Klaus Schneider - Memento mori

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Das Buch beschreibt eine Existenz, die bereits zu Beginn morbi­de Züge aufzeigt. Dies führt zu einem rastlosen, gehetzten Leben, voller Angst und Zweifel. Ein Junge, durch eine Veranlagung in die Rolle eines Außenseiters gedrängt, versteht erst nach Jahr­zehnten, als erwachsener Mensch, sich, seine Zeit und die Gesell­schaft, in der er lebt. Eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich, immer wieder ereignet. Ein Spiegel für Menschen, die unbedacht durch ihre Zeit treiben, sich plagen ihr Glück zu finden und dabei überse­hen, dass Glück nur ein abstraktes Ideal verkörpert, das es in ei­ner Existenz, die im Beginn gleich ihr Ende impliziert, gar nicht ge­ben kann. Was bleibt ist die Hoffnung, die sich in der endlichen Zeit eines Lebens weit wertvoller erweist, als ihre Erfüllung.

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Verfolgten ihn die verzweifelten Augen des Mannes, der wahrscheinlich so wenig wie er, dieses un­sägliche Töten wollte? War die Bürde dieser Schuld zu schwer für diesen, in seiner Jugend lebenslus­tigen, starken Mann? Hat er sich mit diesem Schuss selbst auch getötet, nicht seinen Körper, son­dern seine Seele?

Brachen ihn die langen Jahre der Gefangenschaft in Sibirien? Was musste er da erdulden, welches Leid sah er da. Wie knapp hat er dies alles überlebt, immer den Tod vor Augen. Die ständige Angst, die Heimat, das Elternhaus, Vater und Mutter niemals wieder zu sehen. Verscharrt in der Weite Sibi­riens, wie ein Teil seiner Kameraden. Achtlos weggeworfenes menschliches Leben, bedeutungslos, ohne jeden Wert. Jeden Tag der Kampf ums Überleben, machtlos, nur um am nächsten Tag die gleiche Prozedur auf Neue zu erdulden, und am nächsten Tag, und am übernächsten Tag, monate­lang, jahrelang.

Was hatten sie in diesem Land verloren? In einem Land in dessen Weite noch keine Nation und auch noch kein so großer Stratege oder Feldherr einen dauerhaften Sieg erringen konnte. Was er­zählten sie ihnen für einen Unsinn von Untermenschen, Bolschewiken, einer den Herrenmenschen unterlegenen, minderwertigen Rasse. Sie hatte es ihnen gezeigt, diese minderwertige Rasse, ihnen, den besten Soldaten der Welt, den Arsch hatten sie ihnen versohlt, den Herrenmenschen.

Oder war alles ganz anders gewesen? Was bedrückte seinen Vater? Gab es Dinge in diesem Krieg, die er nicht erzählen konnte? War auch er an den Unmenschlichkeiten der Wehrmacht beteiligt, von denen zu dieser Zeit niemand sprach? Taten, für die er sich schämte, die durch nichts zu rechtferti­gen und damit zu erklären waren. War auch er einer dieser willfährigen, entmenschlichten Mitläufer, die im nach hinein sich und ihre Taten selbst nicht mehr begriffen, die den Rest ihres Lebens mit dieser Schuld nun alleine leben mussten, denn wem sollten sie sich offenbaren, wer würde das ver­stehen?

Es war ja nicht so, dass er sich darum riss, Soldat zu werden, doch auch er wählte den großen Füh­rer, bewunderte ihn, glaubte seinen Reden und Versprechungen und trug die Ideologien in der Woge der Begeisterung mit. Nun vegetierte er in diesem gottverdammten Land vor sich hin, verlassen vom großen Führer, der feige sich der Verantwortung, auch der Verantwortung für ihn, entzogen hatte. Verraten von den unzähligen Parteibonzen und Funktionären, die jede Verantwortung für dieses Debakel vehement abstritten und sich meist rechtzeitig in sichere Zonen absetzten. Alleingelassen mit seinem Schicksal, der Gnade oder Ungnade der Sieger ausgeliefert, rechtloses menschliches Le­ben, ganz so, wie das Großdeutsche Reich es vor kurzer Zeit noch selbst an den Menschen prakti­zierte. Wie übersteht man so einen tiefen Fall, so eine desolate Situation, ohne in tiefe Depression zu verfallen?

Man stellt sich einfach dumm, hält die vertrauten Feindbilder hoch und setzt die Sieger gedanklich ins Unrecht. Gedanken sind frei, sind manipulierbar und können Hass erzeugen, Hass als Basis zum Überleben. Hass ist eine der stärksten menschlichen Emotionen, setzt ungeahnte Kräfte im Kampf ums Überleben frei und bewahrt zudem weitgehend vor zerfressenden, selbst zerstörenden Schuld­gefühlen.

Es ist jedoch eine etwas perfide Auslegung der Tatsachen notwendig, um diese Überlebensstrategie zu praktizieren. Schon allein die Erkenntnis, dass das Gegenüber, der so genannte Feind, ein gleich macht- und rechtloses Werkzeug eines Systems ist, wie man selbst, bereitet durchschnittlich intelli­genten Menschen gedankliche Probleme. Sie waren oder sind doch alle eingepfercht in ein System, das schon einen Hauch von Menschlichkeit als Verrat ansah und entsprechend reagierte. Der verteu­felte Feind, ein Abziehbild des eigenen Schicksals!

