Die Kraft, die von diesen Pflanzen ausgeht, hat eine Parallele im Fühlen und Sehen der zunächst verdeckten Weiblichkeit, ihrem sich entfaltendem Körpervolumen und ihrer Macht im Bild. Es gibt zwei, drei mächtige Bildmuster, die alles belegen, was unsere westlichen Sinne erfassen können: zunächst die des Opfertodes von jungen Männern, der Kreuzigung, des Hara-Kiri, der Suicide Bomber. Dann den Blick auf die Frauen, das Bild der Zeugung, das seit Ewigkeiten gefangen ist im sich verwandelnden Bild der Maria. Und schließlich der moderne, zeitgenössische, penetrierende Blick in die Mitte des Körpers der Frauen, der ja auch nicht neu ist: wo ist die Vulva, wo die Brust, wo der Bauch der Frau, ihre so vernarrt angestarrten Beine, der Po und die zarten Füße?
Eben zurück zum Image des Blumenkohls und des Salates. Körperliche Lust, trinken und essen gehören so eng zusammen wie kaum anderes. Daher sind die Erscheinungen des Blumenkohls und seiner Verwandten, des Broccoli, des Romanesco so lustvoll; es sind Bilder zur Schönheit, die von der Evolution der Natur geschaffen sind. Die Lust zu lieben und zu essen ist simultan. Die Augen verbunden mit den Lippen und dem Geschmack der Zunge verzehren einen Salat so wie sie die feinste Berührung der Vulva erst sehen, dann lieben, fühlen, riechen. Nahe, oben, weich zu bleiben und nicht feindlich zu sein, kann so geschehen.
Der inneren Stimme folgen. Abstand, weg, Du bist nicht da. Es gibt Dich nicht. Es gibt nur einen Körper. Er ist männlich. Ist seine Fährte verloren? Wo ist er denn? Kennt er sich selbst?
Die Erinnerung in diesem Körper zerstückelte sich. Sie sitzt fragmentiert im Kopf auf ihm, ist verbunden mit einem Intellekt und hat daher einen Namen: Der da ist Pierre. Nur der Kopf kann Texte bilden, Namen vergeben, reflektieren, schlussfolgern und dafür Plätze finden. Pierre eben. Für den Körper ist das zunächst unwichtig. Diese Folgelosigkeit schafft die Distanzen zwischen dem denkenden Pierre, dem Körper, in dem er wohnt und Orten. Nur wenige Wege des Körpers folgen einem Ziel. Sein Pierre mag einer Route folgen wollen, dem Körper ist ein Irren eigen. Es mag auf Versehen gründen, auf Intuition oder auf Fehlern. Auf jeden Fall fußt das Herumirren auf dem Eigenleben des Körpers. Der Kopf mit Namen Pierre, der ein Part des Körpers ist, ist ein Teil dieser Selbständigkeit. Er hängt vom Leib ab, in Maßen kann er seinen Unterbau beeinflussen, drängen, in einzelnen Fällen auch steuern. Manchmal kann Pierre dem Weg seines Körpers eine Richtung vorschreiben. Laufe hierhin, gehe dorthin!
Der Körper und sein Pierre inszenieren sich, sie haben in diesem Textbild ihren Auftritt. Der Text ist ihre Bühne, gefrorene Tableaux vivantes, ein Gegensatz in sich. Andere Körpersysteme treten hinzu, sie unterscheiden sich in ihren Rollen und Fähigkeiten.
Die temporäre Einheit Körper und Pierre agiert als Mann auf Wegen und Abwegen. Zu ihm treten weibliche Körper. Weitere weibliche Leiber kann man nur imaginieren und abbilden. Diese Bilder zerfallen nicht in einen Körper und eine Identität mit Namen wie Pierre oder weiblichen. Diese Körper sind eine aus vielen Idealen zusammengesetzte homogene Menge, die zu einem weiblichen Idol geformt ist.
Die Summe aller Leiber und ihrer namhaften Bewohner ist der Gesellschaftskörper. Das sind wir alle.
Beide Geschlechter in ihren Intellekten treten in den kommenden Textbildern auf. Dazu kommen männliche und weibliche Körper verschiedenen Alters, die Statisten und Personen der Zeitgeschichte. Die Wege passieren Bilder, verschiedene Orte, Hilfsmittel. Die Körper sind gekleidet oder nackt, sie spüren Freude und Lust, sie umfassen Welten.
