Das künftige Denken ist nicht mehr Philosophie.
Martin Heidegger
Nicht redet diese Schrift von menschlichem Leid, von unergründlichem Schicksal, von der Angst vor dem Tod, nicht vom Sinn des Lebens, nicht von einem Gott, der sich nicht zeigt und für einen sorgt, nicht von der Grausamkeit der Natur, nicht von Krankheit, der Ungerechtigkeit der Welt oder dem Krieg.
Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean Paul Sartre meinte, wenn der Mensch erlebe, dass er existiere und irgendwann sterben müsse, ohne darin einen Sinn zu erkennen, dann schaffe dies Angst und er müsse sich in einer Welt ohne Sinn fremd fühlen. Dies wiederum führe zur Verzweiflung und zur Langeweile, oder auch zu Ekel und Auflehnung. Er war davon überzeugt, dass es ewige Werte nicht gebe, nach denen er sich und sein Leben ausrichten könnte, dennoch sei er frei. So etwas wie Verantwortung sah er dann doch, aber, worauf soll sie sich gründen? Ein anderer, Friedrich Nietzsche, sprach so: Wohin bewegen wir uns, irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Gott ist tot! Gott bleibt tot. Das Leben in Schaffen und Zerstörung hat nichts worauf es zugeht, keinen Zweck und kein Ziel. November in Sils Maria, Nebelfetzen irren im Tal, früh fällt die Nacht.
All diese Menschen, und es gibt deren nicht wenige, graben an der falschen Stelle. Sie erkennen den Grund ihres so Seins nicht. Der Gegner mit dem sie es zu tun haben wandelt in ihrem Haus. Sie bewirten ihn mit guter Speise und geben ihm kostenlos Logie. Abends im Gespräch am Kamin halten sie mit ihm Eintracht und reißen gemeinsam Witze. Was ihnen dieser Hausgeist vorlegt unterschreiben sie unbesehen. So ruinieren sie ihr Vermögen wie ihren Verstand, denn der, den sie ihren besten Freund nennen, ist ein Betrüger. Sie lassen sich jedoch nicht davon abbringen und sagen er sei im Recht, mit der Begründung, sein Leumund sei bestens, was stimmt. Dass es so sei nennen sie das Gesetz. An dem ließe sich nicht rütteln. Was Gesetz ist liegt nicht in unserer Hand, sagen sie.
Von dem her, was Jean Paul Sartre in intellektueller Hinsicht zu leisten vermochte, war er ein Gigant. Sah er einen Bogen Papier, musste er ihn beschreiben. Und so beschrieb er tausende von Seiten, virtuos, dicht, klug. Sätze vollgepumpt mit Bildung, Zehnfingersystem. Wie ein Krake griff er aus, dass er nichts von dem was einer wie er zu fassen bekam, vergaß. Seinem Hauptwerk gab er den Titel : „Das Sein und das Nichts“ Nachdem man es gelesen hat ist man klug, aber leider so klug wie zuvor. Manche Sätze darin sind so klug, dass sie klüger sind als der Autor selbst. Peinlich, wenn er das nicht bemerkt.
Als Denker interessiert mich die richtige Frage, sagt der Philosoph. Ja, gibt es sie, die eine, die alles Übrige beantwortet, gehört ihm die Welt. Mit Geld ist sie nicht zu bezahlen. Nicht immer, wie hier im Fall Sartre, ist ein verqualmtes Zimmer, er rauchte Kette, der richtige Rahmen dieses philosophische Gold zu finden. Laden wir deshalb den Philosophen ein und begeben uns mit ihm zusammen hinaus an die frische Luft. Vielleicht steigen wir mit ihm wie Jesus auf einen Berg, dort pfeift der Wind und da ist es gut möglich, es weht ihm hier oben, wo die Luft klar ist, die richtige Frage zu. Auch ein Philosoph muss mal raus in die Natur und so sehen wir ihn denn heute inmitten von Touristen oben am Gipfelkreuz, wie er den Blick in die Ferne gerichtet auf diese sinnlose Welt hinunterschaut oder dem sinnlosen Spiel der Wolken zu. In Gedanken ist er schon wieder zu Hause am Schreibtisch bei Stift und Papier. Der Wind lässt ihn frösteln, die Sonne scheint ihm zu grell, die Luft ist zu dünn und der Abgrund nah.
