Er weiß nicht mehr viel über diesen Mann, seine Geschichte ist mit ihm gestorben, er weiß nur das, was der Vater erzählte. Als Sohn eines dem Alkohol nicht abgeneigten Dorfbüttels, wuchs er in ärmlichsten Verhältnissen auf. Dem Makel seiner Geburt widersetzte er sich und begab sich nicht auf das charakterliche und soziale Niveau seines Vaters. Er erlernte schon zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts, gegen viele Widerstände, den besagten Beruf,, heiratete, gründete eine Familie und erwarb ein bescheidenes Haus.
Ein einfaches Haus mit kleinen, niederen Zimmern, einem angebautem Stall und einer Scheune. Die Toilette war ein an der Außenseite zum Garten integrierter Bretterverschlag, mit einer kreisrund ausgeschnittenen Holzplatte über einer offenen Grube. So präsentierte sich das Haus noch als der Enkel die ersten vierzehn Lebensjahre dort verbrachte. Ein Badezimmer oder eine Waschküche war in dieser Art von Häusern nicht vorgesehen. Die gesamte hygienische Aktivität spielte sich in der kleinen Küche ab.
Die Bezeichnung Hygiene sollte im Konsens dieser Zeit gesehen werden, das heißt: im Wochenrhythmus baden, in einer Zinkwanne, die Samstagnachmittag in die Küche geschafft wurde. Das dafür erforderliche warme Wasser musste über einem Holzherd erhitzt werden, was wiederum die Erklärung dafür ist, dass dieses Badewasser gleich mehrere Personen nutzten.
Im Winter froren die Bettdecken in den eiskalten Schlafzimmern oft an, da sich die Räume nur mühsam und nach heutigem Verständnis, auch nur unzureichend erwärmen ließen. Es war ein sehr einfaches, bescheidenes Leben in diesem Haus. Dass es in der Erinnerung doch eher nostalgisch, verklärt erscheint, liegt sicher an der Vielfalt der Tiere, die den Rest des Anwesens belebten. Schweine, Ziegen, zwei Kühe, Hasen, Hühner und teilweise sogar ein paar Schafe drängten sich in Stall, Scheune und auf der Wiese hinter dem Haus. Ob diese Tierhaltung eine Passion des Opas war, oder ein Relikt aus einer Zeit, in der die Tiere zur Versorgung der Bewohner notwendig waren, er weiß es nicht. Die Anzahl der Tiere reduzierte sich mit dem Alter des Opas. Zum Schluss waren praktischer Weise nur noch die Fleisch- und Wurst- sowie die Eierlieferanten verblieben, also Schweine und Hühner.
Der Opa, er war schon über achtzig Jahre alt, starb unter furchtbaren Schmerzen zu Hause. Er litt ein Leben lang unter quälenden, chronischen Kopfschmerzen. Diese rührten von einem Schwall kochend heißes Wasser, das ihm als Kind über den Kopf geschüttet wurde. Dies Unglück geschah bei der damals üblichen Entsorgung von Abwasser. Küchenfenster auf und Abwasser raus auf die Straße.
Der alte Mann lag oft in seinem Zimmer und wimmerte vor Schmerzen. Schmerzen, die im fortgeschrittenen Alter nur noch durch die Einnahme von Morphium etwas gemildert wurden. Der Enkel schlich sich manches Mal in das abgedunkelte Zimmer, wenn er ihn wimmern hörte. Starr vor Entsetzen über das Leid des Opas stand er dann einige Zeit neben seinem Bett.. Er erinnert sich noch heute an seine kindliche Verzweiflung, wenn er an den Opa denkt.
Der alte Mann, er wollte doch niemandem zur Last fallen, weinte vor Schmerzen und aus Kummer über seinen Zustand. Er lag in einem kleinen Zimmer, auf einem alten Bett mit fast aufgerichtetem Oberkörper. Er bemerkte den Jungen nicht immer, der da wortlos stand, und darauf wartete, dass die Mutter kam und ihm die Medizin gab, die ihm die Schmerzen nahm und ihn einschlafen ließ.
Das letzte Bild, die letzte Erinnerung an seinen Opa, ist der Anblick des Toten mit hochgebundenem Unterkiefer. Hochgebunden mit einem zu großen weißen Tuch, welches das halbe Gesicht bedeckte und auf dem Kopf mit einer großen Schleife geschlossen war.
Der Opa wurde in dem Familiengrab, neben seiner Frau, bestattet. Das Totenbett mitsamt Matratzen und Decken verbrannte der Vater sofort, was sich später, wegen des immensen Wertes dieses Möbelstückes, als sehr strittig herausstellte. Damit war die sachliche Abwicklung einer Existenz beendet.
