Der Ankündigung folgte eine unangenehme Stille, in der Romy es nicht wagte, Bennis Bruder anzuschauen. „Sie erwarten Benjamins Kind und wollen von mir Geld, um es zu töten?“, fragte er nun und in seiner Stimme lag so viel Empörung, dass Romy gleich wieder mit den Tränen kämpfte. Gleichzeitig wurde sie zornig bei seiner Anschuldigung. Aufgewühlt rief sie: „Es ist noch kein Kind, es sind nur ein paar Zellen. Außerdem gehört mein Bauch mir!“ Diese Argumente wischte er mit einer ungeduldigen Handbewegung vom Tisch. „Verschonen Sie mich mit diesem Schwachsinn.“ Dann musterte er sie eindringlich. „Mein Bruder war sieben Jahre jünger als ich“, sagte er nun wieder ruhiger, „und in dieser Zeit hat meine Mutter drei Babys verloren. An zwei davon kann ich mich erinnern, an ihre Hoffnung und ihre Trauer, als sie wieder Blutungen bekam und das neue Leben erlosch. Glauben Sie mir, ich werde alles tun, damit ihr erstes Enkelkind überlebt.“ Inzwischen liefen Romy die Tränen über die Wangen und sie suchte in ihrer Handtasche verzweifelt nach einem Taschentuch. Bevor sie eines fand, öffnete Harald eine Schreibtischschublade und schob ihr ein Päckchen Papiertaschentücher zu. Romy wischte sich die Augen und putzte die Nase. Er wartete, bis sie sich gefasst hatte. „Wenn du bei Verhandlungen nicht mehr weiterkommst, leg eine Pause ein“, hatte ihm sein Vater öfter geraten. „Geh mit deinem Gegenüber etwas essen, trinken oder mach einen Rundgang durch den Betrieb. In der Zeit ordnest du deine Gedanken und überlegst dir, was du unbedingt herausholen musst und dann kommst du dem anderen so weit wie möglich entgegen.“ Diesen Rat wollte Harald auch jetzt beherzigen. Er schaute demonstrativ auf die Uhr und stand auf. „Ich habe noch einen wichtigen Termin“, teilte er Romy mit. „Wie wäre es, wenn Sie einen kleinen Spaziergang machen und wir dann um sechs Uhr zum Abendessen gehen? Kommen Sie einfach wieder hierher.“ Damit brachte er Romy zur Tür, bevor sie sich weigern konnte. „Bis später, Fräulein Pfeifer“, sagte er, wieder ganz der höfliche Geschäftsmann.
Romy ging einen schmalen Fußweg Richtung Wald und setzte sich auf eine rot angemalte Bank, die dort für Wanderer aufgestellt worden war. Sie ließ sich die warme Nachmittagssonne ins Gesicht scheinen und legte sich schließlich auf die Bank, wobei sie die Jacke als Kopfkissen benutzte. Als sie Stimmen hörte, schreckte sie hoch, zog schnell ihren Rock nach unten und setzte sich gerade hin. Es war nur ein älteres Ehepaar, das sie freundlich grüßte. Romy zog einen kleinen Spiegel aus der Tasche. „Mein Gott, ich sehe ja schrecklich aus“, murmelte sie. Am Morgen hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, sich zu schminken, aber jetzt tuschte sie sich die Wimpern, zog einen Lidstrich und trug rosaroten Lippenstift auf. Nachdem ihre Wangen so blass waren, tupfte sie ein wenig Puder darauf und verwendete den Lippenstift wie Rouge, nachdem sie kein solches besaß. Sie fuhr sich mit dem Kamm durch die Haare, sprühte Deo unter die Achseln und feilte sich die Fingernägel. Wie gut, dass sie das Nötigste immer dabei hatte. Dann aß sie zwei Scheiben Zwieback und erlaubte sich die Hoffnung, dass Bennis Bruder ihr oder wohl eher ihrem Baby helfen würde, da ihm so viel an dem Sutter-Sprössling zu liegen schien. Natürlich, das Kind war ja auch von besonderer Abstammung, während sie nur eine dahergelaufene Kellnerin war, dachte sie bitter. Der Boss hatte sich für sie überhaupt nicht interessiert, fiel ihr erst jetzt auf. Sie würde ihm zeigen, dass mit ihr durchaus zu rechnen war, nahm sie sich fest vor.
Kurz vor sechs spazierte sie zurück zum Bürogebäude. Inzwischen waren die Arbeiter nach Hause gegangen und die kleine Ebene lag still und friedlich in der Abendsonne. Natürlich, die Reichen wohnten auch an schöneren Plätzen als die Armen, schoss es Romy durch den Kopf. Harald hatte inzwischen mit dem Anwalt der Firma telefoniert und mit ihm ein Angebot ausgearbeitet, das sie Romy unterbreiten wollten. Die Feinheiten würde er ihm morgen früh noch durchgeben und dann am frühen Nachmittag mit Romy den Vertrag unterzeichnen. Seiner Mutter hatte er Bescheid gegeben, dass er auswärts essen würde und einen Tisch im Löwen in Kaltenberg reserviert. Wieder einmal, so war ihm bewusst geworden, badete er den Leichtsinn und die Verantwortungslosigkeit seines Bruders aus. Diesmal würde daraus hoffentlich etwas Gutes für seine Mutter und ihn entstehen. Ein Kind ihres verstorbenen Sohnes würde sie mehr trösten, als irgendetwas anderes es vermocht hätte.
