Lars Gelting - Trissa, Hexe von Eichstätt

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Eichstätt 1628. Im Reich tobt der Krieg und in Eichstätt macht der Fürstbischof Jagd auf «Zauberische».
Als Therese im Juni 1628 in den Verdacht der Hexerei gerät, zerstört dies ihr Leben. Zwar kann sie aus dem Turm fliehen, bevor sie der Scharfrichter foltern und hinrichten kann. Aber sie muss alles zurücklassen: Besitz, Familie, Kinder. Gnadenlos vom Scharfrichter gejagt, gerät sie immer tiefer in die Wirren des Krieges – mittellos und hilflos.
Zwölf Jahre vergehen bis sie zurückkommt und in Ingolstadt ihren früheren Retter trifft.
Krieg und Reichtum haben sie geprägt, sie ist eine Andere geworden.
Und sie hat nur ein Ziel: die Rache.
Aber, da wartet etwas auf sie – seit zwölf Jahren!
Und auch ihr Todfeind weiß bereits, dass sie zurück ist.

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Sie beugte sich weit vor, wartete, bis Franz sich zu ihr hinab gebeugt hatte, flüsterte: „Rede mit dem Fahrer! Krieg heraus, wo der Spenner ist!“

Er, staunend, fragend mit großen Augen, „Ich kenne doch den Spenner überhaupt nicht!“

„Das ist nebensächlich, lass es dir nur nicht anmerken, stell dich stur. Frag ihn einfach nach seinem Herrn, und wenn der im Wirtshaus ist, kommst du zurück! Ist der nicht im Wirtshaus, dann sag ihm, dass du seinen Herrn dort erwartest.“

Stefan hatte den Baum umfahren, hielt an.

„Das kann ja wohl nicht sein!“ Franz richtete sich etwas auf, verstand nicht.

Sie drängte: „Natürlich nicht! Sobald der Spenner dort hineingeht, komme ich hinterher. Du gehst kein Risiko ein!“

Sich weiter vorbeugend, fragend, sprach er sehr leise und schnell: „Was soll das Versteckspiel, warum gehst du nicht selbst?“

Ungeduldig reckte sie sich ihm noch ein wenig entgegen: „Das wirst du gleich ganz sicher verstehen, aber jetzt geh, sonst klappt das nicht!“

Er richtete sich auf, stieß die Luft geräuschvoll aus, während gleichzeitig die Schultern herabsackten. Schon halb in der Drehung noch ein Blick zurück: Mit zusammengepressten Lippen und gefurchter Stirn wies er auf das an diesem Tag bereits erreichte Maß an Zumutung hin.

„Seid ihr der Fahrer vom Spenner?“ Fordernd und resolut fragte er das, erzielte damit ein amüsiertes Lächeln auf ihrem Gesicht, während sie gespannt hinter der Plane lauschte.

„Vom Herrn Spenner, meint ihr!“

„Zügelt euch, Fahrer, der Ton steht euch nicht an!“

Mit dem Ohr nahe an der Plane, hielt sie sich die Hand vor den Mund, musste lachen. „Wo ist euer Herr? Ich sollte ihn hier treffen!“

Herablassend zäh der andere: „Ihr seid mit dem Herrn Spenner verabredet?“

„Passt auf:„ Für einen Moment hielt sie hinter ihrer Plane die Luft an. Franz sprach ruhig, aber entschlossen mit unüberhörbar drohendem Unterton, „Wenn ihr nicht wollt, dass euch der Herr Spenner gleich hinter seinem Wagen herzieht, solltet ihr mir schleunigst sagen, wo ich ihn treffen kann. Andernfalls seht ihr mich bald da unten auf der Brücke! Überlegt euch gut, was ihr jetzt sagt!“

„Wer sagt mir, dass ihr wirklich mit ihm verabredet seid?“ Er blaffte, befand sich aber schon auf dem Rückzug.

„Ich sag das! Und Ihr werdet es jetzt glauben! Also, wo ist er?“

Therese schob ihr Ohr gespannt näher an die Plane, spürte förmlich, wie der andere die Antwort hinauszögerte. „Er wartet in seinem Wagen.“

„Wo?“

„Ein Stück zurück an der Straße. Ich bringe euch hin!“

„Nein! Ich werde nicht mitkommen! Sagt dem Herrn Spenner, ich erwarte ihn hier im Wirtshaus!“

„Mein Herr geht nicht in ein Wirtshaus!“

„Heute wird er eine Ausnahme machen! Ich erwarte ihn dort!“

Therese war von der Plane abgerückt, saß bequem zurückgelehnt auf ihrem Deckenstapel, lachte kurz auf und zog anerkennend die Mundwinkel herunter, als Franz Augenblicke später grinsend den Kopf in den Wagen steckte. „Jetzt haben wir ihn! Mach weiter so! Aber gib Acht: Der Spenner ist ein anderes Kaliber! Lasse dich nicht überfahren, ich bin sofort da!“

Der Kopf verschwand und es dauerte eine Weile, bis sie deutlich hörte, dass ein Wagen die Straße herunter kam und dann auf den Platz fuhr. Stefan wandte sich nur wenig um, sprach wieder über die Schulter: „Er kommt!“

Augenblicke später, nachdem er den Planwagen mit einem erbosten Blick bedacht hatte, stapfte der bekannte Weber aus Augsburg zornig auf die Wirtshaustüre zu, war fest entschlossen, zunächst einmal die Verhältnisse gerade zu rücken.

