Während sie das köstliche Rehpfeffer mit Spätzle aßen, von dem Romy zu ihrer großen Erleichterung nicht schlecht wurde, unterbreitete ihr Harald seinen Vorschlag. „Wenn ich das richtig verstanden habe, lebst du allein mit deiner Freundin in Innsbruck. Du hast dort keine Familie oder einen Job, den du nicht aufgeben kannst.“ Romy nickte. „Ich hätte gerne, dass du die nächsten Monate bei Mama und mir verbringst“, fuhr Harald fort. „Dann können wir uns um dich kümmern. Ich melde dich halbtägig als Haushaltshilfe an, dann bist du versichert und bekommst später Karenzgeld. Wenn du magst, kannst du Lina, unserer Haushälterin, ein bisschen zur Hand gehen, aber du musst nicht. Nach der Geburt des Babys kannst du natürlich bei uns bleiben. Wenn du eine Ausbildung machen willst, kannst du in unserer Wohnung in Innsbruck wohnen und uns am Wochenende besuchen. Mama und ich würden uns dann um das Baby kümmern. Natürlich bist du als seine Mutter die wichtigste Person, aber nachdem wir die nächsten Verwandten auf der väterlichen Seite sind, hätten wir das Kind auch gern in unserer Nähe.“ Romy hörte Harald mit großen Augen zu und sah mit wachsendem Erstaunen das Bild einer rosigen Zukunft vor sich, das Harald mit seinen Worten zeichnete. Er schien es ehrlich zu meinen und sie konnte keinen Haken an der Sache finden. „Ja, ich glaube, damit könnte ich gut leben“, stimmte sie ihm eifrig zu. „Gut“, schloss Harald seine Erläuterungen, „wir werden morgen bei unserem Anwalt einen kleinen Vertrag unterschreiben, damit alles Hand und Fuß hat.“ Romy fand das zwar überflüssig, aber die reichen Leute hatten andere Regeln, das wusste sie. Harald war erleichtert, dass er mit Romy so schnell und problemlos einig geworden war.
Nachdem keiner von beiden ein Dessert wollte, bestellten sie Kaffee und da tat sich der erste tiefe Riss in ihrer Harmonie auf. Romy nahm wie gewohnt ihre Zigaretten aus der Handtasche. Zum Kaffee pflegte sie immer zu rauchen. Da legte Harald seine Hand auf ihre. „Du hörst auf zu rauchen“, erklärte er und Romy hörte den stählernen Unterton in seiner Stimme. „Warum sollte ich aufhören?“, wollte sie leicht aufsässig wissen. „Weil es dem Kind schadet“, sagte er übertrieben geduldig. „Und dir auch“, setzte er verspätet hinzu. „Meine Mutter hat immer geraucht und mir hat es auch nicht geschadet“, konterte Romy. „Du bist klein und zierlich, was für ein Mädchen nicht schlimm ist, aber ein Bub würde darunter leiden. Das möchte ich nicht“, stellte Harald fest. Romys Magen krampfte sich zusammen. „Natürlich, wie konnte ich vergessen, dass es einzig und allein um den großartigen Sutter-Sprössling geht“, zischte sie und schaute ihn feindselig an. Gleich darauf lief sie zur Toilette und übergab sich.
Die Heimfahrt legten sie in eisigem Schweigen zurück. In seinem Haus in Tiefenbach führte Harald sie in ein Gästezimmer mit eigener Dusche und wünschte ihr eine gute Nacht. Romy schaute sich in dem Raum um und fühlte sich gleich zu Hause. Die Wände waren mit hellem Holz getäfelt. Die Möbel, ebenfalls aus hellem Holz, hatten eine seidig glatte Oberfläche und waren in ihrer Schlichtheit funktional und gleichzeitig elegant. Die hellgrünen Vorhänge und der Seidenteppich in Creme-, Grün- und Rottönen gefielen Romy ausgesprochen gut. Noch nie hatte sie in einem so schönen Zimmer geschlafen. Und dann der Luxus einer eigenen Dusche! Während die Wände weiß gekachelt waren, bestand der Boden aus kleinen Fliesen in verschiedenen Grüntönen. Dasselbe Muster wiederholte sich in einem Farbband in Augenhöhe. Die teuren Armaturen glänzten und an den Handtuchhaltern hingen schneeweiße, flauschige Handtücher. Romy vergaß ihre Verbitterung und beschloss eine heiße Dusche zu nehmen und sich die Haare zu waschen, denn natürlich gab es auch ein herrlich duftendes Shampoo. Sogar eine neue Zahnbürste stand im Zahnputzglas. Frau Sutter musste eine perfekte Hausfrau sein, schloss Romy daraus. Frisch geduscht und in ein flauschiges Badetuch gewickelt, machte sie es sich auf dem kleinen Sofa in ihrem Zimmer gemütlich und schaltete die Stehlampe ein. Sie holte den Krimi aus der Tasche, den Bille ihr für die Fahrt mitgegeben hatte und fing an zu lesen. Jetzt, nachdem sie von ihren schlimmsten Ängsten befreit war, konnte sie sich auch auf die Handlung konzentrieren und fand bald Gefallen an dem Kriminalfall aus dem viktorianischen England.
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