„Jetzt warte doch erst einmal ab, wie es weiter geht. Was heißt überhaupt „Sachen packen“? Ich und auch die Führung weiß, was du für die Firma wert bist, aber heute werden die Entscheidungen nur noch nach den Zahlen getroffen. Mir gefällt die Entwicklung auch nicht, aber wir müssen sie akzeptieren. Sieh‘ es doch einmal so, Philipp: Du kennst unser Geschäft in allen Facetten und bist deshalb nicht nur im Kreditwesen, sondern auch in allen anderen Bereichen unseres Unternehmens enorm wertvoll. Und genau dieses Potenzial, das in dir steckt, soll genutzt werden, wahrscheinlich besser als bisher. In der Controlling-Abteilung wurde die Idee geboren, einen Pool von erfahrenen Mitarbeitern zu schaffen, die für anspruchsvolle Aufgaben herangezogen werden sollen, sozusagen eine Gruppe von Bearbeitern für besondere Angelegenheiten. Sie sollen direkt der Generaldirektion unterstellt sein. Finanziell wird sich für die Mitarbeiter, die in dieser Gruppe arbeiten, nichts ändern. Erst in einem zweiten Schritt ist eine Harmonisierung der Bezüge angedacht, um zu große Gehaltsdifferenzen innerhalb dieser Organisationseinheit zu vermeiden.“
Erichs abstraktes Geschwafel trieb bei Philipp den Puls in die Höhe. „Also ist aufs Erste nur meine bisherige Arbeit weg, das Geld verliere ich erst später. Also ganz ehrlich, Erich, kannst du das, was du hier tust, überhaupt noch vor dir selbst verantworten? Früher hast du diese Abteilung praktisch selbständig geführt. Aber seit wir unseren neuen Musterknaben da oben haben, bist du anscheinend nur noch ferngesteuerter Befehlsempfänger.“ Philipp hatte mit Erich immer schon offen gesprochen und nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten. Sie waren schließlich beide schon mehr als fünfzehn Jahre in der Bank und hatten eine Zeit lang sogar nebeneinander gearbeitet. Von seinem fast schon beleidigenden Ton war er allerdings selbst überrascht und erwartete eine scharfe Reaktion. Demgegenüber ließ ihn die Miene seines Chefs erkennen, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Fast bereute er jetzt seinen Ausbruch.
„Philipp, wir wissen beide, dass sich in der letzten Zeit bei uns die Dinge in einem Ausmaß verändert haben, das niemand für möglich gehalten hätte. Aber ich glaube, persönliche Anwürfe helfen uns in dieser Situation nicht weiter. Du weißt selbst, dass ich für die Dinge, die heute bei uns passieren, nicht verantwortlich bin und auch keine Sympathie dafür habe. Wir müssen uns aber damit abfinden, dass die Zeiten, als wir von Jahr zu Jahr größer wurden, schon lange vorbei sind. Von Osteuropa haben wir eine Zeit lang profitiert, seit der Wirtschaftskrise hat es uns nur noch viel weiter hineingerissen. Man kann über das derzeitige Management denken, was man will, Philipp, aber im Grunde versucht es nur, die Existenz der Bank zu retten.
Aber zurück zu deiner neuen Tätigkeit. Wir haben an Dezember gedacht. Ab diesem Zeitpunkt wirst du im dritten Stock arbeiten, in der derzeitigen Revisionsabteilung.“ Er hielt kurz inne, so als wolle er prüfen, welche Wirkung seine Worte auf Philipp hatten. Dieser nutzte die Pause aus.
„Was soll dieser neue Pool eigentlich machen? Im Grunde ist das Ganze doch nur eine Zwischenlagerung von Leuten, die nicht mehr gebraucht werden. Und irgendwann wird sich einer da oben fragen, wieso diese seltsamen Gestalten, die keine richtigen Aufgaben haben, eigentlich noch beschäftigt werden. Und du weißt ja wohl selbst, dass es normalerweise kein Problem ist, unerwünschte Leute weg zu kriegen, auch wenn sie noch so gute Verträge haben.“
Erich wirkte sehr nachdenklich. „Jetzt mal nicht den Teufel an die Wand. Du weißt selbst genau, dass es bei uns in mehreren Filialen Personalengpässe gibt. Außerdem gibt es auch Bereiche in der Bank, die ausgebaut werden sollen. Dann könnte es durchaus sein, dass erfahrene Leute wie du gefragt sein werden. Ich würde das Ganze nicht nur negativ sehen. Änderungen bergen auch immer Chancen in sich und wenn auf einer Seite eine Tür zugeht, tut sich auf einer anderen vielleicht wieder eine auf.“
„Also ehrlich, Erich, kannst du mir sagen, wann in den letzten beiden Jahren in unserer Bank erfahrene Leute gesucht wurden. Wir bauen doch permanent ab. Dass es die Kreditabteilung erst jetzt trifft, ist ohnehin nur dir zu verdanken, dass wissen alle. Aber bitte, erzähl‘ mir keine Märchen, oder belügst du dich auf diese Art selber?“ Erichs Versuche, die Sache in positiverem Licht darzustellen, erzielten bei Philipp die gegenteilige Wirkung.
