„Nein!“
„Das bitt ich mir auch aus! Das Bett will ich mir nicht versauen lassen. Es steht auf dem Boden.“
Wohl verletzte mich die Grobheit des Mannes und flößte mir Furcht vor ihm ein; doch über alle meine düsteren Gefühle und über mein Bangen siegte die jubelvolle Tatsache, dass ich Arbeitsgeselle geworden. Nun war ich nicht mehr ohne Obdach, ohne Heimat, brauchte nicht mehr mein Brot zu erbetteln und mich schmachvoll beschimpfen zu lassen, konnte jetzt Nacht für Nacht in einem Bette schlafen. Im Herzen tat ich den heiligen Schwur, alle Kraft aufzubieten, um das Vertrauen zu rechtfertigen, das der Meister in mich gesetzt. Aber Franz – der arme Franz! Was wird er sagen?... Ich teilte dem Meister mit, dass auf der Straße mein Reisegefährte auf mich warte, und bat um eine halbe Stunde Urlaub.
„Machen Sie, was Sie Lust haben!“ erwiderte er mürrisch. „Für heut haben wir Feierabend. Aber wenn Sie hier schlafen wollen: um neun Uhr wird die Klappe zugemacht.“
Mit dem Versprechen, rechtzeitig zurückzukehren, eilte ich hinaus. Franz stand auf der Straße und sucht mich mit ängstlichen Blicken. Er kam mir entgegen uns sagte, dass die Preise in der Herberge gar nicht hoch seien. Ich unterbrach ihn mit der Mitteilung, dass ich nicht in der Herberge, sondern im Hause meines Meisters schlafen werde. „Ich habe Arbeit gekriegt.“ Er hielt meine Worte für Scherz; doch als ich ihm mein Erlebnis erzählte, prägte sich Schrecken in seinem Gesicht aus, und als ich sagte, er müsse nun allein wandern, begannen wieder Tränen über seine Wangen zu rinnen… Franz war trostlos. Alles gute Zureden war unnütz; alle Versprechungen blieben wirkungslos. Er weinte so laut, dass Menschen herbeikamen und bei uns stehen blieben. Eine Frau sah mich giftig und drohend an und richtete an Franz die Frage, ob ich ihm etwas weggenommen hätte. Er erklärte heulend, seine Füße täten ihm weh, worauf die Frau verlegen zurückwich. Mit stockender Stimme bat er mich, ihm die Arbeitsstelle zu überlassen. Ich hätte gesunde Beine und könnte laufen; er aber komme nicht mit seinen kranken Füßen weiter.
Um den neugierigen Menschen zu entrinnen, zog ich mich in das Haus des Meisters zurück. Franz folgte mir, und auf der düsteren Treppe wiederholte er dringend seine Bitte. Ich fühlte, dass ich ihm helfen müsse, und forderte ihn auf, mit mir zum Meister zu gehen. Er trocknete die Augen; mir aber wurde bitter weh zu Sinn. Alle die Himmel, die sich mir nach langer Leidenszeit nun erschließen wollten, sah ich wie Traumgebilde zerrinnen. Den Meister trafen wir noch in der Werkstatt. Mit unsicherer, bebender Stimme bat ich ihn, meinen Kollegen als Gesellen anzunehmen und mir den Abschied zu geben.
„Sie sind wohl zu faul zur Arbeit?“ fragte er.
„Nein, Herr Meister! Aber mein Kollege…“
„Sie brauchen ’s bloß zu sagen, dann kriegen Sie Ihren Zettel gleich zurück! Ich habe Ihnen angenommen und nicht den andern! Entweder Sie bleiben oder Sie gehen! Mir kann’s egal sein!“
Er drehte uns den Rücken zu, und Franz benützte diese Gelegenheit zur Flucht. Ich ging ihm nach und holte ihn erst auf der Straße ein. Die Lust zur Arbeit war ihm vergangen. Er verlangte, dass ich weiter mit ihm wandere, und fühlt sich sogar stark genug, mit mir das nächste Dorf zu erreichen. Mein Entschluss aber war, bei dem Meister zu bleiben. Ich führte also den Freund in die Herberge, bestellte Suppe, Butterbrot, Käse, zwei Schnäpse und erklärte ihm währen des Abendessens, dass das Scheiden einen Notwendigkeit geworden sei. Anfänglich war kein vernünftiges Wort mit ihm zu reden; er hielt es für unmöglich, dass ich ihn verlassen könnte. Erst als er die warme Suppe genossen und den Schnaps getrunken hatte, gewann er ein wenig frische Lebenskraft… Seit dem Tage unseres Ausmarsches hatte ich keinen Schnaps getrunken. Als Arbeitsgeselle glaubte ich ein wenig nobel auftreten zu müssen; daher trieb ich solche Verschwendung.
