„Du kannst Töne sichtbar machen. Ist ja krass!“, grinste Matt. „Mach das nochmal!“
Sie stand auf und sang ein A. Der Schall den sie erzeugte sammelte sich und schloss sich zu einer in der Luft schwebenden Note zusammen. Nun sang sie denselben Ton höher und dann tiefer und die Note bewegte sich hoch und runter.
Matt lachte: „Wahnsinn! Kannst du sie auch bewegen?“
„Mal sehen.“
Mia konzentrierte sich auf die Note, sang den Ton und wollte, dass sie nach rechts schwebte. Anfangs sah es so aus als ob die Note nicht reagieren würde. Doch plötzlich flitzte sie nach rechts und bohrte sich knapp neben Matt in einen Baumstamm. Matt schnappte nach Luft, als er merkte was geschehen war. Es ging alles so schnell das er der Note nicht mit seinem Blick folgen konnte. Noch keuchend vor lauter Adrenalin, dass durch seinen Körper schoss, berührte er die Note und diese zerfiel geräuschvoll. Sie hatte ein tiefes Loch im Stamm hinterlassen.
„Das sind mindestens fünf Zentimeter.“, stellte er geschockt fest.
„Tschuldige.“
„Am besten geh ich woanders trainieren.“, erwiderte er.
„Das war doch keine Absicht. Bist du jetzt wütend?“, wimmerte sie.
Er schüttelte den Kopf und widersprach ihr: „Nein. Aber es ist gefährlich bei dir. Solange du es nicht richtig kontrollieren kannst.“
Matt entfernte sich mehrere hundert Meter von Mia und betrat eine Lichtung. Auf dieser wuchsen wunderschöne, blaue Blumen. Er setzte sich in die Mitte des Blumenmeeres und betrachtete die weißen und flauschigen Wolken am Himmel. Motiviert konzentrierte er sich auf sich selbst. Schon nach kurzer Zeit, aber drifteten seine Gedanken, ohne das er es wollte zu einem mit schokoladeübergossenen Kuchen. Der noch dampfendfrisch aus dem Ofen geholt wurde und dessen Aroma die Schlossküche erfüllte. Die selbst gemachte Schokoladenglasur lief rechts und links, über den mit schokoladenstücken gefüllten Kuchen hinab. Ein betörender Duft zog ihn näher heran und er sah die langsam antrocknende Masse. Der Geruch kam ihm so echt vor, dass er am liebsten sofort hineingebissen hätte. Außerdem hatte er seit gestern nichts mehr gegessen. Das wollten sie nach dem ersten Meditationstraining nachholen. Der Duft war so real, dass er seinem Geruchssinn selbst nicht mehr traute. Langsam öffnete er seine Augen und da stand er: Der mit Schokolade überzogene noch dampfende Kuchen! Misstrauisch betrachtete er den im Gras liegenden Kuchen. Verwundert strich er behutsam über die Schokoschicht. Er hatte schon fest damit gerechnet, dass er so wie die Noten zuvor zerplatzen würde. Doch es löste sich nur etwas Schokolade und haftete an seinem Finger. Matt betrachtete seinen Finger als sei er eines der Weltwunder. Argwöhnisch leckte er an ihm und es schmeckte wirklich nach der bräunlichen, süßen Maße. Noch einmal strich er darüber und es schmeckte wieder nach Schokolade.
Vollkommen überwältigt von dieser plötzlichen Erscheinung starrte er ihn an und stellte nur eine Frage: Wie ist das passiert?
Wie von der Tarantel gestochen ergriff er den warmen Kuchen und rannte zu Mia. Diese versuchte mit Hilfe des sichtbaren Schalls zufliegen doch, dass war äußerst schwierig. Einzelne Noten befanden sich zwar unter ihren Füßen, aber sie stand mehr auf ihnen als das sie schwebte. Als Matt durch das Unterholz brach, erschrak sie und die Noten zerplatzten. Elegant landete sie auf ihren Füßen und blickte Matt verwirrt an.
„Schau dir das an!“, jubelte er.
Mia trat auf ihn zu und sog den Duft des Kuchens ein.
„Woher hast du denn?“
„Da kommst du nie drauf!“, erklärte er geheimnisvoll.
„Sag schon!“, quängelte sie.
„Durch meine Gedanken.“
Er tippte sich an seine Schläfe.
