Zu Beginn der großen Pause setzten Jenny, Lea und Ella sich zusammen, um Pläne für den Nachmittag am See zu schmieden. Sie stellten eine Einkaufsliste zusammen.
"Wo steckt deine Schwester?" fragte Ella. "Glaubst du, sie kommt wirklich mit?"
"Frag mich nicht, was in ihr vorgeht", seufzte Jenny. "Ich kann mir Mühe geben, wie ich will. Es wird immer schwieriger mit ihr, vor allem, seit sie im Unterricht so nach hinten gerutscht ist."
"Sie ist echt merkwürdig", bemerkte Lea vorsichtig. "Sie war ja schon immer ziemlich... zurückhaltend. Aber jetzt sieht sie auch noch immer so finster aus."
"Ihr müsstet mal ihr Zimmer sehen", erzählte Jenny. "Die hat in ihrem Kellerraum hunderte von Kerzen... und diese Musik, die sie hört! Lauter Heavy Metal-Zeugs. Wenn Ihr diese CDs sehen würde, überall Monster und Totenköpfe drauf."
"Gruselig", sagte Lea knapp.
Jenny seufzte wieder. "Echt ätzend. Ich meine, wir sind doch Zwillinge. Aber je älter wir werden, desto unterschiedlicher werden wir. Früher war ich immer froh, eine Zwillingsschwester zu haben. Aber jetzt... Wie gesagt, ich kann mich bemühen, wo es nur geht. Aber es prallt immer alles an ihr ab. Und jetzt hat sie auch noch diesen Typen."
"Was sagen denn deine Eltern dazu?" wollte Ella wissen.
Jenny zuckte die Achseln. "Die dachten, das geht hoffentlich schnell wieder vorbei. Aber das geht jetzt echt schon lange mit ihr und diesem Lukas."
"Hey, Süße!", sagte Lukas und küsste Esther. Sie hatten sich wieder an ihrem Platz beim Fahrradkeller versammelt. Esther war nach dem Schulgong direkt dort hingeeilt.
Lukas fiel Esthers finstere Miene sofort auf. "Alles klar mit dir?"
"Ja ja." Esther lächelte gequält. "Ich bin nur froh, wenn ich dieses dämliche Zeugnis in die Tasche stecken kann und ich diesen Kasten für ein paar Wochen nicht sehen muss."
"Das unterschreibe ich direkt!" schaltete sich Jonas ein, der neben Bill im Schneidersitz auf dem moosbewachsenen Boden hockte. Die beiden hielten eine Flasche Bier in der Hand.
"Ist bei euch noch irgendwas gelaufen?" wollte Lukas wissen.
Esther schüttelte den Kopf. "Nur Gelaber über das nächste Schuljahr. Und natürlich über die neue Königin der Schule, meine werte Schwester." Sie erklärte den Jungs rasch, was es mit dem Aufsatz auf sich hatte.
"Ich kann das Prinzesschen nicht ausstehen", knurrte Esther. "Jenny hier, Jenny da. Und diese verdammte Schule hängt mir dermaßen zum Hals raus."
"Kein Stress", versuchte Lukas sie zu trösten. Er legte den Arm um ihre Schulter und erklärte: "Pass auf, wir haben eine saugeile Idee ausgebrütet. Meine Eltern fahren übermorgen mit meinem kleinen Bruder in den Urlaub. Das heißt, ich habe zwei Wochen sturmfrei. Und das werden wir natürlich am Wochenende gleich nutzen - und am Samstag steigt eine kleine Fete bei mir. Bist du dabei?"
Esther versuchte zu lächeln. "Klar." Dann fügte sie hinzu: "Wenn mir bloß diese verfluchte Nachprüfung nicht im Nacken sitzen würde."
"Hey, ich kann die Nörgelnummer jetzt echt nicht mehr ertragen", sagte Jonas. "Schon gar nicht eine Stunde vor den Sommerferien." Er hielt ihr wieder eine Flasche Bier entgegen.
Esther zögerte.
"Na, mach schon, das entspannt dich."
"Lass sie doch in Ruhe, wenn sie nicht will", entgegnete Lukas. "Sie verträgt auch nicht wirklich etwas."
"Was redest du für'n Quatsch?" fragte Esther grinsend und griff nach der Flasche. "Ich glaube, Jonas hat recht. So einen Scheißtag kann man nur mit einem ordentlichen Schluck begießen."
In der letzten Schulstunde spürte Esther an ihrem Tisch in der hinteren Reihe eine bleierne Müdigkeit, die sie umhüllte. Gegen Ende der Pause hatte sie noch so viel Spaß mit Lukas und seinen Kumpeln gehabt. Jetzt bewegte sich vor ihren Augen alles. Sie hatte das Gefühl, sich ganz tief in sich zurückgezogen zu haben, ohne das, was um sie herum im Klassenzimmer geschah, richtig wahrnehmen zu können.