Plötzlich grüßt es von hinten Hallo. Es ist eine sinnlos hübsche Studentin aus seinem Seminar, die er zufällig da oben trifft, unverhofft kommt ja oft. Natürlich sind die beiden schnell bei der Philosophie. Eigentlich wollte die junge Dame Biologie studieren, sagte sie, blieb dann aber doch bei der Philosophie. Obwohl sie dem Philosophen bisher nicht aufgefallen war, entwickelte sich zwischen den beiden bald ein lebhaftes Gespräch. Der Duft würziger Kräuter durchströmte die Lungen und machte den Kopf und das Denken frei. Am Himmel kreiste majestätisch ein Adler. „Ja, der Adler,“ sagte sie, „wer ihn nicht in seinem Herzen trägt ist kein Philosoph.“ „Hinter der Stirn, Madame“, berichtigte sie der Philosoph, „hinter der Stirn, im Kopfe.“ Und wie im niederen Buschwerk ihnen zu Füßen allerhand Getier krabbelte, fühlte sie sich befleißigt Schopenhauer zu zitieren: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten, aber alle Professoren keinen herstellen.“ „Aber bitte, liebe Kommilitonin, das mit dem Ungeziefer ist ja wohl klar, kalter Kaffee, Evolution, Mutation, Selektion, Gene, Zeit, viel Zeit, Protein, chemische Prozesse, physikalische Gesetze, Zufall, Mann Gottes, auf welchem Planet leben Sie? Schopenhauer war ein Schwärmer.“
Man muss wissen, das französische Schulsystem ist streng auf Reproduktion und Rezitation geprägt und Sartre hat alles was ihm gesagt wurde stets brav gelernt. Er war auf die Note eins abonniert. Die Studentin ließ sich von dem großen Mann nicht irritieren. „Und wenn nun alles Schwindel ist, an was Sie da glauben, die Chemie, die Physik und all das Andere?“ „Papperlapapp, das bin nicht ich, das ist die Wissenschaft, die das sagt,“ entgegnete der Philosoph kurz und knapp. Irgendwie war ihm die Laune verdorben. Die junge Frau ließ nicht locker. „Bleiben wir dabei und nehmen einmal an, die Art wie wir heute denken ist falsch, was machen Sie dann?“ insistierte sie weiter und fuhr ungeachtet des dunklen Gewölks um die Stirn des Philosophen fort: „Zweifellos spricht Schopenhauer mit diesem Käfer von Gott, dem er die Wissenschaft entgegensetzt, von der er sagt, dass sie ihn nie und nimmer erreicht und nie und nimmer erreichen wird, was machen Sie dann?“ „Wissen Sie was, junge Frau, ich treibe Philosophie, naturwissenschaftliche Studien anzustellen, dafür bezahlt man mich nicht. Ich kümmere mich um den Menschen, sinnlos geworfen in ein sinnloses All, sterblich, verblasen im Wind“, erwiderte der Philosoph. Die Studentin schmunzelte. Sie dachte an den Titel eines Films „Hunde wollt ihr ewig leben?“ und stellte sich einen UrUrUr…Enkel, selbst schon so alt wie Methusalem vor, wie er seinen Großvater aus dem Bett holte mit dem Weckruf: „Opa, Opa, schau mal hinaus, da draußen, ein roter Riese, die Sonne bläht sich auf zu einem roten Ballon.“ Offensichtlich hatte hier ein Philosoph, ein Titan des Geistes, Schwierigkeiten mit der Metaphysik! Doch sie behielt das für sich.
„Die Wissenschaft, die Physik, die Chemie, die Biologie gehen mich nichts an.“ fuhr der Philosoph fort. Das haben doch die Fachleute alles längst geklärt, oder sie sind dabei es zu klären. Ich betone es noch einmal, gehen sie mir mit diesem deutschen Schwärmer, der an den Osten geglaubt hat, fort, er hinkte seiner Zeit hinterher und der heutigen sowieso. Die Materie kann gar nicht anders, sie treibt das hervor was ist, wie Gras auf dem Mist. Von der Schönheit der Natur und ihrer perfekten Organisation lasse ich mich nicht beeindrucken. Das hat Darwin alles geklärt, die natürliche Selektion und Zeit, Zeit und noch einmal Zeit, da kriegt man alles hin, das glaubt einem kein Mensch was da möglich ist. Wenn ich so lange Zeit habe wie die Natur kann ich das auch, vielleicht noch besser. Mich interessieren die philosophischen Fragen, nicht dieser ganze chemisch physikalische Quatsch, wo einer den anderen frisst, wohl bekomms“, sprach er kauend. Er hatte inzwischen seine Wurstsemmel ausgepackt und ließ sie sich schmecken. Offenbar hatte ihn die frische Luft hungrig gemacht.
Der Studentin war klar, sie musste ihm seine Meinung lassen. Der Mann fühlte sich aus der Reserve gelockt, gegen Menschen die an der Wissenschaft Zweifel hegten war er allergisch. Offensichtlich hatten sie in der Schule gefehlt, sie waren Versager, schwärmerisch veranlagt oder durch irgendeinen Guru verführt. Als aufrechter Verfechter eines aufgeklärten Denkens hatte er für so etwas schlicht und einfach keine Zeit. Weder Zeit, Lust, Humor, noch Geduld, wartete doch zu Hause ein ganzer Stapel weißen Papiers darauf, dass er es beschrieb. Und nun saß er hier, vertane Zeit, ließ sich von Mücken stechen und holte sich womöglich den Brand.
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