Mit ungeheurem Tatendrang lenkte sich Makeda auch durch die Eroberung benachbarter Länder von ihrer unglücklichen Liebe zu dem assyrischen Prinzen ab. Feldherren aus Ägypten und Assyrien wurden angeworben, die ihr Heer auf den neusten Stand brachten, und Tausende von Arbeitern mussten in der Hafenstadt Massawa Tag und Nacht in drei Jahren eine Kriegs- und Handelsflotte bauen. Sie erinnerte sich an den Ratschlag ihres Vaters, das Reich bis nach Arabien auszudehnen, und nach kurzer Zeit war Südarabien von ihrer mächtigen Armee erobert. Die reichen Goldvorkommen in ihrem Land, die systematisch ausgebeutet wurden, dienten zur Finanzierung ihrer Feldzüge. Auch die gesamte Perlenfischerei im Roten Meer hatte sie bald in ihrer Hand.
In Südarabien wollte sich Makeda eine völlig neue Hauptstadt bauen lassen: Saba. Ihr Wunsch wurde – kaum ausgesprochen – sofort in die Tat umgesetzt. Tausende von Arbeitern wurden den Baumeistern zur Verfügung gestellt. So entstand gegenüber von Massawa die neue Hauptstadt Saba mit ihrem Hafen am Roten Meer in kürzester Zeit. Der neue Palast überragte auf kunstvoll aufgetürmtem Hügel die Stadt und schien vom Meer aus gesehen im Himmel zu schweben. Der Umzug von der alten Hauptstadt Aksum nach Saba glich einem Triumphzug. Auch im neu eroberten Land wurde die Königin wie eine Überirdische empfangen. Die Königin hatte eine Vorliebe für große Auftritte: Ihr Schiff, von ihr selbst entworfen, hatte die Form eines Pfaus und war mit purem Gold verziert. Es wurde von zahlreichen Ruderern fortbewegt, und sie selbst saß in schneeweißem Gewand auf goldenem Thron unter rotem Baldachin. Ihre Krone schillerte in allen Regenbogenfarben und war mit nussgroßen Perlen versehen.
Doch eines hatte die Königin von Saba nicht erreicht: Eine erfüllte Liebesbeziehung! Auf dem Gipfel ihrer Macht weinte Makeda deshalb oft im Geheimen wie ein kleines Mädchen, dass auf einem Berg von Gold sitzt und am Verhungern ist. Verzweifelt suchte sie nach Lösungen, den öffentlich vor Jahwe geleisteten Schwur der Jungfräulichkeit aufzuheben. Die Priester behaupteten, dass Unglück über das Volk käme, wenn die Königin den Eid brechen würde. Der Hofastrologe kündete ihr eines Tages an, dass ein weiser und mächtiger Mann aus dem Norden bei ihrem Liebesproblem helfen würde. Damit konnte nur König Salomo im fernen Jerusalem gemeint sein, der Erbauer des jüdischen Tempels und der Hüter der Bundeslade, der für seine Weisheit berühmt war. Diesen Mann wollte Makeda nun unbedingt kennenlernen und seine Weisheit auf die Probe stellen. Sie schickte ihm großzügige Geschenke und ein Bilderrätsel, das Salomo – seinerseits neugierig geworden auf die schöne, reiche und mächtige Königin – zu ihrer größten Zufriedenheit mit einem meisterhaften Gedicht zu beantworten wusste, das auch eine Einladung nach Jerusalem enthielt.
Die Reise nach Jerusalem – achtzehn Jahre waren seit der Krönung verstrichen – begründete die Königin von Saba offiziell so: Sie sei es der Religion ihrer Vorfahren und des Volkes von Simen und Saba schuldig, diesen Glauben in seiner ganzen Tiefe zu ergründen. Dazu bedürfe sie der Hilfe Salomos, des Hüters der Bundeslade, der sie selbst erleuchten und später jüdische Schriftgelehrte schicken sollte, um die hiesigen Priester zu belehren. Insgeheim hoffte Makeda natürlich auch auf eine Lösung ihres Liebesproblems, auf die Entbindung vom Schwur ihrer Jungfräulichkeit.
Begleitet von Handelsschiffen und Kriegsschiffen fuhr Makeda mit ihrem Schiff über das Rote Meer nach Ezjon Geber, dem heutigen Eilat. Von hier aus setzte sich eine riesige Karawane in Richtung Jerusalem in Bewegung. Die Königin saß in einer Sänfte aus Gold und Silber auf einem weißen Elefanten unter einem Baldachin aus roter Seide. Flöten, Lauten, Trompeten, Trommeln und Pauken sorgten für gebührende Aufmerksamkeit des staunenden jüdischen Volkes. Die Schönheit und Pracht der Königin verschlug selbst dem redegewandten König Salomo die Sprache, als er die Königin in seinem Thronsaal begrüßte. 120 Goldtalente, 120 Elefantenstoßzähne, 120 Beutel Edelsteine, 120 Beutel Perlen, 120 Beutel mit Aromen, 120 reinblütige Araberhengste, 120 Kamele und 120 Maulesel konnte Salomo als Geschenk entgegennehmen. Außerdem hatte die Königin 160 Lämmer mitgebracht, die im Tempel als Opfer geschlachtet werden sollten.
