Nicht immer ist der „Wahrheitssucher“ beruflich zur Aufklärung von Verbrechen verpflichtet, manchmal zwingen ihn auch nur die äußeren Umstände dazu, in diese Rolle zu schlüpfen, wie beispielsweise den zu Unrecht des Mordes verdächtigten Kriegsheimkehrer in Die blaue Dahlie
( The Blue Dahlia , 1946).
Manchmal ist der zentrale (männliche) Charakter dagegen kein Aufklärer, sondern verstrickt sich durch böse Absichten oder einen unglücklichen Zufall in ein Verbrechen und wird dadurch zum Gejagten, wie beispielsweise der Versicherungsvertreter Walter Neff in Frau ohne Gewissen
.
Eine weitere typische Figur im Film noir ist die Femme fatale. Darunter wird eine mysteriöse, sexuell anziehende und berechnende Frau verstanden, die den Held des Films in einen Abgrund stürzt.
Bestes Beispiel ist die von Barbara Stanwyck verkörperte Ehefrau in Frau ohne Gewissen
, die Neff verführt und mit ihm gemeinsam ihren Mann ermordet. Ein anderes Beispiel ist Diane Tremayne (in der deutschen Fassung Gina genannt) aus Engelsgesicht
( Angel Face , 1952), die aber weit weniger berechnend, sondern eher von einer Psychose getrieben handelt. In Grifters
( The Grifters , 1990) tauchen gleich zwei Femme fatales auf, die dem Protagonisten das Leben schwer machen.
Düstere Thematik
Was den Film noir am deutlichsten kennzeichnet, sind seine Thematik und eine düstere Weltsicht. Im Zentrum der Handlung steht meist ein Mord oder ein anderer Kriminalfall. Von anderen Krimis oder Thrillern grenzt sich der Film noir aber dadurch ab, dass es darin nicht vorrangig um die Frage nach dem Täter oder die Jagd nach einem Verbrecher geht, sondern eher um die psychologischen und gesellschaftlichen Umstände, die das Verbrechen überhaupt möglich gemacht haben.
Zudem sind im Film noir die Grenzen zwischen Gut und Böse oft verschwommen. Nicht selten handeln die Vertreter des Gesetzes ebenso skrupellos wie die Verbrecher, die sie dingfest machen sollen. Auch sind die Hauptfiguren zumeist keine klassischen Helden, sondern eher Anti-Helden, die viele negative Seiten haben und oft von den Geschehnissen regelrecht überrumpelt werden.
Insgesamt offenbaren die Filme eine düstere Sicht auf die Welt. Diese ist besonders in den frühen Filmen noch geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Aber auch spätere Film noirs sind recht pessimistisch und offenbaren eine fast schon nihilistische Weltsicht.
Dennoch sind viele Film noirs nicht gänzlich ohne Humor. Besonders die Filme der klassischen Ära zeichnen sich durch viel Dialogwitz aus (der allerdings in den deutschen Fassungen zumeist nicht mehr so deutlich zu erkennen ist). Auch aus den manchmal geradezu absurden Situationen können die Filme Humor beziehen.
Metropole Los Angeles
Dass viele Film noirs in Los Angeles spielen, ist kein Zufall. Zum einen ergibt sich dies aus dem Umstand, dass Hollywood selbst ein Stadtteil von Los Angeles ist und viele der ansässigen Produktionsfirmen die umliegende Stadt gerne als Kulisse für ihre Filme nutzten.
Zum anderen war Los Angeles immer eine lebendige und dynamische Stadt, die zugleich mit Problemen wie ethnischen Spannungen und organisierter Kriminalität zu kämpfen hatte. Schon in den 30er-Jahren lebten hier mehr als 1 Mio. Einwohner. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg kamen weitere Menschen in die Region und siedelten sich hier an.
Los Angeles und seine Umgebung hatten und haben Filmemachern zudem eine Vielzahl an verschiedensten Kulissen zu bieten. Landschaftlich liegen hier innerhalb weniger Kilometer Meer, Berge und einsame Wüsten nebeneinander. Dazwischen befindet sich eine dicht bebaute Stadtlandschaft mit Hochhäusern, prachtvollen Villen, typischen Einfamilienhäusern und heruntergekommenen Armensiedlungen.
