„Hat er sich umgezogen?“, will Anne nun wissen.
„Das weiß ich nicht.“ Margarethe schüttelt den Kopf.
„Also eher nicht“, stellt Anne nun nüchtern fest.
Normalerweise hat Markus alte Klamotten bei der Oma. Die soll er anziehen, wenn er zu seinem Patenonkel in den Stall geht.
Auch wenn Markus sonst ein eher aufmüpfiges Kind ist, bei Oma und Onkel ist er wie ausgewechselt. Gerne hält sich der Junge im Stall bei den Kühen, Kälbern und Schweinen auf. Er hilft beim Ausmisten, Striegeln und Melken. Dafür steht er sogar früh morgens mit dem Onkel auf.
„Sind die Wohnungen zurzeit belegt?“, erkundigt sich Anne dann bei ihrer Mutter.
„Bis Mitte September, ja“, gibt die zur Antwort.
„Beide?“
„Beide. Und jedes Mal mit Kindern.“
Anne lehnt sich an die Arbeitsfläche auf der die Mutter sich zu schaffen macht. Sie blickt der Mutter ins Gesicht. „Mama, wird das nicht zu viel?“
„Na ja, irgendjemand muss den Putz beim Wohnungswechsel ja machen. Dein Bruder hat dafür nicht auch noch Zeit und eine Frau findet er ja nicht.“
„Warum rufst du mich dann nicht an?“ Anne streichelt die faltige Wange ihrer Mutter.
Diese lächelt und meint: „Ach, Kind, du hast doch selbst schon genug zu tun.
Monika steht am gedeckten Küchentisch und wundert sich wieder einmal, wie liebevoll Anne mit ihrer Mutter umgeht. Die Chemie stimmt zwischen den beiden. Im Gegensatz zum Sohn.
„Ich muss mal mit Peter reden“, beschließt Anne ernst. „Er kann dir das doch nicht alles auflasten.“
Die Küchentüre wird aufgerissen. Herein stürmt Markus und mit ihm ein strenger Geruch nach Stall. „Die Frieda hat ihr Kalb!“, ruft er den Frauen entgegen.
„Und, ging alles glatt?“, will die Oma als erstes wissen. Dabei vergisst sie die strenge Hausordnung. Wer aus dem Stall kommt muss sich zuerst waschen und umziehen und darf erst danach in den Wohnteil des Hauses.
„Ja“, Markus nickt eifrig. „Peter sagt, so schnell ging es noch bei keiner Kuh. Dabei hatte die Frieda letztes Mal solche Schwierigkeiten.“
Anne schreitet ein. „Seid ihr fertig im Stall?“
„Ja, für den Augenblick schon.“
„Gut, dann zieh dich bitte um. Die Sachen kannst du gleich draußen lassen. Ich hole dir aus dem Rucksack frische Wäsche. Monika, reiß doch bitte mal das Fenster auf.“
„Ups“, Markus führt die Hand an den Mund. „Ich hab mich nicht umgezogen“, fügt er kleinlaut hinzu. Schnell verlässt er, gefolgt von seiner Mutter, die Küche.
„So ein lieber Junge“, stellt Margarethe fest, nachdem sie jetzt mit Monika alleine ist.
Monika seufzt. „Ja. Nur die zwei können nicht miteinander. Aber Anne hat Glück. So aufsässig Markus oft ist, er weiß was er will und das zeigt er auch in der Schule. Wenigstens da ist er gut.“
„Das stimmt“, gibt die Oma zu. „Wie läuft es bei dir?“, will Annes Mutter dann wissen.
„Och, ich kann nicht klagen. Obwohl es mit den Kindern immer schwieriger wird. Sie kennen zum Teil keine Grenzen mehr. Die Eltern kommen nicht zu den Elternabenden und Gesprächsterminen, und wenn sie dann doch kommen, sind sie oft uneinsichtig oder sprechen sehr wenig Deutsch.“
„Ja, ja, es wird immer problematischer.“ Margarethe nickt zustimmend.
„Aber mir macht die Arbeit Spaß“, sagt Monika nun, „und das ist das Wichtigste.“
„So“, vernimmt Monika, als die Küchentüre aufgeht. Peter kommt herein. Frisch geduscht und in „Zivilkleidung“, spricht T-Shirt und Jeans. „Grüß dich Monika.“ Er geht auf sie zu und drückt ihr kräftig die Hand.
„Grüß dich Peter“, antwortet die Angesprochene und reibt die beinahe zerdrückte Hand.
„Ist Anne nicht mitgekommen?“, will Peter dann wissen. „Drückt sie sich wieder vor der Arbeit.“
„Wer drückt sich vor der Arbeit“, erkundigt sich Anne, die gerade die Küche betritt.
