"Stimmt", sagte Esther und legte den Lippenstift zurück.
"Gut", sagte Lukas. "Gehen wir?"
"Augenblick", erwiderte Esther und kniete sich hin. "Ich muss mir meine Schnürsenkel neu binden."
Während Esther ihren Schuh band, schaute Lukas sich kurz um. Lidschatten, Nachtcremes, Wimperntusche - hier war absolut nichts, was ihn interessierte. Esther stand wieder auf. "So, wir können."
"Schön, auf zu den Fritten", sagte Lukas gut gelaunt und legte den Arm um Esthers Schultern. Dann gingen sie auf den Ausgang zu. Kurz bevor sie die gläserne Tür erreicht hatten, sagte plötzlich eine dunkle Stimme hinter ihnen: "Hallo? Stehenbleiben."
Lukas fuhr herum und brachte Esther so zum stehen. Hinter ihnen stand ein glatzköpfiger Mann in einem dunkelblauen Anzug. Er blickte Esther an. "Hausdetektiv. Bitte packen Sie Ihre Hosentasche aus."
Als Esther protestieren wollte, sagte der Hausdetektiv: "Kein Theater. Ich habe alles gesehen."
Entgeistert blickte Lukas seine Freundin an.
"Ich habe überlegt, ob ich euren Vater anrufe", sagte Frau Weber und ging aufgeregt im Wohnzimmern mit den großen Fenstertüren zum Garten auf und ab. "Der wäre ausgeflippt, wenn er das gehört hätte. Esther betrunken im Unterricht! Was hat sie sich dabei gedacht?"
"Mama, ich glaube, Esther war frustriert", versuchte Jenny die Situation zu erklären. "Das mit der Versetzung... und der Nachprüfung?"
"Ist das vielleicht eine Entschuldigung?" fragte Frau Weber.
Hastig schüttelte Jenny dem Kopf. "Natürlich nicht. Das liegt nur an diesem Lukas... und seinen bescheuerten Freunden. Von alleine wäre sie doch nie auf die Idee gekommen."
"Sie wird richtig Ärger kriegen", warnte Frau Weber. "Dass sie dann auch noch einfach abhaut. Wir können hier auch ganz andere Seiten aufziehen."
Jenny dachte nach. Sie wollte nicht, dass Esther hart bestraft werden würde. Sie wusste ja, dass es bestimmt nicht einfach war für sie. Jenny flog alles zu, das war schon immer so gewesen. Aber ihre Schwester, die nur wenige Minuten jünger war als sie, musste sich immer alles erkämpfen. Und meistens scheiterte sie dabei. Was sollte Jenny tun? Sie konnte ja nicht nur Esther zuliebe ihren Erfolg zurückschrauben. Wenn Esther doch auch nur mal ein richtiges Erfolgserlebnis haben würde! Aber mittlerweile war es so weit, dass sich Esther schon allein den Versuchen gegenüber versperrte. Wenn Jenny zum Beispiel an den 70. Geburtstag ihres Großvaters dachte - die Eltern hatten die Zwillinge gebeten, zusammen au der Geburtstagsfeier zu musizieren, Jenny am Klavier und Esther auf der Gitarre, die sie wirklich gut beherrschte. Aber Esther hatte sich verweigert. Sie wollte nicht vor den ganzen Verwandten und Bekannten spielen. Es war ihr peinlich, sie hielt sich für nicht gut genug. So hatte schließlich nur Jenny auf dem Flügel ein Stück von Chopin gespielt. Alle Gäste waren begeistert gewesen und hatten Jenny zu ihrem Talent gratuliert.
Das Telefon läutete. Frau Weber unterbrach ihre Schimpftirade auf Esther und hob ab. "Weber?"
Jenny sah am Gesicht der Mutter, das irgendetwas nicht stimmte. "Aha. Aha. Gut, ich komme gleich. Vielen Dank."
Aus den knappen Worten war nicht viel zu entnehmen. Darum erwartete Jenny mit Spannung, was die Mutter zu sagen hatte, als sie den Hörer auf das Telefon zurückgelegt hatte. "Was ist los?"
"Esther", sagte Frau Weber nur. "Sie hat im Kaufhaus einen Lippenstift geklaut. Sie ist erwischt worden."
Jenny begleitete ihre Mutter nicht ins Kaufhaus Herschel, um Esther dort abzuholen. Sie musste zur Klavierstunde. Auf dem Weg von der Musikschule zum Supermarkt, wo sie Lea und Ella treffen wollte, hatte sie ein schlechtes Gewissen: Konnte sie wirklich unbehelligt einen schönen ersten Feriennachmittag mit ihren Freundinnen am See verbringen, während ihre Zwillingsschwester zuhause wahrscheinlich das Donnerwetter ihres Lebens erleben würde? Musste sie ihrer Schwester nicht vielleicht wenigstens ein bisschen beistehen?
