Fünf Minuten später rauschte sie an ihrer Mutter vorbei und wollte schon mit einem kurzen Tschüss das Haus verlassen, aber ihre Mutter hielt sie am Riemen ihrer Schultertasche zurück. „Halt, halt immer langsam, meine Liebe.“ Leyla sah sich um. Was war denn heute bloss los! Ihr Vater sass mit Gregory am Frühstückstisch und niemand schien in Eile zu sein. Leyla sah genervt auf ihre Uhr.
„Leute, ich muss in einer Dreiviertelstunde in der Schule sein und ich muss die Subway unbedingt in 5 Minuten noch kriegen.“
„Ich fahre euch heute zur Schule, da es Gregorys erster Schultag ist und ich noch mit dem Rektor sprechen will“, sagte Leylas Vater.
Leyla schüttelte den Kopf. „Ganz sicher nicht, auf keinen Fall, ich habe keine Lust, wegen dieses Freaks zu spät zu kommen.“ Sie deutete auf Gregory, warf ihre wirre Haarmähne zurück und stürmte aus dem Haus. Ihre Eltern und Gregory blieben sprachlos zurück.
Leyla rannte die kurze Strecke zur Main Street Subwaystation. Sie schaffte es gerade noch und erwischt den Zug. Völlig ausser Atem sank sie auf einen freien Sitzplatz und bereute ihre schwarze Kleidung. Es war früh am Morgen und schon so warm. Wie würde es erst am Mittag sein? Sie schwitzte alleine schon nur bei dem Gedanken. Gegenüber von ihr sass ein verdreckter Typ mit einer Rasta-Frisur und sah sie lüstern von unten bis oben an. Na, ihm jedenfalls schien ihre Symphonie in schwarz zu gefallen.
Sie wollte schon aufstehen und weiter nach vorne gehen, als an der nächsten Station Victoria Park ihre beste und einzige Freundin aus der Gucci-Freaks-Klasse, Brooklyn, zusammen mit Coat Hanger Babe Melissa, die wild gestikulierend auf Brooklyn einredete, einstiegen. Brooklyn hatte Leyla gesehen und kam zu ihr mit Melissa im Schlepptau. Der Rasta Typ sah nun in eine andere Richtung, wahrscheinlich hatte er keine Lust, es mit drei Weibern gleichzeitig aufzunehmen. Brooklyn grinste Leyla an, Leyla bewunderte einmal mehr ihre gutaussehende Freundin und ihren unvergleichlichen Modestil. Sie sah immer aus, als sei sie einem Modemagazin entstiegen oder als komme sie direkt von einer Shoppingtour. Ihre Eltern waren unglaublich reich und versnobt. Ihr Vater war irgendein Banker aus der Chefetage und ihre Mutter war ein total verrücktes Huhn. Brooklyn selbst war, was man bei ihrem Aussehen nicht vermuten würde, ein völlig bodenständiger Mensch und man konnte sich immer auf sie verlassen. Völlig egal, in welchem Schlamassel man steckte.
Sie war gross und schlank, hatte langes gelocktes blondes Haar und grüne Mandelaugen, welche sie meist mit Eyeliner leicht betonte. Heute hatte sie einen blassrosa Lipgloss aufgetragen und trug einen weissen Schal. Dies, obwohl heute mindestens dreissig Grad angesagt waren, ebenso unpassend wie ihr schwarzes Outfit, aber wenigstens hatte sie einen guten Grund. Ein Typ, der sie verwirrte. Leyla wollte Brooklyn auf ihren Schal ansprechen, aber Melissa plapperte ohne Pause und es war schwierig, sie zu unterbrechen.
Als Melissa endlich mal Luft holen musste, sagte Leyla zu Brooklyn: „Was soll der Schal?“
Brooklyn beugte sich zu Leyla und flüsterte drei Worte: „Knutschfleck, Jason, Idiot.“
Leyla kicherte leise und Melissa wollte unbedingt wissen, was los war. Inzwischen waren sie bei der Haltestelle Scarborough Center angekommen.
Die Scarborough High befand sich zwei Blocks weiter und die drei Girls trafen auf Jason und seinen wie immer grimmig dreinblickenden Freund Aiden.
Jason versuchte, sich bei Brooklyn einzuhaken, aber sie entwand sich ihm geschickt und streifte dabei Aiden leicht.
Die beiden entfernten sich und Leyla sagte zu Brooklyn: „Dieser Aiden macht mir Angst, ein richtig grimmiger Muskelprotz mit einem Aggressionsproblem.“ Sie schüttelte sich. Brrrh.
Brooklyn schien unbeeindruckt. „Also, ich finde ihn sexy!“
Melissa kicherte. „Brooklyn findet einfach alle Jungs sexy!“ Sie gluckste dämlich, und Leyla gab ihr einen Stoss in die Rippen. „Was immer noch besser ist, als alte Männer wie meinen Vater zu belästigen.“
Melissa rieb sich beleidigt die Rippengegend. „Aua, du bist ja so gemein.“
Sie liess die beiden zurück und ging schnellen Schrittes auf eine Gruppe herumlungernder Mädchen zu.
