"Ja, sofort", erwiderte Frau Armor, erhob sich von ihrem Drehstuhl und verschwand in einem kleinen Raum hinter dem Sekretariat. Dort stand ein Kühlschrank. Frau Armor öffnete das Gefrierfach, in dem gekühlte Gelkissen aufeinander gestapelt lagen. Sie nahm zwei heraus, warf die Kühlschranktür zu und ging zurück in ihr Büro. Der Junge wartete. Frau Armor reichte die Kühlkissen über den Tresen.
"Hier", sagte sie. "Reicht das mit dem Eis oder braucht ihr auch ein Pflaster?"
"Keine Ahnung", sagte der Junge. "Ich kann ja eins mitnehmen."
Frau Armor nahm einige Pflaster aus einer Schachtel unter ihrem Tresen und schob sie dem Jungen zu. "Bitte. Wenn ihr noch irgendwas braucht, kommt her. Aber es läutet ja ohnehin bald zum Schluss."
"Gut, vielen Dank", sagte der Fünftklässler und verließ das Sekretariat.
Frau Armor nahm wieder Platz vor ihrem Computer. Aber bevor sie sich wieder in ihre Arbeit vertiefte, fiel ihr auf, dass das betrunkene Mädchen, das Herr Nagel gebracht hatte, nicht mehr da war.
Da war er - der letzte Schulgong! Sofort brachen die Schüler der 10c in lautstarkes Johlen aus.
"Schöne Ferien!" Herr Nagel hatte Schwierigkeiten, den Lärmpegel zu übertönen. Letzte Pläne wurden geschmiedet, die Schüler verabschiedeten sich voneinander.
"Also, um drei vor dem Supermarkt, ja?" fragte Lea ihre Banknachbarin Jenny, die ihr Zeugnis säuberlich in ihrer Mappe verstaute.
"Kann sein, dass es viertel nach wird", erwiderte Jenny. "Wenn ich nach der Klavierstunde den direkten Bus kriege, dann bin ich da."
"Alles klar, zur Not kaufen wir ohne dich ein und treffen dich draußen."
"Jenny?" klang Nagels Stimme hinter ihr.
Jenny drehte sich um. "Ja?"
"Denkst du daran, die Sachen von deiner Schwester mitzunehmen?"
"Ja, natürlich, sicher."
"Dann wünsche ich dir schöne Ferien", sagte der Lehrer lächelnd.
"Danke, Ihnen auch." Jenny zwängte sich durch ihre Klassenkameraden, die ihre Sachen zusammenpackten. An Esthers Platz in der letzten Reihe warf sie schnell Federmappe und ein Buch in Esthers Rucksack. Das Zeugnis, das Nagel wieder vom Boden aufgehoben hatte, steckte sie in ihre eigene Mappe, um es zu schonen.
Ob ihre Mutter schon da gewesen war, um Esther abzuholen? Ob sie auf Jenny warten würden? Jenny hatte keine Ahnung, was passiert war, aber sie beschloss trotzdem, vorsichtshalber noch im Sekretariat vorbeizuschauen.
Zu ihrer Überraschung traft sie ihre Mutter vor der Sekretariatstür an. Frau Armor stand zerknirscht daneben
"Mama? Was ist denn los, wo ist Esther?"
"Das wissen wir nicht", sagte Frau Weber knapp. "Sie ist abgehauen."
"Es tut mir wirklich außerordentlich leid", beteuerte Frau Armor. "Ich war nur kurz von einem anderen Schüler abgelenkt."
"Wenn wir sie nicht finden, wird sie irgendwann nach Hause kommen", sagte Frau Weber und nahm Jenny Esthers Schultasche ab. "Komm, wir schauen." Ohne einen Gruß verließ Frau Weber den Sekretariatsflur.
"Auf Wiedersehen, Frau Armor", sagte Jenny freundlich lächelnd. "Schöne Ferien."
"Ja, ja", sagte die Sekretärin, bevor sie zurück in ihr Büro ging. "Dir auch, Mädchen."
Es war Esther gelungen, unbemerkt aus dem Schulgebäude zu fliehen. Sie hatte sich beim Fahrradkeller versteckt. Ihre Mutter hatte nur wenige Meter von ihr geparkt, bevor sie direkt an Esther vorbeiging, um sie aus dem Sekretariat abzuholen. Das Timing war perfekt gewesen: Als der Schulgong die Sommerferien einläutete, war ihre Mutter gerade im Schulgebäude. So konnte sie Lukas direkt abfangen.
Lukas hatte keine Ahnung von dem, was in Esthers letzter Schulstunde passiert war. Unbekümmert begrüßte er sie und ging mit ihr, den Arm um ihre Schulter gelegt, in die Innenstadt.
"Hat der Nagel eigentlich irgendwas gemerkt?" fragte Lukas.
