Pech nur, wenn die Oma ihrem Enkel dann erklärt, er habe das, was da in einer Zelle geschieht zwar einigermaßen anschaulich beschrieben, lasse jedoch in seinem Eifer, die Sache auch einer betagten Frau wie ihr zu erklären, jede Kausalität vermissen. Irgendwelche Heinzelmännchen, die diese Proteine in Raum und Zeit dann richtig etikettieren, weil sie wissen wohin sie sollen, gibt es nämlich in einer Zelle ebenso wenig wie den fliegenden Holländer, der sie hernach an diesen Ort der Verheißung verfrachtet. Derart in die Enge getrieben, muss die Biologie nun passen und eine andere Wirklichkeit tritt hervor. Wenn wir gelernt haben, in dieser Weise zu denken, erscheinen dann Fragen, die das Werden und Vergehen der Natur an uns stellt, in einem anderen Licht. Was uns als Zeit, als der zeitliche Wandel in der Natur entgegentritt, bekommen wir, wie hier ein Schritt dem anderen folgt, nicht zu fassen. Und das ist nicht wenig. Im Gegenteil, an dieser Frage, der nach dem Wesen der Zeit, wird sich alles entscheiden.
Weshalb wir uns alle von dem Glauben, die Wissenschaft hätte die Biologie im Griff, haben verhexen lassen, weiß Gott allein. Ob DNA hin oder her, wer zielgerichtet handelt, und die Atome und Moleküle innerhalb einer Zelle tun dies, muss um den nächsten Schritt, die Form, die erst noch entstehen soll, wissen. Er benötigt ein Vorauswissen. Doch der Materie, Atomen und Molekülen ein Wissen um die Zukunft, ebenso wie zielgerichtetes, intelligentes Verhalten zu unterstellen, wird nicht gelingen. Die Physik, die Chemie und die Mathematik, mit der die Wissenschaft versucht, der Biologie zu Leibe zu rücken, ist dazu ein völlig ungeeignetes Instrument. Und um die Philosophie, die dem Einhalt gebieten müsste, ist es heute nicht zum Besten bestellt. Um was es hier geht, ist das Wesen der Zeit, die Frage wie und warum folgt B auf A, oder anders gesagt, folgt B aus A oder nur auf A? Hier in diesem Problem liegt der Welten Grund, wer es zu lösen vermag, weiß alles, wer nicht, nichts.
Ist es für die Philosophie zu viel verlangt, den Ewigkeitscharakter der Mathematik herauszuarbeiten, dass sie eben nichts, was sich Entwicklung nennt, dem je gerecht werden kann? Ist es zu viel verlangt, das Wesen der Physik und ihrer Formeln, in denen allein sie sich manifestiert, herauszuarbeiten, und so, da in der Formel Mathematik und Physik verschmelzen, die Nichtzeithafttigkeit der Physik, klar als eine solche zu benennen, enthielt doch keine Formel je etwas, das sich Entwicklung hätte nennen können. Wo sich Form gestaltet, wo sie vorher nicht war und Neues auf den Plan tritt, bleibt die Physik außen vor. Und da die Welt in all ihren Erscheinungen Entwicklung ist, welche Bedeutung will die Physik für die Frage, wie auf allen Ebenen der Natur ein Schritt dem anderen folgt, haben? Es ist wohl einer der größten Irrtümer der Zeit, der Physik hier eine Kompetenz zuzumessen, eine Kompetenz, die sie beim besten Willen nicht hat. Von der Schwerkraft blenden lassen sollte man sich da nicht. In den Rang einer Kosmologie erhebt die Schwerkraft die Physik auf jeden Fall nicht. Nichts, was Entwicklung ist, konnte sie je erhellen. Ihr größter Triumph, den Lauf der Planeten und künstlicher Himmelskörper berechnen zu können, ist so statisch wie der freie Fall, doch wie das Planetensystem entstand, bleibt im Dunkeln. Carlo Rubbiar, Nobelpreisträger der Physik 1984, äußert sich dazu wie folgt: „Als Forscher bin ich tief beeindruckt durch die Ordnung und die Schönheit, die ich im Kosmos finde sowie im Inneren der materiellen Dinge. Und als Beobachter der Natur kann ich den Gedanken nicht zurückweisen, dass hier eine höhere Ordnung der Dinge im Voraus existiert. Die Vorstellung, dass dies alles das Ergebnis eines Zufalls oder bloß statistischer Vielfalt sei, das ist für mich vollkommen unannehmbar. Es ist hier eine Intelligenz auf einer höheren Ebene vorgegeben, jenseits der Existenz des Universums selbst.“Und wie recht dieser Mann doch hat, eine Philosophie, die sich vorschreiben lässt, was sie darf und was nicht, ist keine Philosophie, sie ist ihr Gegenteil.