„Na gut“, fuhr Erich fort, „ich kann dir nicht vorschreiben, wie du die Sache zu sehen hast, ich kann dir nicht einmal garantieren, dass das alles, was du jetzt befürchtest, nicht irgendwann einmal eintreten wird. Aber was ich dir garantieren kann, ist, dass derzeit keinerlei Pläne bestehen, sich von Mitarbeitern der Kreditabteilung – in welcher Form immer – zu trennen.“ Philipp war klar, dass sein Chef das keinesfalls garantieren konnte, was wusste er schon, was in den Schubladen der Generaldirektion für Szenarien ausgearbeitet wurden. Aber er billigte ihm zu, dass er in einer Art Realitätsverweigerung selbst daran glaubte. Wahrscheinlich brauchte er diesen Glauben, um das alles durchziehen zu können.
„Na gut, war’s das, oder kommt noch was?“ fragte Philipp.
„Im Wesentlichen war es das, Philipp, wir werden allerdings noch ein paar Mal reden müssen, wenn es dann an die Umsetzung geht. Irgendwann in den nächsten Tagen wird Herr Mag. Hecht vom Controlling an dich wegen des exakten Zeitplans für die Änderungen herantreten. Er ist der Leiter dieses Projekts und hat für eine geordnete Übergabe zu sorgen. Ich ersuche dich, mit ihm in jeder Weise zusammen zu arbeiten, damit alles reibungslos über die Bühne gehen kann. Außerdem wirst du in einer Übergangsphase ohnehin noch sehr stark in der Kreditabteilung mitarbeiten. Ich hoffe, dass ich wie bisher auf deine Einsatzbereitschaft zählen kann.“
„Zu viel Begeisterung würde ich mir nicht erwarten“, erwiderte Philipp.
„Ich erwarte mir, dass du deine Arbeit korrekt erledigst“, schloss Erich das Gespräch, etwas kälter und formeller, als Philipp es nach dem sehr offenen Schlagabtausch zuvor erwartet hatte, aber wie sollte er als Vorgesetzter auf die letzte Bemerkung auch reagieren.
Nach einem kurzen Gruß verließ Philipp das Zimmer, verabschiedete sich auch bei Frau Ziegler und ging zurück an seinen Schreibtisch.
An diesem Tag kam er kaum zum Arbeiten. Sein Zimmerkollege Thomas – offenbar einer jener, die in der Kreditabteilung blieben, da er noch nicht zum Gespräch eingeladen war – fragte ihn sofort nach dem Verlauf der Besprechung und Philipp hielt es für richtig, ihm zu sagen, was er wusste. Um etwa drei Uhr nachmittags machte er dann Schluss und ging durch die Innenstadt zu Fuß nach Hause, etwas, das er sehr gern tat, wenn er Zeit zum Nachdenken brauchte.
Philipp liebte das herbstliche Wien. Er war schon eine Weile die Ringstraße entlang spaziert, deren Häuserfronten in der Oktobersonne klarer und gestochener hervortraten als während des Sommers.
Als er in den Volksgarten kam, der trotz des bereits recht kühlen Wetters noch immer sehr frequentiert war, leuchtete ihm das farbenfrohe Laub der Bäume wie eine aus Braun- und Rottönen bestehende Staffelei entgegen, auf der ein Maler die verschiedensten Farbmischungen ausprobiert hatte. Vor dieser Kulisse entspann sich reges Treiben. Mütter mit ihren Kindern, Studenten, Pensionisten und anderes Volk genoss so wie Philipp die wärmenden Sonnenstrahlen, immer im Bewusstsein, dass dies einer der letzten schönen Tage vor der grauen und feuchten Trostlosigkeit des Novembers sein konnte.
Wie die Farben des Herbstes mischten sich in Philipps Geist die Eindrücke des Tages zu seltsamen, immer neuen Kombinationen, von denen er nicht loskam. Vor allem wollte er sich eine Strategie zurecht legen, wie er auf diesen ganzen Rationalisierungs-Unsinn in der Bank, der ihn seiner Meinung nach frontal vor den Kopf stieß, reagieren sollte. Um den Grad seiner Verbitterung zu verstehen, muss erwähnt werden, dass bei Philipp eine bestimmte Eigenschaft im Übermaß vorhanden war, nämlich das Bedürfnis, gebraucht zu werden. Es war bei ihm so ausgeprägt, dass für ihn durch die Ankündigung seines Chefs, ihn in eine Art „Zwischenlager der Hoffnungslosen“ zu stecken, jede Sinnhaftigkeit seines weiteren Verbleibs in der Bank verloren ging. Es wäre für ihn demütigend gewesen, nur deshalb in der Bank bleiben zu können, weil dem Management eine Auflösung seines Vertrages wegen des Kündigungsschutzes zu mühsam erschien. Doch so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, ihm fiel nichts besseres ein als abzuwarten, wie sich das Ganze weiter entwickeln würde.
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