Klaus Schneider - Memento mori

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Das Buch beschreibt eine Existenz, die bereits zu Beginn morbi­de Züge aufzeigt. Dies führt zu einem rastlosen, gehetzten Leben, voller Angst und Zweifel. Ein Junge, durch eine Veranlagung in die Rolle eines Außenseiters gedrängt, versteht erst nach Jahr­zehnten, als erwachsener Mensch, sich, seine Zeit und die Gesell­schaft, in der er lebt. Eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich, immer wieder ereignet. Ein Spiegel für Menschen, die unbedacht durch ihre Zeit treiben, sich plagen ihr Glück zu finden und dabei überse­hen, dass Glück nur ein abstraktes Ideal verkörpert, das es in ei­ner Existenz, die im Beginn gleich ihr Ende impliziert, gar nicht ge­ben kann. Was bleibt ist die Hoffnung, die sich in der endlichen Zeit eines Lebens weit wertvoller erweist, als ihre Erfüllung.

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Zur Abkühlung solch hitziger Erinnerungen schweifen diese in die Winterzeit ab, wo sich in man­chen Jahren der Schnee so hoch am Straßenrand auftürmte, dass er als kleiner Junge staunend vor dieser mächtig weißen Wand stand. Er fühlt auch noch die eiskalten, schmerzenden Hände und Füße, den Schnee, der unter den schwarzen, hohen Schnürschuhen knirschte und die klare, flim­mernde Winterluft.

Seine ersten Skier bekam er im Alter von sechs Jahren, selbst gemacht von seinem Vater. Skifah­ren, das war etwas Besonderes, da gehörte er zu den Besten. Bei den Skirennen des Skivereins be­zwangen ihn nur die Söhne reicher Eltern, die ihr Können aus dem Skiurlaub, den sie regelmäßig mit ihren Familien in den Bergen verbrachten, ausspielten.

Seine Skipisten dagegen waren ausschließlich die Hügel nahe seinem Heimatdorf, nicht steil, nicht spektakulär, doch sie waren täglich zu erreichen und es kostete nichts. Die Pisten präparierten die jungen Fahrer mit ihren Holzbrettern selbst. Es war nicht viel, doch genug und da sie alle nichts an­deres kannten, gab es auch keinen Grund, unzufrieden zu sein. Ein schönes Gefühl, wenn sie dann gemeinsam am Abend, meist viel zu spät, mit roten Gesichtern und halb erfrorenen Füßen, die Ski­ern auf den Schultern, zum Dorf zurück liefen, und er gehörte dazu, anerkannt und respektiert.

Von solchen Eindrücken zehrte er als Kind, sie ließen ihn leben und entrissen ihn öfters einer auf­kommenden Verzweiflung. Er will sich nicht entscheiden, ob er sich als Überlebenskünstler oder Kämpfer bezeichnen soll, doch ersteres erscheint ihm etwas treffender, um sich zu beschreiben. Eine Typisierung gäbe es doch, er war wie eine Weide, biegsam bei Wind und Sturm, nie brechend, öfters mit hängenden Zweigen und an schönen Tagen aufgerichtet und stolz. Zur vergleichenden Ei­che taugte er nicht, deren Stärke und Kraft standen ihm nicht zur Verfügung, nicht als Kind und nicht als Jugendlicher.

Er lernte auf seine Chancen zu warten, warten bis für ihn die Zeit reif war. Sollten die anderen doch vorbeiziehen. Es machte keinen Sinn, in Kräfte raubenden Scharmützeln regelmäßig den Kür­zeren zu ziehen. Später überholte er viele seiner Konkurrenten aus seinem Umfeld, bei ihm dauerte alles etwas länger. Die Zeit, insbesondere die Eile in der Zeit, in seiner individuellen Zeit, hat ihn nie zu hektischem Aktionismus veranlasst, warum auch? Es gibt eine verbindliche Zeitmessung auf phy­sikalischer Grundlage und es gibt ein individuelles Zeitmaß, eine innere Uhr, die den Takt des Le­bensrhythmus eines Menschen vorgibt. Es würde jeder gut daran tun, diesem Takt Beachtung zu schenken.

Die Gedanken stocken, sein Blick starrt durch die Glasscheibe des Fensters, hinaus auf die kahlen abgeernteten Felder, er folgt dem Wechselspiel von Licht und Schatten. Umständlich zündet er seine fast leere Pfeife wieder an, nur um festzustellen, dass da nichts mehr ist, was sich anzünden lässt. Der Vater. Er verweilt lieber noch etwas bei der nutzlosen Beschäftigung mit der leeren Pfeife. Ein Düsenjet überfliegt mit heulenden Triebwerken das Haus. Klassische Musik aus Haydens „Der Morgen“ verfehlt ihre Wirkung. Völlig unpassend, konträr zu seiner Stimmung, er fühlt nicht den er­wachenden Tag, das Aufblühen des Lebens. Erfreulich ist das zweite Stück der CD, ein Orgelkon­zert von J. S. Bach, es untermalt in vortrefflicher Weise seine trübsinnige Stimmung.

Sein Vater, wie erinnert man sich an einen Menschen, der in den ersten Erinnerungen nur als eine Person auftaucht, von der man außer einem Bild keine gefühlte Beziehung hat, ein Neutrum, weder gut noch schlecht.