Es sollte noch an dieser Stelle, eine der wenigen, dem Sohn sichtbaren positiven Eigenschaften der Mutter erwähnt werden. Sie pflegte den Opa in einem gewissen Grade fürsorglich, er kann sich an keine missmutigen Worte erinnern, er glaubt, sie hat ihn wirklich geachtet, eine für sie doch schon außergewöhnliche Gefühlsregung, fand wenigstens er.
Peinliche Aversionen unter den verbliebenen Nachkommen, der Vater hatte noch zwei Geschwister, bestimmten nun fortan das Verhältnis, der im Dorf lebenden Verwandtschaft. Eine der Hauptakteurinnen verkörperte natürlich die Mutter, die andere Amazone seine Tante. Sie stritten um ein Nichts, keine wirklich materiellen oder auch ideellen Werte standen zur Aufteilung. Es waren vielmehr die unter dem Mantel der Zwangsharmonie verborgenen Antipathien, die nun an den Tag traten.
Die zwei Kontrahentinnen benötigten zu Beginn der dummen Feindseligkeiten nur die Erde über dem Grab. Die ersten Scharmützel begannen sie jedoch schon, nachdem gewiss war, dass der alte Mann nicht mehr lebte und nichts mehr von ihrem Gezanke mitbekam. Die Mitglieder der gegnerischen Familien wurden dann zwangsverpflichtet und mussten den Fahneneid auf die jeweilige Megäre und ihre dummen, engstirnigen An- und Absichten ablegen.
Der Krieg um das Nichts, er zählte zu den längeren der Familiengeschichte, dauerte so runde zehn Jahre. Anschließend herrschte weitere zehn Jahre eine etwas labile Waffenruhe, dann, mit der aufkommenden Altersweisheit oder der Müdigkeit der Kampfhennen, folgte eine friedliche Koexistenz der Familien. Dabei wurde das Gewesene einfach totgeschwiegen, das war auch besser so.
Für den Jungen, und er denkt auch für seinen Vater, brach mit der Streiterei ein Teil der eher dürftigen sozialen Kontakte weg, was vom Vater resignierend, vom Sohn mehr traurig hingenommen wurde, oder hingenommen werden musste. Es schmerzte ihn nicht so wegen der Tante. Der Onkel, zu dem eine nicht näher erklärbare Verbindung bestand, fehlte ihm auf irgendeine Weise. Als dieser Mann später starb, er selbst war damals schon so zwanzig Jahre, lag er lange weinend auf seinem Bett, so sehr schmerzte ihn der Verlust dieses Mannes, zu dem er jahrelang nie einen intensiven Kontakt hatte. Diese seltsame Verbundenheit ist ihm bis heute ein Mysterium geblieben.
Verbundenheit, ein konturloser Begriff, da er doch von den Menschen in ihrer Verschiedenheit ebenso unterschiedlich interpretiert und verstanden wird. Er fragt sich nachdenklich, wem er sich in seiner Kindheit und Jugendzeit, außer dem Opa und dem Onkel, jemals aus einem inneren Gefühl heraus, bewusst und ohne jeglichen existenziellen Zwang, verbunden fühlte. War er überhaupt einmal jemandem bewusst und frei verbunden, ohne praktische Notwendigkeit oder existenzielle Abhängigkeit?
Er lässt sie vor seinem Auge Revue passieren, die Personen und Gesichter jener Zeit. Es sieht nicht gut aus mit bejahenden Ergebnissen seiner Recherche. Verheerend schlecht wäre noch treffender formuliert. Taucht ein Gesicht auf, zerfällt es nach Momenten der kritischen Betrachtung, gleichgültig, wie die Person ihm gewogen war. War die wohlige Wärme einer Regung fühlbar, so glich er dieses Empfinden mit den Erfahrungen in ähnlichen Situationen ab. Das Risiko einer Fehlinterpretation stufte er dann meist, auf Grund von vergleichbaren, aber schlechten Erfahrungen, als zu groß ein und beendete die Suche.
Es war schlicht weg ein Mangel an verfügbarem Vertrauen zu sich und seiner menschlichen Umgebung vorhanden. Was ihn dazu animierte, sich mit der intimen Gesellschaft seines näheren Umfeldes, in rein theoretischer Art und Weise, sehr kritisch auseinander zu setzen und es danach in die Kategorie, “lebensnotwendiges Übel“ einzustufen. Er gewann seine Überzeugungen nicht aus dem Ergebnis seiner Bemühungen um Akzeptanz, die er mit dem Wissen eines Schülers, sowieso nicht nachvollziehen konnte, sondern aus den Erfahrungen seiner Kindheit.
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