Brooklyn schaute Leyla fragend an; „Was ist mit deinem Superheld Gregory, wo ist er denn?“
Sie schaute sich um: „Ich muss doch den geilsten Typen des Universums endlich mal zu Gesicht kriegen.“
Leyla seufzte: „Mir scheint, dass er leider vom geilsten Typen zum Albtraum mutiert ist in den letzten drei Jahren.“
Ein dunkelblauer Van fuhr mit quietschenden Reifen vor und die beiden Mädchen sahen gleichzeitig auf.
Es war der Van von Leylas Vater. Die Tür wurde geöffnet und ihr Traum bzw. Albtraum stieg aus.
Er warf ihr einen höchst irritierenden Blick zu und ging, ohne weiter auf sie zu achten, in Richtung Schulgebäude.
Brooklyn flüsterte: „Oh mein Gott, Leyla, war er das etwa?“ Leyla nickte geknickt und Brooklyn sah sie von der Seite an. „Meine Liebe, ich denke deine ruhigen Tage an der High School sind nun definitiv vorbei.“
Sie hasteten zu ihrem Spind und dort wartete die nächste unerwünschte Begegnung auf Leyla. Greyson, der schon seit ewigen Zeiten auf sie stand, kam lächelnd mit einer Schachtel auf sie zu. Er faselte etwas von einem Schulprojekt, bei dem sie ihm helfen sollte und strich ihr eine ihrer widerspenstigen Strähnen aus der Stirn. Genau in diesem Augenblick kam Gregory zu seinem neuen Spind, der sich natürlich genau gegenüber befand und er war wieder einmal nicht alleine. Seine Begleitung war niemand anderes als das schwarzhaarige Mädchen von gestern am Flughafen, das nun aufgeregt auf ihn einredete.
Er sah interessiert zu Leyla und Greyson und ihre Blicke trafen sich kurz.
Leyla sah schnell wieder weg. Er verstaute seine Sachen im Spind und verschwand mit dem Mädchen lachend im Klassenzimmer.
Leyla blieb zurück und schäumte innerlich vor Wut. Sie hatte kein Wort von dem mitgekriegt, was Greyson zu ihr gesagt hatte.
Ehrlich gesagt verstand Gregory die Welt nicht mehr. Es war ihm zwar unangenehm gewesen, dass seine Stiefcousine früher in ihn verknallt gewesen war und ihn mit ihren goldbraunen grossen Augen angehimmelt hatte wie ein Reh. Aus Bambi war aber inzwischen ein zähnefletschendes, giftspeiendes und vor allem feindseliges Raubtier geworden, das anscheinend nicht mehr zum Team Gregory gehörte. Die Augen waren zwar immer noch golden, aber sonst war es mit der Ähnlichkeit mit Bambi eindeutig vorbei. Er staunte nicht schlecht, denn eigentlich wollte er sie nur ein wenig von sich fernhalten mit seiner Show und dem arroganten Getue gestern. Nur in die Schranken weisen und nicht zu seiner Feindin machen. Gerade jetzt brauchte er unbedingt Freunde, um das Senior Jahr hier ohne grössere Katastrophen zu überstehen. Er brauchte Leyla unbedingt in seinem Team und ehrlich gesagt wollte er sie auch um sich haben.
Er wusste selber nicht so genau, warum er sich so abweisend verhalten hatte. Wahrscheinlich machten ihm seine aufkeimenden Gefühle für sie, die er nicht an die Oberfläche kommen lassen wollte, eine Heidenangst. Er hatte keine Lust, wieder zum finsteren Aussenseiter zu werden wie in der letzten Schule. In Gedanken versunken räumte er sein Zeugs in seinen Spind, wurde aber von der angaloppierenden Natalie aus seinen Gedanken gerissen. Sie strahlte und redete ohne Unterlass auf ihn ein, erzählte ihm dies und jenes Geheimnis über Mitschüler. Trotz der Ablenkung versuchte Gregory herauszubekommen, was der Typ am gegenüberliegenden Spind von Leyla wollte. Er konnte leider nicht verstehen, was die beiden sich zu erzählen hatten. Der Typ schien aber eindeutig etwas mit Leyla im Sinn zu haben, so wie er sie ansah. Er war wahrscheinlich der Basketballstar der Schule, so wie er aussah und so wie ihn alle Mädels anstarrten, die vorbeigingen. Gregory war nicht klar warum, aber es störte ihn ungemein, dass Leyla anscheinend ihre Schwärmerei für ihn überwunden hatte und, so wie es aussah, auch schon einen recht ernstzunehmenden Ersatz für ihn gefunden hatte. Sie sah wirklich verdammt gut aus, von dem kleinen Mädchen mit der Zahnspange war nichts mehr zu erkennen. Ok, klein war sie immer noch, aber das störte ihn nicht. Sie war klein und zierlich mit widerspenstigem dunklem, fast schwarzem Haar und den besagten goldbraunen Reh- oder Raubtieraugen, je nachdem wie nett oder eben blöd sie wohl jemanden fand. Ihr Gesicht war oval und sie hatte den südländischen Teint ihres Vaters geerbt. Früher hatte er sie immer mit ihren Sommersprossen aufgezogen. Die waren aber inzwischen leider beinahe alle verschwunden. Er spürte Natalies Arm auf seiner Schulter und wurde aus seinen Gedanken gerissen. Leyla hob den Kopf und ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment. Es war alles wieder wie früher, er war der Cowboy und sie die Indianerin, die vom Holzpferd geschossen wurde. Schnell wandte er seinen Blick von ihr ab und folgte Natalie ins Klassenzimmer.
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