Selbst die Priester waren wider Willen beeindruckt. Sie misstrauten aber der ausländischen Herrscherin, deren Macht, Reichtum und Intelligenz beunruhigend war, und sie warnten König Salomo vor Sorglosigkeit. Dessen Zorn war grenzenlos: Diese Kleingeister wagten es, der Frau seiner Träume niedrige Motive zu unterstellen! Salomo hatte zwar viele Frauen – er heiratete lieber ausländische Prinzessinnen, als dass er Kriege führte –, aber keine war dabei, die er wirklich aus ganzem Herzen liebte. Hatte Jahwe ihm vielleicht jetzt die wahre Gemahlin in Gestalt der schönen, reichen und mächtigen Königin von Saba gesandt, die noch dazu genau wie er selbst an Jahwe glaubte und nicht fremde Götter verehrte, und die außerdem auch von makelloser jüdischer Abstammung war?
Immer mehr fühlte sich König Salomo zu der Königin von Saba hingezogen. Bald dichtete er die schönsten Liebeslieder für sie, und schließlich machte er ihr einen Heiratsantrag. Hinsichtlich des Schwurs der Jungfräulichkeit wusste der weise Salomo natürlich Rat. Zusammen mit seinen Priestern stellte er fest, dass der Schwur zu Unrecht abverlangt worden war. Erzwungene Jungfräulichkeit sei gegen Gottes Wille! Die Liebe wäre ein Gottesgeschenk! Die Königin von Saba wurde daraufhin im Tempel vor der Bundeslade in aller Form durch den Oberpriester von ihrem Schwur entbunden.
Salomo und die Priester ließen die Königin aber auch wissen, dass ihre männerfeindlichen Gesetze gegen Jahwes Willen seien. Die Frauen seien vor allem Hüterinnen von Heim und Herd, und es würde die Menschheit ins Chaos stürzen, wenn die Frauen diese Aufgabe nicht wahrnähmen. Makeda hatte nämlich durch Änderung der Gesetzgebung den Frauen die Vorrechte in der Gesellschaft verschafft. Hausarbeit war per Gesetz den Männern aufgebürdet worden! Nur Frauen durften ein Erbe antreten! Außerdem hatte sie auch ein Amazonenheer aufgestellt! Die von der Königin befürchtete Überlegenheit der Männer, so fügte Salomo hinzu, bestünde doch nur in deren besonderer Fähigkeit, sich im Schweiße des Angesichts für den Unterhalt der Familie abzumühen und sich gegenseitig bisweilen mit großer Geschicklichkeit umzubringen. Sie sei doch ein Nichts verglichen mit dem Anmut, dem Charme und den Verführungskünsten der Frauen. In Wirklichkeit sei immer die Frau die Herrscherin!
Und Makeda ließ sich tatsächlich von Salomo überzeugen. Sie änderte noch von Jerusalem aus ihre Gesetzgebung, zumal es auch in ihrer Heimat bereits vereinzelte Revolten von Männern gegen die ihrer Meinung nach erniedrigende Gesetzgebung gegeben hatte. Sie wollten der Laune einer unfruchtbaren Königin, so sagten diese Männer, nicht mehr gehorchen.
Ein halbes Jahr lang durfte Makeda als Gemahlin Salomos die Liebes- und Dichtkunst Salomos genießen. Sie „entführte“ Salomo in ihre Oase Tadmor (das spätere Palmyra) östlich von Damaskus. Makeda hatte sie vermutlich wie manche andere Länderei beim Bogenschießen gewonnen, worin sie zur großen Überraschung der Männer unschlagbar war. Dort gab es keine eifersüchtigen Frauen Salomos, von denen eine zweimal versuchte, Makeda umzubringen. Großmütig verzieh Makeda der eifersüchtigen Attentäterin, die Salomo töten lassen wollte. Denn Makeda wusste nur zu gut, wozu Liebeskummer eine Frau treiben kann. Durch Salomos Einfluss war Makeda sehr schnell eine kluge und liebevolle Gemahlin geworden. Von der eroberungssüchtigen und männerfeindlichen Makeda war nichts mehr übrig geblieben. Und sie freute sich auch schon auf ihre neue Rolle als liebevolle Mutter; denn der Sohn Menelik kündete sich an. Salomo und Makeda träumten nun bereits von einem gemeinsamen Thronfolger, der vielleicht ihre Reiche – sofern es Gottes Wille wäre – zu einem jüdischen Großreich vereinen würde.
Читать дальше