Wenig später hörte Therese ihn schon, gerade, dass sie ihren Wagen verlassen hatte. Laut, beißend drang es aus der geöffneten Tür zu ihr heraus. So hatte sie sich den Spenner vorgestellt. Gebrüll!

Aus der Sonne kommend mussten sich ihre Augen einen Moment an das dämmrige Licht im Inneren des Hauses gewöhnen. Und so hörte sie zwar den Spenner im Hintergrund brüllen, sah aber zuerst nur den Wirt. Feist und massig saß er wenige Schritte von der Tür entfernt über einen Tisch gebeugt und verspeiste gemeinsam mit seiner Katze ein Huhn. Die Ellenbogen aufgestützt, Hände, Mund- und Kinnpartie fettglänzend, beäugte er sie neugierig, während ihre Augen den kärglichen Raum durchmaßen, den Spenner fanden.

Hoch aufgerichtet, mit herrisch vorgeschobenem Kinn, stand er vor einem der langen Tische direkt unter dem hinteren der zwei kleinen Fenster, wirkte in der Schlichtheit des niedrigen Raumes fremd und aufgeblasen, „Ihr zieht es vor mir nicht zu antworten?“

„Nicht in dem Ton, mein Herr!“ Franz, ihm zugewandt auf der Bank sitzend, die Hände entspannt auf dem Tisch, wirkte äußerlich ruhig und unberührt. „Was wollt ihr mir schon sagen! Haltet an euch, wenn ihr euer Geschäft mit mir machen wollt!“

„Ihr seid also der Herr Spenner aus Augsburg!“ Knapp drei Schritte hinter ihm stehend teilte sie ihm dies mit, gewissermaßen als Ergebnis ihrer Beobachtung.

Er wandte sich ihr zu, unwillig, mit einer sparsamen Drehung von Kopf und Oberkörper, taxierte sie mit einem raschen Blick. Dann, kurz und hart: „Was wollt ihr?“

Wieder machte sie ihre kleine Kunstpause, verschränkte ruhig und Ungehörigerweise ihre Arme vor der Brust: „Ich habe euch einen Handel anzubieten. Dazu waren wir hier verabredet!“

Ihr wollt mit mir ein Geschäft machen?“ Jetzt wandte er sich um, aber nur so weit, dass er seitwärts zu ihr stand, taxierte sie, überheblich, kalt, abwägend dann zu Franz und wieder zurück: „Hierzulande haben Frauen andere Aufgaben! – Ich mache keine Geschäfte mit Frauen!“ Sein Gesicht bekam einen verächtlichen Ausdruck, „Schon gar nicht mit Lagerweibern!“

Polternd flog der Hocker, auf dem Franz gerade noch gesessen hatte gegen die Wand und Therese musste ihren Arm rasch und sehr weit herausstrecken, um den Aufgebrachten gerade noch an der Tischkante zu stoppen. „Ich warne euch! Überlegt euch besser was ihr sagt!“ Drohend die Augenbrauen weit nach oben gezogen, den Zeigefinger vorgestreckt fixierte Franz den Spenner, der vorsichtshalber einen Schritt zurückgewichen war.

„Was könnt ihr mir schon anbieten?“ er zog sich hinter seiner Vornehmheit zurück, schaute abschätzig von Therese zu Franz und wieder zurück.

Sie hatte ihre Arme wieder verschränkt, legte den Kopf ruhig ein wenig zurück, unbeeindruckt und wissend, „Ihr braucht Geld! – Viel Geld! Das ist kein Geheimnis, und ich bin hergekommen, um mit euch in dieser Sache zu verhandeln! Ich könnte euch mehr Geld zur Verfügung stellen, als ihr benötigt und vermutlich auch bezahlen könnt! Aber – jetzt will ich nicht mehr!“ Sie ließ ihm keine Zeit, seiner Bestürzung Herr zu werden, wandte sich, jeder Reaktion zuvorkommend, mit einer sanften Neigung ihres Kopfes ab und verließ am dumpf vor sich hin schmatzenden Wirt vorbei den Raum.

Franz beugte sich vor, kaum dass er wieder im Wagen saß, fragend, den Mund immer noch fassungslos geöffnet.

„Jetzt nicht, Franz!“ sie schaute ihn nur rasch an, legte den Zeigefinger über die Lippen, lehnte sich weit vor, „Stefan, fahr los, aber ganz ruhig, ohne Eile!“

„Glaubst du, er kommt hinterher?“

Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht: „Er hat einen Fehler gemacht und hat jetzt keine Wahl!“

„Das verstehe ich nicht! Warum benimmt der Kerl sich dann so mies?“

„Weil ich eine Frau bin, hast du doch gehört. Er macht mit Frauen keine Geschäfte!“

„Sollte man wohl auch nicht!“

„Aha!“ sinnend kniff sie die Augen ein wenig zusammen und sah nach vorn aus dem Wagen, „Dann pass gut auf! Als Mann kannst du hier einiges lernen! Und du wirst es in Zukunft gebrauchen müssen.“ Sie wandte sich ihm zu, ernst: „Geld kennt nicht Mann oder Frau, weiß nichts von Eitelkeit oder Moral, Geld kennt nur Vorteil oder Nachteil! Alles andere ist unwesentlich, wenn du Geldgeschäfte machen willst! Das ist der wichtigste Grundsatz, den du dir von jetzt an merken solltest!“

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