Der Körper und sein Pierre – wer er ist
Dann die Vergangenheit. Körper kennen sie nur als eigenen Verschleiß und vergangene Lust. Der über 50 Jahre alte, namenlose Körper ist männlich. Pierre, sein Fortsatz, bannt die Geschichte mit Bildern, er kann westliche Kunst ein wenig lesen – das ist schwer. Denkt er seine Geschichte und ruft er die Bilderwelt in seinem Kopf reicht sie weit zurück. Es sind Bruchstücke, aber er kennt diese genau und er hat Kraft für sie und auch viele Orte entwickelt, eine Zuneigung. Über die fünfzig Jahre, die sein Leib ihm gönnte, hat Pierre die Bilder zusammensetzen können und sich eine Vorstellung davon gebildet, was wohl geschah in der Kultur, in der er momentan lebt. Die Bilder und ihre museale Überlieferung reichen 2000 Jahre zurück. Das ist der Denkrahmen von Pierre. Weiter zurückliegende Kulturen kann er nicht bildlich, sondern nur textlich fassen und das auch noch schlecht. Ihm fehlt die Anschauung. Er zentriert sich nicht so recht auf Traditionen, obwohl es möglich ist, auch diese rudimentär zu sehen. Pierre ist in seiner Seele ein Aufrührer geblieben.
Das Interesse von Pierre bezieht sich momentan auf eine viel kürzere Zeitspanne. Nicht auf die Fragmente der 2000 Jahre in seinem Kopf. Es geht Pierre um sein Körperleben, mithin um die so zurückliegenden 50 Jahre. Seit sein Körper, auf dem er lebt, geboren wurde. Geschichte geschieht für Pierre eben zweierlei: man kann sie denken und sehen, es gibt die Überlieferung, und man kann sie fühlen, an sich selbst in seinem Sein erleben, im Altern, rational, psychisch und physisch in feingesponnenen Erinnerungen, Lücken, Fehlern und nicht beantworteten Fragen.
Pierres Thron, sein Körper, ist auch ein Zipfel der Geschichte up to date. Es ist nicht die Gedankengeschichte, die Pierres Fragmente gründet; es ist Naturgeschichte und die ihrer vermeintlichen, temporären Dressur. Die Menschenkörper haben sich angepasst, wurden zerstört und wiedergeboren. Pierres Sitz ist einer davon.
Das ist das kurze Ende der Geschichte und in dieser Spanne spielt auch der Bericht vom Blumenkohl.
Pierres Blumenkohl ist wohl die Bilderfindung einer Frau. Die Kohlsymbolik stand für den Rückzug, schuf ein liebes Bild für einen Gap zwischen Körpern, eine Distanz, die beschrieben sein musste. Der Blumenkohl war der Penis von Pierres Körper. Er hatte sich am Körper verdrückt. Er war süß und klein, hatte kein Gewicht. In seine beiden Hoden eingebettet, verschrumpelt und eigentlich nur zum Urinieren da, führte er ein zurückgezogenes Dasein. Pierres Ansicht in dieser Körperregion glich nur entfernt dem Kohl. Aber das doch stimmige Bild war nun mal in den Köpfen. Nicht ein Powerprotz wartete auf das Stelldichein, nicht die Lust, sondern ein verschämter Körperteil. Der stand für den Start Pierres und seines Körpers in das Sexualleben: die offensichtliche Impotenz.
Der Blumenkohl ist lustunfähig und in seinem Ich steckt keine Kraft. Er führt ein Eigenleben. Pierres Sinne, vor allem die Augen erreichen ihn nicht. Was Pierre sieht und sich ausdenkt, ist dem kleinen Kohl egal. Er behält sich verdeckt in seiner Unterhose, verweigert den Zugang. Wo ist er nur? Ist es dieser Fortsatz zwischen den Beinen? Alle Muskeln kann man ansteuern und bewegen, ihn nicht. Holt man ihn ans Licht, bleibt er leblos und seine Zukunft ungewiss. Dem Kohl ist egal, was passiert, er teilt Desinteresse mit. Der Nabel bildet das Zentrum des Körpers, er sitzt wenig darunter. Hoch in den Kopf ist es nicht weit. Die Distanz reicht für den totalen Schnitt. Abgenabelt ist die Körperregion dort.
Der Blumenkohl wächst seinem Bilde nach nicht, er hat kein Alter. Er muss einmal jung gewesen sein und er wird alt und faltig werden. Bisher fehlt ihm seine eigene Geschichte. Er dient als zeitlose Metapher. Stets fühlt er sich in den mittleren Jahren. Veränderungen mag er nicht. Im Zweifelsfall findet er schnell zu seiner Urform zurück. Wo sonst der Körper straff ist und glatt, ist er schon faltig. Seine Oberfläche antizipiert das Alter. Der vielfach gefaltete Kopf, die Spitze des Körpers, sein Überbau, durchaus würdevoll als Gehirnträger wie als Penis, zeigt sich erlahmend, konstituiert die Impotenz, das Wollen aber Nicht-Können. Dabei gleicht auf den ersten Blick ein Blumenkohl dem anderen. Die Abläufe sind für alle gleich. Wachsen, sich vermehren, sich fortpflanzen, da sein, faulen, gären und dann verwesen. Das blüht allen Körpern.
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