Harald trug ein leichtes Sommersakko zu der grauen Hose und dem dezent gestreiften, grau-weißen Hemd, als er Punkt sechs Uhr aus der Tür trat und das Bürogebäude abschloss. „Kommen Sie, Fräulein Pfeifer“, forderte er Romy höflich auf, „wir nehmen das Auto.“ In der Doppelgarage neben dem modernen Wohnhaus standen ein grüner Geländewagen und ein silberner Mercedes. Ah, das silberne Kalb, dachte Romy spöttisch, als ihr Harald die Beifahrertür des großen, eleganten Autos aufhielt. „Ich habe einen Tisch im Löwen in Kaltenberg reserviert. Dort sind wir ungestört“, erklärte er, während er das Auto ruhig und sicher über die kurvenreiche Straße lenkte. Romy lehnte sich entspannt im Sitz zurück und genoss die Fahrt, trotz ihrer Vorbehalte. „Haben Sie Ihren Namen Romy Schneider zu Ehren?“, fragte Harald nach einer Weile. „Ja“, seufzte Romy, „ich heiße Rosemarie Magdalena, genau wie sie und meine Mutter nennt sich Sissi, seit sie den Film zum ersten Mal gesehen hat. Sie hat in den letzten dreißig Jahren bestimmt keine Wiederholung versäumt. Als sie jung war, hat man ihr oft gesagt, sie sehe der Schauspielerin ähnlich. Darauf ist sie sehr stolz und sie behauptet natürlich auch, dass ich ihr ähnlich sehe, was völliger Blödsinn ist.“ Romy verdrehte die Augen und Harald grinste. „Sie haben grüne Augen“, stellte er fest. Außerdem hatte sie eine freche Stupsnase, einen schön geschwungenen Mund und eine schreckliche Frisur, aber das sagte er ihr nicht. Dass sie viel zu blass und mager war, auch nicht. „Ja, aber das ist die einzige Ähnlichkeit zwischen ihr und mir“, versicherte Romy Harald und sich selbst. „Und was machen sie beruflich?“, wollte Harald als nächstes wissen und Romy erzählte ihm, dass sie eine Kellnerlehre in Ischgl gemacht hatte und seit zwei Jahren in Innsbruck lebte, wo sie sich mit ihrer Freundin ein Zimmer teilte. Sie berichtete von der bestandenen Matura und von ihrem Job im „Gaudeamus“, den sie vor einer Woche verloren hatte. Auch Haralds Reaktion auf die Entlassung lautete: „Das ist ungesetzlich, Sie sollten sich wehren.“ Dadurch musste Romy ihm erklären, dass sie nur schwarz gearbeitet hatte. „Ja, im ersten Moment scheint das oft ein Vorteil zu sein, aber auf längere Sicht zahlt man als Arbeitnehmer drauf“, meinte er. Romy nickte: „Ja, das hat meine Freundin Bille auch gesagt. Sie ist bei der Gewerkschaft.“ „Na, dann muss sie es ja wissen“, lautete sein trockener Kommentar.
In Kaltenberg angekommen, führte er sie in den Löwen, ein altes Gasthaus, das geschmackvoll renoviert worden war und als Feinschmeckerlokal galt. Harald hielt Romy die Tür auf und als sie das Lokal betraten, kam die Dame des Hauses lächelnd auf sie zu. „Tag, Harald, schön, dich wieder einmal zu sehen. Dein Tisch ist im Stüble, dort seid ihr ungestört.“ Damit führte sie ihre Gäste in eine gemütliche kleine Stube mit einer alten, bemalten Kassettendecke. Am Fenster hingen gestärkte Scheibenvorhänge mit kunstvoll gehäkelten Spitzen, die Nachtvorhänge waren altrosa. Auf den vier Tischen standen frische Blumen und Kerzen und die Lampen sorgten für ein gedämpftes Licht. „Wollt ihr einen Aperitif?“, fragte die Wirtin. Harald überlegte kurz und bestellte zweimal Sekt Orange. „Wir müssen auf die bestandene Matura anstoßen“, meinte er. „Als eine Kellnerin das Gewünschte brachte, nahm er sein Glas und prostete Romy zu. „Auf dich und deine bestandene Matura, Romy. Ich denke, wir lassen das Fräulein und den Herrn beiseite. Bei uns im Tal duzen wir uns normalerweise.“ „Danke, Harald“, strahlte Romy und ihr wurde ganz warm ums Herz.
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