Er atmet ruhig und gleichmäßig. Die Fremde löst sich zaghaft aus seiner Umarmung und dreht sich zu ihm, sie ist ihm so nah, dass er ihren Atem auf seiner Haut spürt. Er betrachtet sie, sieht in ein fein gezeichnetes blasses Gesicht mit großen dunklen Augen. Ihr sanft geschwungener schmaler Mund steht ein wenig offen, als wollte sie etwas sagen, aber sie weiß wohl nicht, was.
Vorsichtig streicht er mit den Fingerspitzen über ihre Wangen und ihren schmalen Nasenrücken. Es ist ihr nicht unangenehm, sie lächelt sogar. Ihre Haut ist glatt und zart. Wie alt sie wohl ist, überlegt er. Kaum älter als Anfang zwanzig. Er möchte etwas Tröstendes sagen, doch er fürchtet, dass in diesem Moment jedes noch so gut gemeinte Wort unsensibel erscheint. Es ist eine zerbrechliche Nähe, die sie teilen. Er darf sie nicht zerstören, egal wie fremd sie sich sind.
Eine gefühlte Ewigkeit liegen sie so da, blicken einander an, ohne sich zu erklären. Dann küsst er ihre Stirn, und sie nickt, als wollte sie ihre Zustimmung signalisieren. Sie legt ihre Hand auf seine Wange, und die Wärme ihrer Berührung läuft wie ein warmer Regen durch seinen Körper. Es ist ein so unerwartetes Glücksgefühl, dass er plötzlich lachen muss.
Die junge Frau lächelt, sie scheint seine Reaktion zu verstehen. Er küsst ihren Mund und sie lässt es geschehen, erklärt sich einverstanden, indem sie sanft den Druck seiner Lippen erwidert. Hätte er sie nicht rechtzeitig erreicht, ihr Körper würde nun zerschlagen auf dem Asphalt liegen. Aber sie lebt, sie ist nicht tot, und sie ist ihm auf wundersame Weise ganz nah.
Ihr gemeinsames Schweigen dauert an, umschließt sie wie eine feste Mauer. Es ist eine stille Übereinkunft, dass sie einander nicht infrage stellen wollen. Erklärungen sind nicht wichtig. Es gibt immer einen Grund. Alles was in diesem Augenblick zählt, ist ihre Gemeinsamkeit, ihr Nicht-Allein-sein.
Sie streichelt seinen Kopf, küsst seine Augen, sein Gesicht auf der Suche nach seinen Lippen. Und während er es geschehen lässt, aber noch zögert, ihre immer intimeren Zärtlichkeiten zu erwidern, wird ihm plötzlich bewusst, wo sie sich gerade befinden. Er denkt an die Menschen, die weit unter ihnen in der Stadt unterwegs sind, um nach einem langen, arbeitsreichen Tag nach Hause zu gelangen. Sie haben ein geregeltes Leben, fahren mit dem größten Selbstverständnis durch den geordneten Verkehr und glauben vermutlich, genau zu wissen, was Gut und Böse, was richtig und falsch ist. Doch auf diesem Dach, auf dem er und die junge Frau liegen, hoch über den Straßen Frankfurts, auf diesem Dach, das so wenig einladend wirkt und ganz sicher nicht gemacht ist, um Liebende zu empfangen, scheinen ihm alle Gesetze und Regeln, alle Annahmen darüber, was für Menschen richtig und falsch ist, nur noch so bedeutsam wie das entfernte Echo einer Welt, die längst vergessen hat, wie sich Wahrheit anfühlt.
Wenn sie es will, denkt er, dann will ich es auch, dann soll es so sein, und er beugt sich über sie, um ihren offenen Mund mit einem Kuss zu schließen. Sie streifen ihre Kleider ab, begierig, einander zu berühren. Er liebt sie, ganz sanft. Sie ist so jung, wirkt so zerbrechlich und unerfahren. Er will ihr nicht wehtun, bewegt sich vorsichtig, wartet ab, bis sie sich sicherer fühlt. Ihre Haut, ihr sanfter Mund, ihre Augen, die sich halb schließen und wieder öffnen, die weichen dunklen Haare, die Wärme ihres Körpers, er taucht ein und wieder auf, so oft und so tief, bis er vollkommen eins ist mit der Bewegung, dem Moment, in dem sich das Selbst dem fühlenden Körper hingibt. Sie spürt es, umklammert ihn mit ihren Armen und Beinen.
Er bleibt in ihr, bis sich sein schneller Atem beruhigt hat. Dann legt er sich neben sie und schaut ihr in die Augen. Es ist das erste Mal für sie, er weiß es. Und es ist gut, und es ist richtig, egal was war, egal was kommt. Wie heißt es doch? Gott fühlt mit den Liebenden, oder so ähnlich.