"Gemerkt, wovon?" fragte Esther bemüht unschuldig.
"Dass du in der Pause was getrunken hattest", erwiderte Lukas.
"Nee, alles in Ordnung", log Esther. Ihre Betrunkenheit war noch nicht ganz gewichen. Sie gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen.
"Warum hast du das denn überhaupt gemacht?" fragte Lukas. "Man muss es ja nicht unbedingt herausfordern, nur weil solche Hirnis wie Bill und Jonas das vormachen."
"War doch nur ein Bier", gab Esther läppisch zurück. "Nichts weiter."
Sie gingen weiter einige Schritte nebeneinander her und kamen zum Bahnhof. Der war schon mehr als einen guten Kilometer weg von der Schule. Hier würde ihre Mutter mit dem Auto garantiert nicht lang fahren.
Lukas sah Esther an. "Wo ist eigentlich dein Schultasche?"
"Hab ich Jenny mitgegeben", sagte Esther. "Ich dachte, wenn wir shoppen gehen, ist die ohnehin nur im Weg."
"Okay", sagte Lukas und fügte hinzu: "Unternimmst du mit deiner Schwester auch mal was in den Ferien?"
Esther sah ihn ungläubig an. "Bist du bescheuert? Mit der blöden Ziege?"
"Blöde Ziege? Ist die denn nicht in Ordnung?"
"In Ordnung, klar, aber wie", höhnte Esther bitter. "Das Püppchen. Immer alles schick und adrett, ein Superzeugnis, das Wunderkind am Klavier und natürlich auch das Mädchen mit dem besten Aufsatz, das unsere exquisite Schule für ganz Deutschland repräsentieren darf. Geht mir dermaßen auf den Zeiger, diese arrogante Kuh."
"Hätte ich nicht gedacht", gab Lukas zu. "Ich finde, sie wirkt eigentlich sehr sympathisch."
"Klar, sie kann sich fantastisch verkaufen", erwiderte Esther. "Manchmal denke ich, sie macht immer auf Miss Perfekt, nur um mich wie eine Versagerin daneben stehen zu lassen."
"Übertreib mal nicht", bemerkte Lukas schnippisch. "Bist du da nicht ein bisschen empfindlich?"
"Ach, keine Ahnung", gab Esther zurück. "Aber ich kann einfach nicht mehr. Immer nur Jenny, Jenny, Jenny. Die tolle Jenny."
"Lass dir doch davon nicht das Leben verhageln", ermunterte Lukas sie. "Du kannst dafür auch Sachen, die sie nicht kann?"
"Was denn?" fragte Esther.
Sie durchquerten den Torbogen, hinter dem die alte steinerne Brücke über die Garthe führte, die quer durch die Stadt floss. Hier begann das Zentrum der Altstadt von Schwarzen. Die Fußgängerzone war mit Kopfsteinpflaster belegt. In den Fachwerkhäusern rechts und links waren Läden untergebracht. Die Fußgängerzone führte genau auf das alte Schloss zu. Ein moderner, großer grauer Neubau lag auf der rechten Seite. Darunter war das Parkhaus der Stadt, darüber ein Einkaufszentrum, in dem neben einem Fitnessstudio, einer Bank und einigen kleinen Geschäften auch das Kaufhaus Herschel lag.
"Ich will meine Kappe bei Herschel kaufen", sagte Lukas. "Komm."
Sie fuhren mit der Rolltreppe in die zweite Etage des Kaufhauses. Hier war die Sportabteilung. Lukas brauchte nicht lange, um sich eine Kappe auszusuchen. Er hatte sich schon genau vorgestellt, was er kaufen wollte.
Sie fuhren wieder nach unten. Es roch süßlich nach Parfum, als sie im Erdgeschoss ankamen. Der Weg zum Ausgang auf den Hauptmarkt führte direkt durch die Kosmetikabteilung. Vor einem Regal mit Lippenstiften blieb Esther stehen. "Meine Güte", entfuhr es ihr. "Schau dir an, wie teuer dieser Kram ist."
"Ja und?" fragte Lukas. "Ich find's gut, dass du so ein Zeug nicht benutzt. Natürliche Mädchen gefallen mir besser."
"Jenny benutzt so ein Zeug", entgegnete Esther. "Vielleicht ist ja das das Geheimnis ihres Erfolges."
"Ja, ganz sicher" grinste Lukas. "Jetzt komm, wir können ja noch irgendwo eine Portion Fritten essen."
"Augenblick mal", hielt Esther ihn zurück und legte ein bisschen von dem Lippenstift auf, der zur Probe vor einem kleinen Spiegel am Regal lag. Sie schaute ihn mit gespitzten Lippen an und klimperte mit den Augenbrauen. "Na, was sagst du?"
"Ich sage: 49 Euro!" lachte Lukas. "Schwachsinn, für so etwas so viel Kohle hinzublättern."
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