Sie zitterte immer noch, als sie sich langsam die Treppe hinunterbewegte, mit weichen Knien und Noemi dicht hinter sich. Es war keine Frage, sie musste etwas tun. Die Tür zum Turm war nicht verschlossen, ja, es gab nicht einmal ein Schloss. Althea tastete sich die schmale Stiege hoch. Als sie die Tür zur oberen Turmkammer aufstieß, hörte sie sofort Anwylls rasselnden Atem. Sie wartete nicht darauf, dass Noemi die Tür hinter ihr schloss, sondern stürzte zu ihm.
Sich innerlich gegen den Anblick wappnend, der gleich über sie kommen würde, legte sie ihm die Hände an die Schläfen und holte ihr Licht. Doch es kam nur eine Winzigkeit Kälte auf sie zu und kein Geistergesicht. Anscheinend hatte sich Anwyll sehr wirkungsvoll dagegen geschützt. Sie spürte lediglich, dass der Körper betäubt war bis in die letzte Faser. Das konnte sie heilen, und zwar im Handumdrehen. Die Frage war, ob sie Anwyll aus seiner selbst errichteten Festung herausholen konnte. Sie konzentrierte sich, Noemis beruhigende Gegenwart hinter sich.
Althea drängte die Droge zurück, es ging leicht, überraschend leicht. Sie spürte ein paar schwarze Stellen in dem alten Mann auf, die sie gleich mit eliminierte, bevor diese ernsthaften Schaden anrichten konnten. Die Gelenke waren auch nicht mehr die Besten, das erkannte sie aus Erfahrung mit der ehrwürdigen Mutter.
Als sie dies alles bereinigt hatte, wandte sie sich seinem Geist zu. Sofort stieß sie auf eine harte Barriere. Sie verstärkte ihr Licht, aber es war wirkungslos gegen dieses Bollwerk. Sie versuchte es sanft, klopfte quasi an die Tür, und als dies nichts half, in immer heftigeren Stößen. Es gab keine Reaktion. Und doch spürte sie, dass dort jemand war, ein wacher, gesunder Geist, der nur nicht wusste, wer dort draußen an ihm rüttelte.
Erschöpft zog sich Althea ein wenig zurück. Wenn es ihr nicht gelang, ihn aufzuwecken, dann war alles aus. Dieser alte Mann, Lehrer und Vertrauter ihres Vaters, war der Einzige, der ihr helfen konnte. Sie spürte, wie die Verzweiflung zu einem übermächtigen Druck wurde, gegen den sie nicht mehr ankam. Sie begann zu weinen, körperlich wie auch im Geiste. Das Licht verblasste, als sich die Angst und der Schmerz Bahn brachen. Schluchzend brach sie auf Anwyll zusammen.
Noemi umarmte sie von hinten, strich ihr beruhigend über den Rücken, aber Althea war nicht zu beruhigen. Schließlich wurde Noemi klar, dass sie Althea hier herausbringen musste, bevor der Mann zurückkam. Sie stand auf und wollte Althea unter die Achseln fassen, als plötzlich wie aus dem Nichts eine weiße Hand über ihrer Freundin erschien.
Erschrocken stolperte Noemi rückwärts. Die Hand legte sich auf Altheas kurze Locken und strich tröstend darüber. Althea fuhr hoch. Im schwachen Lichtschein des Mondes sah sie, dass Anwyll die Augen aufgeschlagen hatte und sie anlächelte.
»Mir war, als bräuchte da jemand meine Hilfe.« Seine Stimme krächzte. Althea war so erleichtert, dass sie ihm einfach um den Hals fiel.
Auch Noemi hatte sich wieder gefangen. Sie reichte Althea rasch einen Becher Wasser, den sie dem alten Mann an die Lippen setzte. Als er ausgetrunken hatte, tastete er nach Altheas Gesicht. »Wer bist du?« Die rauen Finger fuhren die Konturen ihres Gesichts nach und blieben auf ihrer aufgeplatzten Lippe liegen.
»Ich bin Althea.«
»Althea?!?« Anwyll fuhr auf. »Mach Licht, Mädchen! Kerzen sind im Regal neben dem Fenster.« Althea packte Noemis Hände und bedeutete ihr, wo sie diese finden konnte. Gleich darauf sah sie in die weisen, gütigen Augen des alten Meisters.