Ein Mann mit einer erwachenden Moral, der Erkenntnis oder besser der Ahnung, dem Unrecht ein weites Feld seiner Seele angedient zu haben, kann dabei schon zerbrechen. Was hätte alles passieren müssen um dieses Debakel nach der Rückkehr in die Heimat zu beseitigen? Wiedersehensfreude mit den Eltern, die Dankbarkeit überlebt zu haben, bestimmt schöne, auch gewaltige Gefühle, doch nicht mehr als ein Spritzer Wasser auf eine verbrannte Seele.

Reden wollten wohl viele der Heimkehrer über ihre Erlebnisse, doch die Gesellschaft mochte von dem Debakel nichts mehr hören und folglich auch nicht mehr darüber reden. Sie kamen ja nicht als Helden zurück, diese jammervollen Gestalten, geschlagen, gedemütigt. Keine Siegertypen, sie pass­ten nicht recht in die Auffassung von „das waren doch nicht wir“, oder „lasst doch endlich die Ver­gangenheit ruhen“.

Sie fanden eine fremde Heimat vor, die von neuen Wertvorstellungen und ebensolchen politischen Machtverhältnissen geprägt war. Ihre alten Ideale hatten den Wert eines abgetretenen Schuhes. Die Erlebnisse aus dem Krieg konnten sie, höchstens selektiert, aufbereitet für die neue Moral, wiederge­ben. Dazu mussten sie sich noch manchem vorwurfsvollen Blick von Menschen stellen, deren Sohn, Bruder oder Mann nicht wieder zurückkehrte. Sie bezahlten einen hohen Preis für den Grö­ßenwahn eines Despoten ihrer Gnaden.

Nun stand er da in seiner Heimat, seinem Elternhaus. Die Familie betrieb eine kleine Landwirt­schaft als Nebenerwerb, sein Vater war Rentner und nicht mehr bei bester Gesundheit. Die Mutter schwer erkrankt, ihr Sterben war absehbar, sie lebte auch nur noch wenige Monate. Er, krank an Leib und Seele, doch die wirtschaftliche Situation der Familie erforderte zwingend und schnell sei­nen Beitrag,

Er fand dann kurz nach seiner Rückkehr eine Arbeit als Schreiner, in einer nahe liegenden Stadt, wo die Fabriken der Uhrenindustrie Arbeitskräfte benötigten.

Der Firma, die ihn damals einstellte, ist er sein ganzes weiteres Berufsleben treu geblieben. Berufli­ches Weiterkommen war für ihn nie von besonderem Interesse. In dieser Firma lernte er dann seine Frau kennen und durfte sie bald darauf, aus zwingendem Grunde, dem, der baldigen Niederkunft des ersten Kindes, ehelichen.

Dieses erste Kind war er, der Sohn. Ob es eine Heirat aus Liebe, aus Verantwortung oder ein Ent­gegenkommen gegenüber dieser Frau war, behielt er zeitlebens für sich. Die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die die Eltern ihrem Sohn zukommen ließen, sowie die spürbare Distanz des Paares zu­einander, würden jedoch einige Zweifel an einer Heirat aus Liebe zulassen. Er, der Sohn, verstand als Kind nicht, warum sich sein Vater so verhielt, warum er ihn nicht beschützte, ihm keine Zuneigung zeigte. Und obwohl er im Laufe der Zeit viele Erklärungen zu diesem Verhalten fand, kann er dem Vater keine Absolution erteilen.

Was in aller Welt kann er dafür, dass sich eine ganze Generation von Schwachköpfen verführen und missbrauchen ließ! Menschen, die ihr Gefühl, ihre Ratio von markigen Worten unsinniger Ver­sprechen abkaufen ließen, um dann nach dem Zerplatzen all ihrer Illusionen und Werte, in einer Welt zwischen gestern und heute taumelnd, keine Kraft oder keine Courage mehr besaßen, ihren Kindern das zu geben, auf was diese ein Anrecht hatten, Liebe und Zuneigung.

Einzig sein Opa vermittelt ihm zuhause Wärme und Zuneigung. Ein damals schon alter Mann mit weißen, schütteren Haaren, hagerem, gebeugtem Körper und einem natürlich sanften Wesen. Er setzte sich zu ihm, hörte zu und tröstete ihn bei all seinem Kummer. Alles mit einer anrührenden Bedächtigkeit, nie hörte er von ihm ein böses Wort. Der einzige Mensch aus seiner Vergangenheit, den er wirklich vermisst.

Ein bescheidener Mann von außergewöhnlichem Charakter. Er stellte seine eigene Bedeutung, ohne den geringsten Verlust seiner Würde, bis zur schieren Unkenntlichkeit zurück, war sich nicht zu schade, nicht zu stolz, anderen seinen Platz zu überlassen, zur Seite zu treten, wenn der Weg zu eng wurde. Er, der erste und lange Zeit einzige Mann aus seinem Heimatdorf, einer bäuerlichen Ge­meinschaft von ärmlichen Menschen, der den Mut aufbrachte, einen Beruf, in der damals aufkei­menden Uhrenindustrie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, zu erlernen. Er gestaltete und mal­te Zifferblätter von Uhren. Wunderschöne Handarbeiten, die viel Talent und handwerkliches Ge­schick erforderten.

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