„Hey, alles in Ordnung?“ Seine Stimme klingt wie der Ruf aus einer Realität, von der er einen Augenblick zuvor noch geglaubt hatte, sie weit hinter sich gelassen zu haben. Sie lächelt verlegen, und er zieht sie näher zu sich heran, um sie zu wärmen. „Wie heißt du?“, flüstert er ihr ins Ohr.
„Marie“, sagt sie leise. „Und du?“
„Justus.“
Sie schaut ihn an und lächelt, streichelt mit den Fingerspitzen sein Gesicht.
„Justus, der Gerechte! Richtig?“
Er nickt und würde gern etwas Geistreiches erwidern, aber ihm fällt nichts ein. „Marie, wie wäre es, wenn wir umziehen würden?“
Sie hebt die Augenbrauen. „Umziehen? Wohin denn?“
„Ich weiß nicht, an einen behaglicheren Ort. Hier möchte ich jedenfalls nicht mehr bleiben. Und du?“
Marie schüttelt den Kopf.
Sie stehen auf und suchen ihre Kleider zusammen. Ein Gegenstand fällt aus seiner Hosentasche, und Marie hebt ihn auf.
„Das war in deiner Tasche!“, sagt sie und hält den verrosteten Nagel hoch.
Er nimmt ihr den offensichtlich nutzlosen Gegenstand aus der Hand und schaut ihn nachdenklich an, als hätte er einen lange verlorenen Schlüssel wiedergefunden.
„Ja, der gehört mir“, sagt er und steckt den Nagel wieder ein.
Marie schüttelt den Kopf und lächelt, offenbar unsicher, ob dies nun nur ein kleiner Scherz ist, oder ob der alte verbogene Nagel tatsächlich irgendeinen Wert besitzt, sodass es Sinn machte, ihn aufzubewahren. Sie wendet sich ab und schlüpft in ihre Kleidung, Unterwäsche, ein braunes Wollkleid, schwarze Strümpfe und Schuhe. Zum Schluss wickelt sie sich in den weißen, viel zu großen Mantel. Ihr Atem geht schnell. Sie fröstelt. Einen Moment hat es den Anschein, als wollte sie sich auf den Boden setzen, doch dann geht sie die paar Schritte zum Treppenhausausstieg und stützt sich an der Mauer ab.
„Geht es dir gut? Alles in Ordnung?“, fragt er.
Sie nickt. „Es ist … nichts. Ich bin okay. Mir ist nur kalt.“
Er knöpft sein Hemd zu und geht zum Rand des Daches hinüber, um hinunter auf die Straße zu blicken, die mittlerweile durch Straßenlaternen erhellt wird. Auf der gegenüberliegenden Seite scheint immer noch der alte Mann im Fenster zu stehen, unbeweglich und kaum sichtbar im Halbdunkel der nächtlichen Beleuchtung. Er fixiert das Fenster, versucht, in den dunklen Schatten die Konturen der Person auszumachen, und auf einmal ist ihm, als hätte sich der Alte bewegt und schaute ihm nun geradewegs in die Augen.
„Justus? Kommst du?“
Maries Stimme klingt ängstlich. Er dreht sich um und nickt ihr aufmunternd zu. Nein, er will nicht sterben, er will leben.
Die jungen Birkenbäumchen rechts und links des Sarges waren mit weißen Bändern geschmückt, schlicht, aber dennoch dekorativ, und sie ließen seine Mutter mit ihren langen dunklen Haaren, der blassen weißen Haut und ihrem zierlichen Körper, den man mit einer cremefarbenen Spitzenbluse bekleidet und bis zur Hüfte mit einem weißen Laken zugedeckt hatte, sie ließen seine Mutter aussehen wie Schneewittchen, die im Wald in einem Sarg gelegen hatte. Schneewittchen über den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, Schneewittchen, die sterben musste, weil ihre böse Stiefmutter, eine Hexe, eifersüchtig gewesen war und sie mit einem Apfel vergiftet hatte. Aber sie war ja gar nicht tot gewesen. Sie hatte ja nur geschlafen, bis der Prinz gekommen war, um sie wach zu küssen. Seine Mutter hatte ihm die Geschichte vorgelesen.
Er spürte die Hand seines Großvaters auf seiner Schulter, die zitterte und nicht aufhören wollte zu zittern, und ihm war so übel, so unglaublich übel, dass er keine Traurigkeit empfinden konnte. Alle hatten geweint, nur er nicht. Ihm kam der Gedanke, dass er nun auch endlich weinen sollte, aber er konnte nicht. Ihm war einfach nur wahnsinnig übel. Und sein rechtes Knie brannte. Er fühlte, wie der Stoff seiner Hose an seiner Haut festgeklebte. Eigentlich wollte er in diesem Moment nur eins, sich endlich übergeben, aber das konnte er nicht, denn es gab ja kein Klo im Esszimmer, wo man seine Mutter am Morgen aufgebahrt hatte. Also unterdrückte er den Brechreiz, so gut es ging, was ihm jedoch zunehmend schwerfiel. Immer wieder tief ein- und ausatmen, das half ein bisschen.
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