"Esther?"
Esther erschrak. Es kam ihr wie ein Knall vor, als Herr Nagel das Zeugnis vor ihr auf den Tisch legte.
"Wir sehen uns in der letzten Ferienwoche zur Nachprüfung", sagte Nagel, nicht unfreundlich, eher auffordernd. "Aber versuche auch, ein bisschen von deinen Ferien zu genießen."
Er wandte sich ab, um Esthers Tischnachbarin Michelle ihr Zeugnis zu überreichen.
Esther ließ den Blick nur flüchtig über ihr Zeugnis gleiten. Dann murmelte sie hinter Nagel her: "Sie mich auch."
Nagel blieb stehen. "Hast du etwas gesagt?"
"Ich hab gesagt: Sie mich auch!" wiederholte Esther. Dabei merkte sie, dass ihr das Sprechen schwer viel. Sie schien keine Kontrolle über ihre Zunge zu haben, die Worte waren breiig.
Getuschel in der Klasse. Kichern. Nagel trat vor Esther an den Tisch. "Esther, wir haben versucht, den Grund für deinen Leistungsabfall zu finden. Du hast Chancen genug bekommen, also gibt es jetzt keinen Grund, hier Frechheiten in den Raum zu werfen."
"Leistungsabfall?" Esther kicherte. "Abfall, genau." Sie schob das Zeugnis mit einer energischen Handbewegung vom Tisch. Es segelte zu Boden.
"Bist du--" Nagel beugte sich zu Esther herab. "Bist du betrunken?"
Entgeistert schaute Jenny nach hinten. Was zur Hölle dachte sich ihre Schwester dabei?
"Kann sein", lallte Esther lässig und lehnte sich zurück. "Sie auch?"
Gelächter hallte durch die Klasse. Nur Jenny schwieg. Nagel schluckte. Er fasste Esther am Arm und zog sie von ihrem Stuhl nach oben. Dann führte er sie zur Klassenzimmertür. "Ihr verhaltet euch ruhig. Ich kümmere mich schnell um Esther. Ich bin gleich wieder da." Er öffnete die Tür und zog Esther hinaus.
Natürlich verhielten sich die Schüler nicht ruhig. Sofort wurde geredet. Eine betrunkene Schülerin in der Stunde - das hatte es bisher auch noch nicht gegeben. Und dann auch noch ausgerechnet die merkwürdige Esther.
"Hey, Jenny", rief Marek von hinten. "Hast du von deiner Mama auch einen Muntermacher als Pausendrink mitbekommen?"
"Unheimlich witzig", gab Jenny verärgert zurück, stand auf und verließ die Klasse, um dem Lehrer und ihrer Schwester zu folgen.
Herr Nagel hatte Esther ins Sekretariat gebracht und ihre Eltern verständigt. Esther hatte sich geweigert, die Telefonnummer zu nennen. Aber noch bevor Jenny die beiden im Sekretariat eingeholt hatte, hatte Frau Armor, die Sekretärin, die Nummer der Mutter der Zwillinge aus dem Schülerverzeichnis herausgesucht.
Esther setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür des Sekretariat.
"Könnten Sie auf sie achtgeben?" bat Herr Nagel Frau Armor. "Bis ihre Eltern kommen und sie abholen?"
"Solange sie keine Schwierigkeiten macht", sagte die ältere Dame mit einem skeptischen Seitenblick auf das betrunkene Mädchen.
"Ich könnte bei ihr bleiben", schlug Jenny vorsichtig vor. "Ich gebe auf sie acht."
Nagel schüttelte den Kopf. "Komm mit zurück in die Klasse. Deine Mutter kommt direkt her." Dann wandte er sich an Esther. "Das wird ein Nachspiel haben, das ist dir hoffentlich klar."
Esther prustete verächtlich und sah zur Seite.
"Warum machst du es dir so schwer?" fragte Jenny ihre Schwester. "Was ist nur los mit dir?"
Esther sah Jenny finster an. "Hau ab."
Sie blieb sitzen und stützte ihren Kopf auf ihre Fäuste. Hatte sie übertrieben? Erst jetzt, als Herr Nagel und Jenny verschwunden war und Frau Armor ihr keine Beachtung schenkte, kam ihr der Gedanke, dass sie eventuell doch ein wenig über die Stränge geschlagen hatte. Minutenlang blieb Esther wie erstarrt sitzen und nahm nicht wahr, was um sie geschah.
"Frau Armor?" erklang die Stimme eines Kindes.
"Ja?" fragte die Sekretärin, ohne dass sie von ihrem Computer aufsah.
Esther schaute auf. Es war ein Fünftklässler. "Einer aus unserer Klasse hat sich eben die Lippe am Tisch aufgeschlagen. Ich soll Eis holen."
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