„Hallo Schwesterlein.“ Peter lacht. „Du bist ja doch mitgekommen. Willst wohl wieder einmal bei der Feldarbeit sonnenbaden?“
„Hallo, Bruder.“ Zur Begrüßung pufft Anne ihren Bruder leicht in den Bauch.
„Wo ist mein Lieblingsneffe?“, erkundigt sich Peter.
„Wäscht sich und zieht sich um“, erklärt Markus Mutter.
„Warum hat er sich nicht umgezogen, bevor er in den Stall gekommen ist?“, wendet sich Peter an die Oma.
Margarethe schaut ihren Sohn an. „Weil er dir beim Kalben helfen wollte.“
„So viel Zeit wäre noch gewesen.“
„Das musst du schon Markus sagen.“
„Was habe ich schon wieder verbrochen?“ Markus kommt gerade zur Tür herein.
„Du hast dich nicht umgezogen bevor du zu Peter in den Stall gegangen bist.“
Markus zuckt die Schultern. „Gibt Schlimmeres.“
„Du könntest dich aber so langsam an die Spielregeln halten“, rügt der Onkel.
„Ja, ja“, sagt Markus gelangweilt.
„Nichts, ja, ja. Tun!“, setzt Peter noch einen drauf.
„Oma gibt es Essen?“, wendet sich Markus an die Großmutter.
„Fünf Minuten.“
Unaufgefordert setzt sich Markus an den Tisch. Die anderen legen letzte Hand an die Abendbrotzeit.
Während dem Abendessen führen die fünf eine angeregte und fröhliche Unterhaltung. Danach wird der Tisch abgeräumt und die Spülmaschine bestückt.
„Habt ihr Lust Federball zu spielen?“, erkundigt sich Peter bei den Frauen und Markus.
„Oh, ja, wir zwei ein Doppel gegen die Frauen!“, ereifert sich Markus sofort und hakt sich beim Onkel unter.
„Hört sich gut an“, bestätigt Peter. „Oma ist Schiedsrichter.“
„Ich?“ Oma lacht erstaunt.
„Oder du spielst mit mir im Team“, bietet Markus großzügig an.
„Dann doch lieber Schiedsrichter.“
Peter holt Schläger und Federball, Monika und Anne passende Schuhe. Dann treffen sich alle in der Abendsonne vor dem Haus.
Die Mannschaften haben sich noch nicht warm gespielt, als sich die Familien aus den Ferienwohnungen dazu gesellen.
Schnell wird umdisponiert. Volleyball ist das Stichwort.
Auf der Wiese mit den Apfelbäumen werden zwischen zwei Bäumen zwei Bänder gespannt. Die Grenzen des Spielfeldes werden festgelegt.
Dann geht es an die Einteilung in zwei Gruppen. Gar nicht so einfach. Familien werden auseinander gerissen. Wer nimmt die Kleineren. Auch die Männergruppe hat eine ungerade Zahl. Schwierig, die Entscheidungen zu fällen.
„Oma“, Markus geht auf die Großmutter zu, „du bist Schiedsrichter.“
Mit beiden Händen wehrt Margarethe ab. „Ich kenne doch die Spielregeln gar nicht.“
„Das ist ganz einfach“, beginnt Markus mit den Erklärungen. „Du passt auf, dass der Ball nicht ins Aus geht. Außerdem darf jede Mannschaft den Ball nur maximal dreimal berühren bevor er ins gegnerische Feld geschlagen wird. Das ist schon alles.“
„Ich kann doch nicht um das ganze Feld rennen“, gibt die Oma zu bedenken.
„Warum sollen wir dann nicht zwei Schiedsrichter haben?“, wendet eine Mutter ein. „Sie nehmen diese Seite“, damit zeigt sie auf die eine Seite, „und ich nehme die Seite. Ich denke, so haben wir einen einigermaßen Überblick.“
„Das ist gut.“ Die Männer erklären sich einverstanden. Die anderen äußern sich nicht, was als OK angenommen wird.
„Welche Mannschaft fängt an?“ Markus, der Logische, will das wissen. „Hat jemand eine Münze?“
„Ja, ich“, meldet sich ein Vater zur Stelle und reicht Markus das Euro-Stück.
Der wirft das Geldstück in die Höhe, fängt es auf und legt es auf seinen Handrücken. „Zahl, wir haben gewonnen“, ruft er sofort.
Monika geht auf ihn zu und fasst ihn am linken Oberarm. „He, he, Freundchen, so geht das nicht. Seit wann lost ein Spieler die Spielseite und die Mannschaft aus, die Aufschlag hat? Das machen, meines Wissens, die Schiedsrichter. Außerdem war nicht ausgemacht, wer Zahl und wer Bild hat.“
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