„Morgen früh“, sprach ich, „bitt ich den Meister um eine Vorschuss und gebe ihn Dir als Reisegeld. Da wirst Du tagelang damit auskommen. Und die Leute an jenem Tische sind Kunden; vielleicht findest Du einen andern Reisegefährten.“
Da er noch immer nicht beruhigt war, schenkt ich ihm die Schuhe aus meinem Bündel, damit er ein leichteres Gehen habe, und auch noch das Vorhemd dazu. Nach dem Abendbrot riss ich mich von ihm los und forderte ihn auf, am anderen Morgen in die Werkstatt zu kommen.
Der Meister führte mich in die Bodenkammer, in der mein Bett stand, und übergab mir das Lager mit der Ermahnung, kein solcher Sauigel zu sein, wie der vorige Geselle… Ich lag in einem Federbett. Die Federn waren weich und wärmten mich, und wenn der liebe Gott so dachte, wie ich, dann sollte das Bett eine lange Zeit mir angehören; im Sommer und im Winter wollte ich darin schlafen… Wenn nur der Meister nicht so grimmig wäre! Ich fürchtete mich vor ihm. Doch er war ja mein Erretter. O, wie ich fleißig sein und alle meine Gedanken zusammennehmen wollte, um seine Zufriedenheit zu erwerben! Das Wandern war manchmal eine Lust, wenn die Sonne schien, wenn wir uns satt gegessen hatten, und wenn die Pfennige in der Tasche nahezu ausreichten für das Nachtquartier. Erzählte unterwegs einer eine schöne Geschichte, oder plauderten wir von der Schulzeit, oder erinnerten wir einander an die lustigsten Erlebnisse aus der Lehrzeit – – was war das für ein Vergnügen! Hätte ich aber wegen der großen Überproduktion keine Arbeit bekommen und weiter wandern müssen – wer weiß, wie lange! – – was wäre da wohl geschehen? Schon jetzt waren die Stiefel schief und die Kleider schlecht, und mit der Zeit wäre ich vielleicht gar ein Stromer geworden. Und wenn ich an das Fechten dachte, an die groben Worte, die man da zu hören bekam, an die schändlichen Ausdrücke, mit denen man abgewiesen wurde – – o, da wollt ich doch lieber bei dem grimmigsten und schlimmsten Meister arbeiten und mich von ihm stoßen und ausschimpfen lassen, als noch länger betteln gehen!... Was die Mutter sagen – wie sie staunen und sich freuen wird, wenn sie aus meinem ersten Briefe erfährt, dass ich Arbeitsgeselle bin – Arbeitsgeselle in einer Stadt, die weit, weit entfernt liegt von ihrem Dorfe? Im Geiste sah ich, wie die mit dem Briefe zu ihren Hauswirt ging, dem Schuster, der auch auf der Wanderschaft gewesen war und einige Landkarten besaß; ich sah, wie er die Karten entfaltete und gemeinsam mit der Mutter die Stadt suchte, in der ich weilte. In Gedanken entwarf ich den Brief, den ich der Mutter schreiben wollte, und bei dieser Gelegenheit zogen die Wandererlebnisse der jüngsten Tage an meiner schauenden Seele vorüber. Ich wunderte mich fast, dass ich der Held aller der seltsamen Begebenheiten und Abenteuer war, und kam mir als ein tüchtiger Gesell vor, der in die Welt passe. Dann fasste ich wieder die schönsten Entschlüsse für die kommende Zeit und für alle Zukunft, betete dazwischen viel andächtiger, als ich es an den vorhergegangenen Abenden getan hatte und glitt unmerklich hinüber ins Traumland…
„Heda! Soll ich Ihnen etwa das Frühstück ans Bett bringen?“
Mit einem Satze war ich auf den Füßen. „Ich komme schon Herr Meister!“
„Ich will’s auch hoffen! Das ist hier nicht Mode, dass ich Ihnen wecke. Um fünf Uhr früh geht’s los!“
Wie ich mich ärgerte, dass ich’ verschlafen hatte! Was sollte der Meister von mir denken! Er musste ja schon von vornherein eine schlechte Meinung von mir bekommen! Binnen wenigen Sekunden war ich angekleidet. Ich eilte hinab in die Werkstatt. Ungewaschen trat ich an die Hobelbank. Der Meister machte ein paar Kommoden aus Fichtenholz. Ich sollte ihm dabei behilflich sein. Mit feurigem Eifer stürzte ich mich in die Arbeit; ich war willens, mir mein Brot redlich zu verdienen.
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