigen als Kultstätte der Königin von Saba gilt, jedoch offenbar einer Verehrung der Mondgottheit „Almaqa“ diente und erst zweihundert Jahre nach dem Auftreten der Königin von Saba angelegt wurde. Im Übrigen hat es bisher nur sehr spärliche archäologische Ausgrabungen in Südarabien gegeben, da Expeditionen dorthin bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts entweder verboten waren oder als zu gefährlich betrachtet wurden.
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