Typische Schauplätze
Es gibt in Los Angeles einige berühmte Gebäude, die gleich in mehreren Film noirs auftauchen. Eines davon ist das Rathaus der Stadt, die City Hall. Sie war einst gleichzeitig Sitz des Polizeihauptquartiers von Los Angeles und ist in dieser Funktion in zahlreichen klassischen und neueren Film noirs zu sehen, etwa in Opfer der Unterwelt
( D.O.A. , 1950) oder The Black Dahlia
(2006).
Ein weiterer beliebter Drehort für Film noirs, aber auch für andere Filme, ist das historische Bradbury Building am Broadway, das unter anderem in Opfer der Unterwelt
und Der Dritte im Hinterhalt
auftaucht.
Die Stadtteile von Los Angeles, die am häufigsten im Film noir zu sehen sind, sind die beiden bekanntesten: Downtown und Hollywood. In Downtown wurde früher häufig im Viertel Bunker Hill gedreht. Es enthielt in den 40er- und 50er-Jahren noch viele alte, heruntergekommene Gebäude, wurde inzwischen aber aufwendig umgebaut. Heute stehen hier moderne Hochhäuser.
Hollywood ist im Film noir häufig durch die vielen historischen Restaurants und Bars vertreten, die sich hier teilweise noch immer befinden. Auch die Scheinwelt der Filmindustrie kann Thema des Film noir werden, am deutlichsten in Boulevard der Dämmerung
( Sunset Boulevard , 1950).
Los Angeles erscheint im Film noir aber nicht nur als düstere Stadt des Verbrechens – ganz im Gegenteil. Viele Filme spielen in majestätischen Anwesen und sonnigen Strandhäusern. Doch gerade durch die scheinbare Postkartenidylle wirkt das überall lauernde Verbrechen besonders erschreckend.
Frau ohne Gewissen
(Double Indemnity) 1944
Frau ohne Gewissen gilt als einer der ersten und zugleich besten Film noirs. Er wurde stilbildend für das ganze Genre. Der Film erzählt von einem biederen Versicherungsvertreter, der einer Femme fatale verfällt und mit ihr einen hinterhältigen Mord begeht.
Los Angeles, 1938: Der Versicherungsvertreter Walter Neff (Fred MacMurray) schleppt sich eines Nachts mit einer offenkundigen Schussverletzung in sein Büro. Dort spricht er seine Geschichte in ein Diktiergerät.
Eine Rückblende zeigt Neff einige Wochen zuvor: Er ist auf der Suche nach einem Klienten, um mit ihm über eine Verlängerung seiner Kfz-Versicherung zu sprechen. In dessen Haus trifft er jedoch nur auf seine Frau, die attraktive Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck). Neff verfällt ihr augenblicklich.
Kurz darauf besucht er sie erneut. Phyllis Dietrichson macht finstere Andeutungen: Sie will eine Unfallversicherung für ihren Mann abschließen und ihn anschließend ermorden, um das Geld zu kassieren. Neff ist zunächst entsetzt. Doch dann heckt er einen noch gewinnbringenderen Plan aus: Er sieht einen besonders spektakulären „Unfalltod“ für Mr. Dietrichson (Tom Powers) vor, da in diesem Fall die Versicherung aufgrund einer Klausel (im Englischen „Double Indemnity“ genannt) die doppelte Summe auszahlen muss.
Phyllis Dietrichson und Neff töten Mr. Dietrichson und lassen es so aussehen, als sei er von einem fahrenden Zug gestürzt. Die Polizei glaubt an einen Unfall, doch Neffs Kollege und väterlicher Freund Barton Keyes (Edward G. Robinson), zu dessen Aufgaben die Aufdeckung von Betrugsfällen gehört, ist von dieser Theorie nicht überzeugt und beginnt, in dem Fall zu ermitteln...
„Es war ein heißer Nachmittag und ich erinnere mich heute noch an den Jasminduft, der über den Gärten lag. Wie hätte ich ahnen sollen, dass Mord zuweilen wie Jasmin duftet?“ Walter Neff über seine erste Begegnung mit Phyllis Dietrichson
Ein heikles Thema
Die Geschichte von Frau ohne Gewissen basiert lose auf einem echten Kriminalfall, der sich 1927 in New York zutrug: Eine Frau hatte ihren Liebhaber überredet, ihren Mann zu töten, um so die Summe aus einer kurz zuvor abgeschlossenen Versicherung zu kassieren.
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