„Aber du wirst ihn doch soweit verändern können –ohne chirurgische Maßnahmen-, dass er seinem jetzigen Ich nicht mehr sehr ähnlich sieht, oder?“, fragte Orlando schließlich.
Zoe zuckte die Schultern. „Ich denke schon.“, sagte sie dann. „Wenn diese fürchterliche Brille weg ist, er einen anständigen Haarschnitt hat und drei Tage lang nichts isst und nur Wasser trinkt, könnte ich ihn zumindest etwas anders aussehen lassen, was noch immer weit entfernt von gut wäre. Und was, nebenbei bemerkt, völlig unter meiner Würde ist, Aden. Ich hab’ ’nen scheiß Abschluss aus Berkeley.“
„Na und? Den hab’ ich auch.“, meinte Lorenzo zu seiner Verteidigung. Die beiden wechselten sich in ihren Aufgaben regelmäßig ab. Dieses Mal war er an der Reihe.
Orlando musste grinsen. Er kannte keine Frau, die sooft und so gerne fluchte wie Zoe. Aber vor allem, nahm sie nie ein Blatt vor den Mund. Und das gefiel ihm, sie war immer aufrichtig und man musste nie annehmen, dass sie einen nicht mochte, wenn sie etwas anderes sagte.
Er ging wieder zu Antonio herüber, der geistesabwesend aus dem Fenster schaute.
„Wie lange wirst du hier bleiben, Aden?“, fragte dieser ihn forschend.
„Nicht mehr lange. Freitag geht mein Flug.“, antwortete Orlando. „Ich hoffe doch, ihr kommt, wie sonst auch, ohne mich zurecht.“
Antonio grinste. „Wieso auch nicht? Du bist öfter im Ausland als in Spanien.“
Orlando lächelte. „Irgendwie muss ich das hier ja schließlich finanzieren.“
„Ja, da hast du Recht.“
Am Abend ging Dana mit Orlando in eine Kneipe. Die beiden bestellten sich jeweils ein Bier und setzten sich dann an einen der Tische.
Dana musterte Orlando aufmerksam. Er trug eine lockere Jeans und ein einfaches schwarzes T-Shirt, was jedoch sowohl an den Armen, als auch an der Brust bereits spannte, so muskulös war er. Ihr gefiel das. Sie stellte sich immerzu vor, wie es wäre, wieder in diesen Armen zu liegen und schwelgte in der Erinnerung an die eine Nacht, die er ihr geschenkt hatte. Schon vor dieser gemeinsamen Nacht hatte sie für Bonitas älteren Bruder geschwärmt, doch nachdem er mit ihr geschlafen hatte, war sie in ihn verliebt gewesen. Und doch war ihr natürlich nicht entgangen, dass es ihm nicht annähernd das gleiche bedeutet hatte. Im Gegenteil. Durch ihre Freundschaft zu Bonita hatte sie mit ansehen müssen, wie er immer wieder ausgegangen war und andere Frauen getroffen hatte. Keine von ihnen hatte er je seinen Eltern vorgestellt. Sie alle waren ebenfalls nur Bettgeschichten gewesen. Doch sie konnte ihm nicht vorwerfen, dass er sie nicht liebte. Er war ehrlich zu ihr gewesen, hatte ihr von Anfang an gesagt, dass es eine einmalige Sache wäre. Dass es das für sie nicht war, erkannte er nicht. Sie dachte, ihre Blicke würden ihm die Wahrheit über ihre Gefühle verraten, aber er beachtete sie nicht einmal mehr aufmerksam genug, um es feststellen zu können. Manchmal fragte sie sich, ob er ihre Verliebtheit vielleicht absichtlich ignorierte, denn er war ansonsten so aufmerksam und scharfsinnig. Er durchschaute jeden Menschen und brauchte sich dafür nicht einmal anzustrengen. Es war eigentlich nicht denkbar, dass ihm diese Tatsache verborgen geblieben war.
Orlando nahm sein Bier entgegen und trank einen großen Schluck des kalten Getränks. Er war zufrieden mit der heutigen Arbeit. Der Flüchtling war unbemerkt aufgenommen und versteckt worden und es waren keine Probleme mehr zu erwarten. Was weiterhin mit Khaled geschehen würde, war bereits Routine und schon bald nicht mehr das Problem seiner Leute. Er würde ihn, sobald alles erledigt war, nach Verín zu einem Mann namens Frederik schicken. Dieser würde ihm dann dabei helfen eine Arbeit und eine Wohnung zu finden und sich seiner generell annehmen. Orlando arbeitete eigentlich mit Roger, einem Spanier, zusammen. Da dieser jedoch auf unbestimmte Zeit das Land verlassen hatte, Orlando vermutete, dass die Polizei seinen illegalen Geschäften auf den Fersen war, hatte er sich an Frederik gewandt. Doch eigentlich wäre dessen Aufgabe nicht mehr so schwer und deshalb vertraute Orlando darauf, dass alles gut gehen würde, sofern sich Frederik nicht zu idiotisch benahm.