Althea berichtete ihm nicht viel, nur dass ihr Vater gefangen worden war, sie gezwungen waren zu fliehen und Fürst Bajan sie hierher gebracht hatte. Aber sie erzählte nichts von ihren Träumen, nichts von ihrem Licht, denn sie wollte sich unter allen Umständen an ihren Schwur halten. Die Verhaftung ihres Vaters traf Anwyll sehr. Als er von den Umständen ihrer Flucht hörte, wurde er ernstlich besorgt. Aber vollends war es um ihn geschehen, als Althea ihm berichtete, wen sie bei ihm gesehen hatte. »Er sah aus wie ein Gildaer, hatte schwarze Augen und dunkle Haut.«
»Pelin!« Anwyll ballte seine knochige Hand zur Faust. Die Gemeinschaft war in ernsthafter Gefahr, er spürte es deutlich, und das alles nur, weil er sich hatte überlisten lassen. Es gab noch so viele Fragen, besonders zu Althea, aber nun galt es erst einmal zu handeln. Er würde dem ein Ende bereiten.
Gestützt auf die beiden Mädchen und seinen allgegenwärtigen Zeremonienstab machte sich Anwyll eine halbe Ewigkeit später, so schien es jedenfalls Althea, auf den Weg nach unten. Sie hatten den alten Mann auf die Beine gebracht. Körperlich war er zwar schwach, aber durchaus in der Lage, sich zu bewegen.
Anwyll bebte geradezu vor unterdrücktem Zorn. Es war ein einfaches Fieber gewesen, was ihn im Frühjahr ans Bett gefesselt hatte. Niemals hätte er damit gerechnet, dass der junge Priester, der seine Pflege übernahm, ein Abgesandter des Bösen war. Erst im allerletzten Moment war es ihm gelungen, seinen Geist vor der Bedrohung zu schützen. Und wie man sah, ging es seinem Körper nicht schlecht, stellte er erstaunt fest, während er sich auf zittrigen Beinen nach unten mühte. Es musste an den Nachwirkungen der langen Betäubung liegen, dass er keine Schmerzen in den Gelenken hatte.
›Welche Wunder doch die Stimme eines Kindes haben kann‹, dachte Anwyll und drückte Althea an sich. Ihr Weinen hatte ihn aus seinem selbst gewählten Gefängnis herausgeholt. Ganz langsam machten sie sich auf den Weg zur großen Halle der Gemeinschaft, in der hoffentlich noch alle Mitglieder zum Nachtmahl versammelt waren.
Sie blieben vor dem imposanten Portal eines großen Gebäudes stehen. »Althea, du wirst mich zu demjenigen führen, den du heute Abend bei mir gesehen hast. Hab keine Angst, niemand wird dir etwas tun, solange ich bei dir bin«, wies er sie an.
Althea nickte. Sie konnte durch die Tür das Gesumm vieler Stimmen hören. Anwyll holte tief Luft. »Nun denn, mach das Tor auf. Gib acht, die Flügel sind schwer. Wir benutzen es eigentlich nicht, aber ich denke, für diese Gelegenheit ist es das Wirkungsvollste.« Er zwinkerte ihr beruhigend zu und zog Noemi dicht an sich, damit er sich gänzlich auf sie stützen konnte.
Der Torflügel war wirklich schwer. Althea musste sich mit aller Kraft dagegenstemmen, um ihn aufzubekommen. Mit heimlicher Genugtuung hörte Anwyll ein lautes Knarren. Wie passend! Dicht hinter Althea trat er in die große Halle.
Alle Geräusche verstummten, als sie eintraten. Die Köpfe der Menschen wandten sich in ihre Richtung, sie erstarrten mitten in ihrer Bewegung. Althea presste sich an Anwyll, der sich auf sie stützte und ihr beruhigend die Schulter drückte. Es waren viele, so viele, war ihr erster Eindruck. Die Halle war ein lang gestreckter Bau, der ganz hinten über ein paar Stufen zu einem weiteren Tor führte. Zwei Reihen Tische erstreckten sich über die ganze Länge des Raumes, und hinten, quer oberhalb der Stufen stehend, war ebenfalls eine Tafel gedeckt. Der Platz in der Mitte war leer. Anwylls Platz, erkannte Althea sogleich.
Die Sitzordnung schien der Bedeutung der Mitglieder zu entsprechen. Ganz vorne, direkt vor ihnen, gab es eine ganze Reihe leerer Plätze. Dahinter saßen Kinder in ihrem Alter. Links die Mädchen, rechts die Jungen. Sie wirkten verschreckt. Ihnen folgten weitere, ältere Kinder und Jugendliche, bis irgendwann weiter vorne die langen Gewänder und tätowierten Gesichter begannen.
In der Stille der Halle hätte man eine Nadel fallen hören können. Tatsächlich glitt irgendjemandem etwas aus der Hand. Es klirrte. Eine Frau schrie auf. Dann brach die Hölle los. Die Priester sprangen auf, eine Bank fiel um, sie wollten zu Anwyll stürzen, aber dieser hieb mit einem lauten Knall seinen Stab auf den Boden. Wieder erstarrten die Menschen.
Читать дальше