Er stand frühmorgens um fünf Uhr auf, fuhr in die Arbeit, kehrte um halb sechs Uhr abends zu­rück, aß zu Abend, nahm seine Zeitung, setzte sich in eine Ecke und las, oder arbeitete noch im Haus, Tag für Tag, jahrzehntelang. Vor allen Dingen wollte der Vater seine Ruhe. Diese forderte er nicht offensiv ein, man spürte aber, was er wollte.

Manchmal beschäftigte er sich auch mit seinem Sohn, manchmal. Verschwommene Bruchstücke von Erinnerungen deuten sich an, lassen sich jedoch nicht zusammenfü­gen. Von einer Beziehung zwischen Vater und Sohn ist dabei aber wenig zu spüren. Der Mann war in sich gekehrt, mit sich und seinen Erinnerungen an die Vergangenheit, an Krieg und Gefangenschaft beschäftigt. Seiner Frau mit ihrer zänkischen, fordernden Art, war er nicht gewachsen.

Nachgiebig, um des Friedens willen, blieb er meist stumm. Keine Hilfe oder Stütze für den Sohn bei all den Un­gerechtigkeiten der Mutter. Von einem prägenden, leitenden Vorbild eines Vaters für seinen Sohn, war er weit entfernt. Im Gegensatz zur Mutter ging aber keine körperliche Gewalt von ihm aus. Dies vermied er konsequent, nahm dafür gar einem offenen Streit mit der Mutter in Kauf, die einmal von ihm verlangte, den Sohn, nachträglich am Abend, für eine Bagatelle zu schlagen. Da war ein deutlicher Zorn in seiner ablehnenden Antwort zu spüren, ein Zorn, der sogar die Mut­ter verstummen ließ.

Einmal ließ er sich dann doch dazu hinreißen, und gab seinem Sohn eine Ohrfeige. Dieser platzier­te sei­ner Schwester, aus niedrigen Beweggründen, einen doch recht großen Hammer mittig auf deren Stirn, im Zentrum des Lobus frontalis, besser bekannt als Frontallappens oder Stirnlappen. Da er­wiesenermaßen eine Schädigung dieses wichtigen Teiles des menschlichen Gehirns verheerende Aus­wirkungen auf das Verhalten des Menschen haben kann, bekommt er bei näherer Betrachtung seiner Gewalttat fast ein schlech­tes Gewissen. Sollte er etwa an der seltsamen Entwicklung seiner Schwes­ter schuld sein?

Nein, bei­leibe nicht, es war eine nachvollziehbare, emotionale Kurzschlusshandlung eines Minder­jährigen und nicht in Tötungsabsicht ausgeführt. Diese ewig heulende Nervensäge schaffte es doch tatsäch­lich, ihrem Vater etwas Gefühl zu entlocken und hatte ihn glatt ausgebootet, wenn dies bei so einem Vater- Sohn Verhältnis überhaupt möglich war. Man wird sich doch wehren dürfen!

Die Ohrfeige war nicht heftig, doch als Einzelaktion seines Vaters während einer ganzen Kindheit sehr einprägend. Nun, der Vater hatte sich der weiblichen Majorität gebeugt und der Tochter, als wich­tigstes Kind der Familie, auch bei sich eine Vorrangstellung eingeräumt. Er kann heute seinen Vater verstehen, vielleicht wollte der einfach ausschließen, dass sich biblische Geschichten in der Gegenwart wiederholen.

Der Vater war keine dominante Persönlichkeit, keine Größe, an der man sich reiben oder messen konnte. Er war auch kein Schwächling, was seine Körperkräfte betraf. Ein Händedruck von ihm zauberte einem schon schmerzvolle Züge ins Gesicht. Als einmal bei einem Ausflug des Skivereins die Torstangen nicht in den Stauraum des Reisebusses passten, brach er sie vor den Augen der stau­nenden Zuschauer, mit einer verblüffenden Leichtigkeit, auf eine angemessene Größe ab. Da war der Sohn einmal stolz auf seinen Vater.

Es folgte bedauerlicherweise, lange Jahre, keine Wiederholung ei­ner solchen Begebenheit. Nach­dem er, wegen seiner Ehefrau, sein Engagement im örtlichen Skiverein aufgab, traf man ihn selten in Gesellschaft an. In einer Gaststätte war er nie zu finden, auch zu Hause trank er kaum einmal eine Flasche Bier. Manchmal meinte man, er wäre gar nicht da.

Dabei gab es Fotografien, die ihn als jungen Mann zeigten, lachend in Gesellschaft von Frauen und Freunden beim Skifahren, fröhlich, vital, unternehmungslustig. Ein Prachtbild von einem Mann. Was hatte diesen Mann gebrochen? Waren es die langen, leidvollen Jahre im Krieg und die anschlie­ßende Gefangen­schaft in Russland? Darüber sprach er verhältnismäßig wenig, was nicht viel heißen will, da er über­haupt selten sprach. Vielleicht gab es Dinge über die er nicht sprechen konnte oder wollte?

Eine der wenigen Erzählungen handelte von einem russischen Soldaten, den er erschossen hat. Er tötete ihn und sah ihm dabei in die Augen. Bei dieser Erzählung, die sich im Laufe der Jahre mehrere Male wiederholte, wirkte er noch bedrückter als sonst. Brach in diesem Moment, als er diesen Men­schen erschoss, das alles rechtfertigende Feindbild zusammen? Sah er einfach nur einen jungen Mann, wie er einer war, sah er die Angst in seinen Augen, in Augen, die in diesem Augenblick ahn­ten, niemals wieder Mutter, Vater, Frau oder Kinder zu sehen, ohne Abschied, ohne versöhnliche Worte oder Trost?.

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