Aber die hochstehende Junisonne verwehte diese Gedanken schnell aus Jennys Kopf, als sie im Bus zum Supermarkt saß. Schließlich hatte Esther sich selbst in diese dämliche Lage gebracht - sich in der Schule zu betrinken und dann auch noch zu stehlen und zu allem Überfluss auch noch erwischt zu werden, dazu gehörte schon eine ganze Menge Dummheit. Auch wenn Esther ihr leid tat - irgendwie -, wollte Jenny sich diesen Nachmittag nicht vermiesen lassen.
Das "Donnerwetter" war noch massiver als befürchtet: Als Jenny am frühen Abend nach einem spaßigen Nachmittag am See mit Lea, Ella und ein paar Jungs aus ihrer Klasse nach Hause kam, hörte sie schon beim Öffnen der Haustür das Gebrüll ihres Vaters. Er war erst vor kurzem aus seiner Firma gekommen. Seine Frau hatte ihm sofort erzählt, was Esther sich heute geleistet hatte. Betrunken im Unterricht, das war schon schlimm genug. Aber Diebstahl - das war der Gipfel! Der erste Satz, den Jenny aus dem Flur von ihrem Vater hörte, war: "Ich schäme mich für dich!"
Vorsichtig schob Jenny die angelehnte Tür auf und trat leise in das große Wohnzimmer. Esther saß auf der Couch, das Gesicht in die Hände vergraben. Die Mutter stand hilflos daneben, während der Vater aufgebracht hin und herlief.
"Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass es so weit kommt!" schrie Herr Weber. "Stehlen! Du wirst die Konsequenzen dafür tragen, hörst du?"
Esther antwortete nicht.
Die Mutter warf Jenny einen Blick zu. Jenny konnte ihn nicht deuten.
"Warum klaust du?" fragte Herr Weber seine Tochter. Als sie nicht antwortete, schrie er laut: "Warum stiehlst du? Warum musst du einen Lippenstift klauen? Euch fehlt es hier an überhaupt nichts, aber wirklich überhaupt nichts!"
"Darum geht es doch überhaupt nicht!" schrie Esther plötzlich zurück.
"Worum geht es denn dann?"
Erst jetzt hatte Esther bemerkt, dass Jenny das Wohnzimmer betreten hatte. Sie sah sie nur kurz an, dann vergrub sie ihr Gesicht wieder in ihre Hände.
"War das das erste Mal?" Herr Weber stand mit verschränkten Armen vor seiner Tochter.
Esther schwieg.
"Ich rede mit dir! War das das erste Mal? Oder hast du schon öfter was mitgehen lassen?"
Esther schüttelte den Kopf. "Nein."
"Fällt mir schwer, das zu glauben."
"Papa, Esther hat bisher noch nicht geklaut", sagte Jenny zaghaft. "Bestimmt nicht."
Ihr Vater drehte sich um. "Und woher weißt du das?"
Jenny zuckte die Achseln. "Keine Ahnung. Ich weiß es halt."
"Komm", sagte Herr Weber und zog Esther am Arm von der Couch. "Wir gehen in dein Zimmer?"
"Wieso das?" fragte Esther.
"Erstens, weil du dort ohnehin die nächsten Tage verbringen wirst, zweitens will ich mal in deine Schubladen schauen."
"Papa", sagte Esther leise. "Ich habe bisher noch nichts geklaut, ehrlich."
"Dann wird es dir ja wohl auch nichts ausmachen, wenn wir mal einen Blick da hineinwerfen."
Esther ging voran. Der Vater folgte ihr aus der Wohnzimmertür.
Frau Weber folgte. Jenny hielt sie auf. "Mama, Esther hatte wahrscheinlich einen totalen Scheißtag. Aber du glaubst doch nicht, dass sie öfter klaut?"
Ihre Mutter legte ihr sachte die Hand auf die Schulter. "Ich weiß es nicht, Kind. Aber bei dem, was sie sich heute geleistet hat, kann ich es deinem Vater nicht verdenken, dass er ihr nicht vertraut."
"Vertraust du ihr?"
Frau Weber sah sie nachdenklich an. "Ich weiß es nicht. Gerade fällt es mir schwer."
"Mach die Schubladen auf", sagte Esthers Vater und deutete auf ihren Nachttisch.
Widerwillig zog Esther die obere Schublade auf. Bücher, Taschentücher, ihre Allergietabletten, ihre Zahnspangendose - nichts, was auf einen Diebstahl hinweisen konnte. In der zweiten Schublade lag ihr Tagebuch. Einen Moment fürchtete Esther, ihr Vater würde verlangen, einen Blick in das Buch zu werfen. Aber wenigstens diese Grenze konnte er in seiner Rage einhalten.
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