K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Die Sache zwischen ihnen hatte ebenso unkompliziert begonnen. Norman war in einem Schwulenclub gewesen, Jan auch. Sie haben sich gesehen, aber so getan, als hätten sie sich über sehen. Tagelang hatte bei der Arbeit angespanntes Schwiegen geherrscht, das Jan gebrochen hatte, indem er ohne Umschweife Norman zum Essen einlud. Norman hatte angenommen, sie waren ausgegangen und hatten im Wagen noch auf dem Parkplatz des Restaurants Sex gehabt.

Warum?

Na weil Norman ein Idiot war und nicht hatte ablehnen können. Es war nicht einmal so sehr die Versuchung, es war vielmehr das einfache Spiel gewesen und die Tatsache, dass schneller, unkomplizierter Sex ihn aus der Realität hatte fliehen lassen.

Mit Alessandro war es anders gewesen. Jedes Mal, wenn Norman ihn angefasst hatte, waren Bilder von damals aufgeblitzt, als sei Alessandro der Auslöser für alles. Liebe konnte eben noch so stark sein, aber das nützte nichts, wenn man psychisch angeschlagen, wenn nicht sogar total kaputt, war.

Und Norman hatte seine Probleme – seelische und auch körperliche Probleme – vor Alessandro geheim gehalten, weil er nicht als Schlappschwanz vor ihm dar stehen wollte. Er wollte nicht bemitleidet werden, und er hatte Angst gehabt, dass Alessandro ihn nicht mehr als den Norman sah, den er kennengelernt hatte.

Deshalb war ihm Jan gerade recht gekommen. In Jans Augen war Norman ohnehin ein alternder Ermittler, der die besten Jahre hinter sich hatte und auf dem Weg nach ganz unten war. Wenn Norman bei ihm etwas falsch machte, sich blamierte oder sonst irgendwie etwas schieflief, konnte es ihm egal sein. Sie waren nicht einmal wirklich Freunde, sie vögelten nur miteinander.

Es war nur Sex.

Außer für Alessandro, er interpretierte mehr dahinein und glaubte, Jan wäre jetzt Normans fester Freund. Was nicht stimmte. Jan war verheiratet. Mit einer Frau.

Nachdem er seine Situation im Kopf einmal durchgegangen war, fiel Norman auf, dass es wohl für alle Beteiligten wohl das Beste wäre, wenn er das Verhältnis zu Jan beendete. Für Jans Frau, für seine Töchter, für Alessandro und für Jan selbst wäre es auch das Beste ...

Aber nicht für Norman.

Doch er sollte vielleicht einmal in seinem Leben nicht egoistisch sein und es einfach tun. Es wäre ihm auf jeden Fall hilfreich bei Alessandro, wenn er ihm sagen könnte, dass er und Jan wieder nur Kollegen waren.

Norman dachte daran, dass Alessandro die Stadt verlassen wollte. Es wäre vor Jahren undenkbar gewesen, aber an diesem Tag hatte Norman entschieden, dass er ihn begleiten wollte. Er würde Alessandro nur dann gehen lassen, wenn er mitkommen konnte.

Er spürte mehr und mehr, wie ihn die Vorstellung reizte, diese Stadt und die Erinnerungen, die mit ihr verbunden waren, einfach hinter sich zu lassen. Etwas Neues zu beginnen, irgendwo fernab. Eine einfache aber harte Arbeit auszuüben, die ihn anstrengte und von den Alpträumen ablenkte, statt ihm neue zu bescheren.

Er wünschte es sich so sehr, hatte sich eine einfache Familienidylle schon vor Jahren ersehnt. Aber Alessandro hatte es nie gewollt.

»Was willst du von mir, Norman?«, hatte Alessandro einmal genervt gefragt, als Norman ihm zum Verkauf stehenden Vorstadthäusern präsentiert hatte. »Ein Haus kaufen, heiraten, Kinder adoptieren? Wo lebst du? Hinterm Mond? Ich bin ein gesuchter Verbrecher, Norman! Ein Verräter obendrein. Und ich hasse Kinder! Sorry, aber ich bin eher der seltsame Onkel, der mit einer Schrotflinte im Schuppen hinter dem Haus wohnt, statt eines leibenden Vaters.«

Ich hasse Kinder.

Diese Worte hatten sich tief in Norman eingebrannt.

Ich hasse Kinder.

Er hätte doch selbst nie geglaubt, dass er sich nach einer eigenen Familie sehnte, zumal er als Waise aufgewachsen war und überhaupt keine Ahnung vom Familienleben hatte. Aber mit Alessandro war alles anders gewesen. Mit ihm wollte Norman all das.