„Ich habe nur daran gedacht.“
„Du machst Witze! Woher hast du ihn wirklich?“
„Hab ich doch gesagt, ich habe daran gedacht und plötzlich war er da.“
„Cool! Kannst du auch…“, sie überlegte kurz. „Ein Schinkensandwich! Ich hab riesigen Hunger.“
Matt setzte sich auf den Boden und konzentrierte sich auf eine knusprige Semmel, die in der Mitte geteilt war. Auf der Unterseite war eine dünne Schicht Mayonnaise, auf der ein Blatt Salat, ein frischer Schinken, und zwei Scheibchen Gewürzgurken waren. Die obere Seite der Semmel wurde hinauf gelegt und verpackte alles in eine handliche und appetitliche Mahlzeit. Er nahm den Geruch des Fleisches und der Mayonnaise war und stellte sich vor es würde genau vor ihn liegen. Matt breitete seine Hände aus und das erdachte Sandwich landete in seinen Handflächen. Mia riss es ihm sofort aus der Hand und biss ab. Es war das beste Sandwich, das sie seit langem gegessen hatte. In wenigen Sekunden war es in Mias Magen verschwunden und sie setzte sich neben ihren Bruder.
Sie lächelte: „Das ist eine tolle Fähigkeit!“
„Aber mit Essen kann man niemanden besiegen!“
„Doch! Wenn du den Feind dazu bringst sich vollzufressen!“, lachte sie. Matt stellte es sich vor und fing ebenfalls an zu lachen. Da sie nun alles Essen und Trinken konnten (Die Getränke erschienen in Gläsern) verging die Zeit wie im Flug. Matt versuchte auch Gegenstände erscheinen zu lassen, doch es funktionierte einfach nicht. Entweder fehlte etwas, es kam nur zur Hälfte oder war so morbide verformt, dass es unkenntlich war. Ein knackender Ast lies sie zusammenfahren und ein grauhaariger Junge sprang aus dem Baum über ihnen.
„Grey!“, rief Mia erschrocken.
„Ihr müsst sofort mitkommen!“, verkündete er.
„Was?! Wieso? Und warum warst du in diesem Baum?“, fragte Matt überrascht.
„Das ist jetzt egal. Aber die Traumfänger wollen euch sehen!“
„Traumfänger?“, wunderte sich Mia.
„Das ist so was wie die Polizei von Dreamaren.“, klärte sie Grey auf.
„Polizei? Haben wir denn etwas angestellt?“, erkundigte sich Matt.
Grey schüttelte seinen Kopf und drängelte sich dazu endlich mit ihm mitzukommen. Zu dritt gingen sie zurück zum Haus der Träumer. Dort warteten schon sechs in einem dunkelgrün, uniformierten Männer vor dem Haus. Sie beäugten sie argwöhnisch, ließen sie aber passieren. Mia fühlte sich sichtlich unwohl von sovielen Männern angestarrt zu werden und suchte die Nähe zu ihrem Bruder. Im Gebäude standen zwei weitere Männer und einer saß auf einem der drei Sofas.
Als der Mann, mit dem spitzen Ziegenbart sie erblickte stellte er sich vor: „Ich bin Samuel Dix Monroe. Präsident und Vorsitzender der Traumfänger. Ich habe gehört ihr seit neu hier.“
Matt nickte und Mia ließ die fremden Männer hinter ihnen nicht aus den Augen.
Der Mann fuhr fort: „Wisst ihr denn bereits was für eine Aufgabe euch zugedrangen wurde?“
Matt gestand: „Wir denken, um zu uns selbst zu finden.“
Er vertraute seinem gegenüber nicht und verschwieg deswegen die Wahrheit. Aus Angst, dass Grey sie verraten würde, schaute er zu ihm, doch dieser starrte Mr. Monroe nur an und schwieg.
Mr. Monroe stand auf, fuhr sich durch seinen Bart und stellte sich vor Matt.
„Nun, solange ihr euch ruhig verhaltet dürft ihr bleiben. Doch solltet ihr mich in irgendeiner Weise stören werdet ihr eingesperrt! Verstanden!?“, drohte er.
Matt und Mia nickten. Mr. Monroe verließ das Haus und winkte ihnen, mit einem drohenden Lächeln, zum Abschied. Die Männer in den Anzügen folgten ihm wie Schatten.
Matt lies sich auf das weiche Sofa sinken und seufzte: „Danke Grey, dass du nichts verraten hast.“
Grey lehnte sich in einem braunen Sessel zurück und antwortete: „Kein Problem. Dafür hätte ich aber gerne etwas?“
„Was denn? Du bekommst alles?“, versicherte Matt.
„Ich will ein Date mit deiner Schwester.“
Er blickte Mia lächelnd an.
Dieser stockte der Atem und sie stöhnte: „Was?“
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