Als er Danas Blick bemerkte, richtete er den seinen auf sie und lächelte. „Wie stellt sich Khaled an?“, wollte er wissen. „Lernt er schnell?“
Dana war enttäuscht, dass er sogleich wieder über das Geschäftliche sprach, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Immerhin verbrachte er überhaupt Zeit mit ihr. Obgleich nicht zum Vergnügen, genoss sie seine Nähe doch. „Er ist, denke ich, ein ganz kluger Mann. Aber ich fürchte, Sprachkenntnisse hat er nur wenig. Auch scheint er eher der Mathematiker als das Sprachgenie zu sein.“ Sie zuckte mit den Schultern.
Orlando nickte, denn auch er hatte ihn so eingeschätzt.
„Allerdings werde ich ihm dennoch Spanisch beibringen können. Da er weiß, worum es geht, gibt er sich Mühe, alles zu verstehen und nicht wieder zu vergessen. Ob wir seinen Akzent jedoch jemals abtrainieren können, wage ich zu bezweifeln.“
„Manchmal wünschte ich, ich hätte deine Geduld.“, gab er lächelnd zu.
„Dafür hast du andere Stärken.“, sagte sie und errötete über sein Kompliment.
Er lächelte selbstkritisch. „Mag sein.“, sagte er ausweichend. „Wenn sein Akzent zu deutlich wird, dann sag’ ich Antonio besser Bescheid, dass er ihn nicht zu einem gebürtigen Spanier machen soll.“, überlegte er sogleich.
Dana hätte aufschreien mögen. Kaum dass er sich einmal auf sie konzentrierte, sagte sie etwas, womit sie ihn direkt wieder ablenkte. „Ich hab’ schon mit Antonio darüber geredet.“, sagte sie. „Er wird dich deshalb sicher noch ansprechen.“
Nun nickte Orlando zufrieden. Scheinbar musste er sich nicht um alles kümmern, das beruhigte ihn. Wenn er nun wieder in den Irak reisen würde, wusste er nicht, wann er zurückkäme. Es war gut zu wissen, dass seine Leute auch ohne seine Hilfe relativ eigenständig arbeiteten und zurecht kamen.
„Hast du mich nur auf ein Bier eingeladen, um mit mir über Khaled zu sprechen?“, fragte sie schließlich. Sie konnte ihm ansehen, dass er bereits wieder mit den Gedanken woanders war und sie wollte ihren Abend nicht damit zu bringen, ihn anzuhimmeln, während er es nicht einmal bemerkte. Sie war 25 und sie wollte nicht ewig alleine sein.
„Ja.“, antwortete er ehrlich. Sie blickte ihn so enttäuscht an, dass er hinzu fügte: „Und weil ich mich mal wieder mit dir unterhalten wollte. Wie geht es dir, Dana?“
Sie lächelte verliebt. „Es geht mir gut, danke.“
„Hast du endlich einen Mann gefunden, der deiner würdig ist?“, fragte er und lächelte ebenfalls.
Dana schüttelte enttäuscht den Kopf. Er verstand sie einfach nicht und er sah nicht, was sie ihm zeigte. Du bist meiner würdig! Ich will nur dich, sonst keinen , dachte sie verzweifelt. Doch sie sagte: „Mir geht es auch ohne Mann gut, Orlando.“ Sie hoffte, er hatte den Ärger in ihrer Stimme nicht gehört. „Ich denke, in dieser Sache sind wir einander ähnlich. Du scheinst mir auch keine langjährige Beziehung zu suchen.“
Orlando lächelte geheimnisvoll. „Vielleicht ändert sich das bald.“, sagte er und musste dabei an Christina denken. Wenn er ihr nicht mehr zufällig begegnen würde, so würde er schon einen Weg finden, sie ausfindig zu machen. Sie hatte ihm ihren ganzen Namen gesagt und er hatte nichts davon vergessen. Zuerst würde er sie in London suchen, dann in Spanien. Er hatte nicht vor, aufzugeben. Sobald er die Sache im Irak erledigt hatte, würde er anfangen nach ihr zu suchen. Sollte sie dann noch immer nicht verheiratet sein, würde er ihr einen Antrag machen.
„Wie meinst du das?“, fragte sie geschockt. Sie hatte mit seinen unverbindlichen Weibergeschichten leben können, weil sie gewusst hatte, dass auch von denen keine ihn bekommen würde. Aber sie ertrug die Vorstellung, er habe eine ernsthafte Beziehung, nicht.
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