Und überhaupt, die Sache mit Gott! Ein grüner Politiker äußerte sich einmal darüber, ob er an Gott glaube oder nicht, dahingehend, er tue dies nicht. Er meinte, weil er zu viele Philosophen gelesen habe, sei ihm dies nicht mehr möglich. Dass man diesem Mann Unrecht tut und er die Sache mit Gott so versteht, dass man an Gott nicht glauben könne, sondern in einem unwiderlegbaren Sinne um seine Existenz wissen müsse, ist wohl eher ein Scherz. Natürlich schließt er für sich das Glauben aus, das Wissen dann umso mehr. So ist es also mit der Rehabilitierung dieses Politikers im Sinne Einsteins, Albert Schweitzers Goethes und vieler anderer mehr, die eine höhere Macht in einem naturphilosophischen Sinne aus rein logischen Gründen für erwiesen hielten, nichts gewesen. Diese Menschen waren bekanntlich der Überzeugung, dass sich, was wir Leben nennen, der Wissenschaft verschließe, und das aus gutem Grund. Die Wissenschaft, die mit völlig ungeeigneten Instrumenten wie der Mathematik, der Physik und der Chemie dem Leben zu Leibe zu rücken versucht und dabei scheitert, war für sie der Maßstab. Was sich mit diesem Maßstab, der Wissenschaft nicht messen ließ, nannten sie Gott. Und gerade weil es die Wissenschaft gab, kristallisierte sich dann, was sich nicht an ihr messen ließ, umso mehr heraus. Zugespitzt könnte man sagen, erst im Zeitalter der Wissenschaft ist es möglich, die Existenz einer höheren Welt auch wirklich zu beweisen. In gleißendem Licht steht da, was der Mensch über die Wissenschaft zu leisten vermag, umso deutlicher hebt sich davon ab, was nicht. Nie in der Geschichte war dies so in dieser Weise möglich. Die Heftigkeit, mit der sich die, nun besser „sogenannte Wissenschaft“, gegen entsprechende Tendenzen zur Wehr setzt, ist der augenfällige Beweis dafür, dass sich der von ihr errichtete Wall auf Dauer nicht halten lässt. Jetzt endlich, im Angesicht der Wissenschaft, hätte man die Möglichkeit, von Metaphysik in einem dezidierten Sinne überhaupt zu reden, obwohl dies hernach in keiner Weise geschah, sondern man im Gegenteil deren Existenz leugnete. Die Wissenschaft selbst verfuhr andersherum, sie kassierte, was ihr nicht gehörte, gleich mit ein. So hat dieser Mann zwar seine Philosophen gelesen, aber er hat sie schlecht gelesen.
Und der Fall ist tief, und hier wird die Sache peinlich. Um in der Angelegenheit mit Gott in dem Sinne zu dem Ergebnis zu kommen, dass es eine höhere Kraft jenseits der Wissenschaft nicht gebe, setzt voraus, dass man an die Märchen der Wissenschaft, hier speziell der Biologie glaubt, was sich für einen Grünen schlecht anlässt. Und darüber hinaus gefragt, was ist, wenn man das nicht tut, wenn man die Biologie – bezogen auf das, was allem Leben zugrunde liegt - als eine der Wissenschaft nicht zugängliche Wesenheit anerkennt? Dann ist sie, eine höhere Welt, die man nicht wahrhaben will, auf einmal da. Irgendwelche Zwischentöne, zwischen einer klassisch als Formel verstandenen Physik und der Metaphysik, wie wir sie in der Biologie so unabweisbar vor uns haben, mit dem Hintergedanken, was heute noch als Metaphysik gelte, gelte morgen schon als Physik, gibt es nicht.
Doch was fangen wir mit dieser in der Biologie so wasserklar zu Tage tretenden Metaphysik an? Wie bringen wir das mit der Moral zusammen, dass es diesen Gott in einer Natur, die grausam ist, eben doch gibt? Wohl sind Vorstellungen, die wir uns von Gott machen, noch sehr naiv und in einem Umfeld, das die Metaphysik der Natur leugnet, nicht einmal im Ansatz, das heißt in einem maßgeblichen Sinne, möglich. Ist jedoch einmal die Einsicht so weit herangereift, dass es, um einen Käfer oder einen Schmetterling, ebenso wie uns selbst, von der Zygote zum fertigen Exemplar heranwachsen zu lassen und am Leben zu halten, eine Macht erfordert, die unseren Verstand um Lichtjahre hinter sich lässt, schließt dies ebenso ein, dass jeder Mangel, den wir einer solchen Macht andichten, ein Unding ist. So ist damit eigentlich alles gesagt. Alles wird in Zukunft davon abhängen, ob wir es mit der Natur ernst meinen oder ob wir an die Märchen der Biologie weiter glauben wollen. Und in einem können wir sicher sein, mit einer Natur, einer Welt, die wir nicht wirklich verstehen, wird es auch in einem ökologischen Sinn nichts werden.
Читать дальше