Alessandro hatte jedoch jegliche Diskussion darüber beendet, als er einmal sagte: »Norman, meine Eltern wurden von verfeindeten Organisationen umgebracht als ich gerade erst fünf Jahre alt war. Glaubst du, es wäre bei uns anders? Sie jagen uns, bis sie uns kriegen, und dann sind es unsere Kinder, die allein zurückbleiben. Willst du ihnen das antun, was ich durchleiden musste?«

Nein, das wollte er bestimmt nicht. Trotzdem hatte er immer darauf gewartet, dass Alessandro es sich anders überlegte. Mittlerweile wusste er, dass das nicht passieren wird.

»Hey, ist alles klar bei dir?«, fragte Jan besorgt, als Norman, während seines Blicks in die Vergangenheit, reglos dagestanden hatte.

Norman hob den Blick und versuchte, seine Enttäuschung zu unterdrücken, die er heute noch genauso spürte wie damals. Aber wenn es hieß, entweder ein Leben mit Alessandro aber ohne Kinder, oder eines mit Kindern aber ohne Alessandro, wählte er doch lieber das Leben mit ihm. Denn eines war Norman nach den letzten Monaten nun deutlich bewusst: er konnte ohne Kinder leben, aber niemals ohne Alessandro.

Jan kam um den Tresen herum, als Norman nicht antwortete. Er nahm Norman in den Arm und streichelte sanft Normans Rücken.

»War ein langer und harter Tag«, sagte Jan einfühlsam.

Norman genoss die Nähe zu einem warmen, starken Körper. Es war genau das, was er jetzt brauchte, vor allem nach Alessandros offener Ablehnung.

»Es tut mir leid, dass sie die Ermittlungen einstellen, ich weiß, wie viel dir an dem Fall gelegen hat«, sagte Jan verständnisvoll.

Ihm ging es nicht um Normans Seelenheil, ihm ging es nur darum, Norman ein gutes Gefühl zu geben, damit dieser ihm ein paar schöne Stunden im Bett bereitete. Oder auf dem Sofa. Oder warum nicht gleich hier auf dem Küchenboden?

Jan zog den Kopf etwas zurück, damit er Norman ins Gesicht lächeln konnte, seine Hände umfassten Normans Nacken und massierten leicht die Halsseiten.

»Ich geh schnell duschen«, beschloss er mit einem verschwörerischen Gesichtsausdruck, drücke Norman einen Kuss auf die Lippen und verschwand.

Norman nahm ausatmend und lustlos sein Bier in die Hand und setzte die Flasche an den Mund. Er zog das halbe Bier ab, dann wurde ihm schlecht und er beschloss, den Rest in die Spüle zu schütten.

Er musste mit dem Trinken aufhören. Unbedingt. Er spürte zunehmend, wie seine Leber protestierte.

Die leere Flasche auf der Küchentheke stehen lassend, schlenderte er aus der Küche, durch das Wohnzimmer, wo die weiße Ledercouch stand, die Alessandro einst ausgesucht hatte.

»Die muss ich haben!«, hatte er zu Norman gesagt, als er sie in einem Katalog gefunden hatte.

Norman musste sich damals verfluchen, weil er die Post von diesem Online Möbelhaus, wo er seine Küche herhatte, nicht entsorgt hatte, bevor Alessandro den Katalog in den Finger bekam.

Dabei war das Sofa wirklich schön, es störte ihn nur die Tatsache, dass Alessandro seine Vorliebe für kühles Leder nicht abstellen konnte. Norman war unsicher gewesen, ob sich das nur auf Möbel bezog, oder ob er auch gleich losziehen und Ledermanschetten fürs Bett kaufen sollte. Die Vorstellung hatte ihm nicht behagt, weil er nicht so ein Typ war, der auf so was stand.

Alessandro schon.

Also hatte, wie zu erwarten, wegen diesem Sofa ein Streit begonnen, den Alessandro als vollkommen unsinnig und hirnrissig bezeichnete.

Schließlich hatte er Norman dann doch überreden können, mit den Worten: »Stell dir den Sex darauf vor. Wir können Schweinereien machen, so viel wir wollen, sie ist ja abwaschbar.«

Es hatte ein Scherz sein sollen, der letztlich zum Erfolg geführt hatte.

»Von mir aus«, war Norman darauf eingegangen, »bestell sie.«

Alessandro hatte wie ein Honigkuchenpferd gegrinst. »Du wirst es nicht bereuen.«

Und er hatte es nicht bereut.

Als er nun um das Sofa herumging und es eingehend betrachtete, sah er auch jetzt noch die vielen schönen Stunden, die sie darauf verbracht hatten. Nein, nicht nur den Sex, und den hatten sie oft darauf gehabt. Auch die vielen anderen Stunden, in denen sie lediglich eng umschlungen dort gelegen hatten und unzählige Filme zusammen angeschaut haben, vor allem nachts, wenn Norman nicht wegen den Albträumen schlafen konnte, oder wenn Alessandro eine Panikattacke gequält hatte. Diese Couch war Zeugin davon, wie sehr sie für einander da gewesen waren, trotz aller Differenzen.

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