Er setzte sich zum dürftigen Frühstück, das aus einem Kanten Brot mit Marmelade und einem Glas Milch bestand. Während er lustlos kaute und schluckte, überlegte er, wie er es angehen könnte. Die hundert und erste Bewerbung schreiben? Zu den nutzlosen Bewerbungen war er verpflichtet. Versäumte er, die geforderte Anzahl je Monat zu schreiben, würde ihm die erbärmliche Stütze, das Hartzgeld, gekürzt, im Wiederholungsfall gestrichen. Heute allerdings mochte er sich diese Zumutung nicht antun. Eine anständige Arbeit, war, wenn überhaupt, nicht über die Bürokratie, sondern nur durch Beziehungen zu bekommen. Sein Pech, dass es ihm daran mangelte. Wäre er in ein Netzwerk eingebunden, wäre er nie in die jetzige Lage, die er nicht verschuldet hatte, gekommen. Beinahe mit Wehmut dachte er an die einstige kleine Republik zurück, wo viele begehrte Dinge nur durch Beziehungen zu erlangen waren, jedoch Arbeits-Angebote anstelligen Menschen sozusagen nachgeworfen wurden. Einst hatte er zwar kein Vermögen, doch sonst so manches besessen: eine erträgliche Arbeit, Frau, Kind, ein sicheres, wenn auch nicht üppiges, Einkommen, die Achtung der Mitmenschen. Geblieben war ihm nur die Selbstachtung und tapfer kämpfte er darum, dieses Letzte nicht zu verlieren. Ausgegrenzte neigten dazu, sich hängen zu lassen. Nicht so der Langzeit-Arbeitslose Wilfried Schaffer. Er hielt seine kleine Wohnung peinlich sauber, obwohl er keinen Besuch bekam. Den armseligen Haushalt hielt er in Schuss. Er betätigte sich täglich am Schreibtisch. Das alte Stück hatte er vor kurzem ergattert und aufwändig aufgemöbelt. Er, der Nicht-Fachmann, hatte es ganz gut hinbekommen und hatte nunmehr einen anständigen Arbeitsplatz für die geistige Tätigkeit. Er hatte sich angewöhnt, Texte aus dem Englischen zu übersetzen, das ihm geläufig war. Dieses Hirnfutter fand er auf ausgefransten Hüllen seiner alten Plattensammlung und in Zeitungen, die er ab und zu in die Hand bekam. Weil das allein ihn nicht befriedigte, versuchte er sich auch im Spanischen, da er an eine Broschüre in dieser Sprache gekommen war. Er bediente sich dazu eines Wörterbuchs, das er sich einst angeschafft hatte, wegen einer in Aussicht stehenden Reise nach Cuba. Die hatte sich damals zerschlagen, das Buch hatte viele Jahre hinten und unten gelegen, nun hatte er es ans Licht geholt. Er übersetzte einige Zeilen, spürte allerdings bald, dass ihn heute diese brotlose Kunst nicht befriedigen konnte. Was aber stattdessen? Nebenher stellte er bitter fest, dass es ihm nichts bringen würde, zehn Sprachen in Wort und Schrift zu beherrschen – ihm, dem Abgestempelten, bliebe der „erste Arbeitsmarkt“ gleichwohl verschlossen. Trotz alledem – er musste tätig sein!
Wie, wenn er sich als Schreiber versuchte? In jungen Jahren ist ihm die Fähigkeit zum Erzählen bescheinigt worden. Gelegentlich, nach der Arbeit, hatte er einst in geselliger Runde, sprühend von Einfällen, für Kurzweil gesorgt. Er hatte nichts aufgeschrieben. Er hätte aufschreiben sollen. Überhaupt, fand er, sei es an der Zeit, diese seine Fähigkeit zu hegen und zu pflegen, obschon er nicht die Aussicht hatte, in Zeitungen und Zeitschriften etwas zu veröffentlichen. Denn auch dafür brauchte es Beziehungen, das war ihm klar. Immerhin, bei den Machern der Heimatzeitschrift, die vierteljährlich erschien, sollte er gelegentlich anklopfen…
Nachdem er eine halbe Stunde fruchtlos am Schreibtisch verbracht hatte, fand er, es habe keinen Zweck. Ein andermal lief es vielleicht besser. Hoffentlich. Jetzt hieß die Losung: „Hinaus!“ Er sollte Wohnung und Haus verlassen, bevor ihn die Wände erdrückten. Er schaute in seine Börse. Etwas Klimpergeld lag darin. Er konnte einkaufen, wenn auch nur das Allernötigste. Mochte sein, das erbärmliche Hartzgeld für den Mai lag bereits auf seinem Konto. Doch es war ihm eisernes Gesetz, nichts von dem, das für später bestimmt war, in der Gegenwart zu verbrauchen. Woraus folgte, entweder er kaufte etwas zum beißen oder zum trinken; beides zusammen ging nicht.
Nach innerem Kampf gab er dem Beißbaren den Vorzug und bewies sich damit: „Ich bin kein Süchtling.“ Er zog seine abgetragene Jacke über, trat in die schief getretenen Schuhe, verließ sein Heim, in dem er sich, trotz seiner Mühen, es wohnlich zu gestalten, nicht heimisch fühlte. Sein Grundgefühl hatte er im Gepäck, den stillen Groll über seine missliche Lage. Jedoch war in ihm nun die durch nichts begründete Hoffnung aufgekeimt, dass sich heute, gerade heute, seine Lage erheblich ändern könnte.
Leichtfüßig strebte Wilfried Schaffer hinweg von seinem Wohnblock, den man, in den Achtziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, aus Betonplatten gefertigt hatte und in dem alleinstehende, vereinzelte, einsame, Menschen wohnten. Er ließ die Bus-Haltestelle hinter sich, ging stadteinwärts, den Hohlweg, „Im Kruge“ benannt, hinab. Auf dem Hang rechts des Wegs befanden sich Kleingärten, links das Gelände eines Kindergartens, anschließend ein Parkplatz, eine Wiese mit Kirschbäumen, Blocks mit Balkonen darüber. Vielstimmiges Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Neidvoll dachte er: „Die haben gut singen, leben fröhlich in den Tag hinein.“ Dann aber sagte er sich; dass die Tierchen nicht aus reiner Freude trällerten. Sie standen in hartem Wettbewerb; nur die besten Sänger wurden zur Paarung zugelassen. Ja im Tierreich sich zu behaupten, war auch nicht leicht. Der nächste Winter kam bestimmt. So manches Vögelchen, das jetzt zwitscherte, würde die kalte Jahreszeit nicht überleben. Ob Wilfried Schaffer den Winter überleben würde, wusste er nicht, doch nicht nur deshalb war ihm nicht nach zwitschern zumute. Er traf die Feststellung, dass den Menschen die Möglichkeit offen stand, sich Vernunft anzueignen, doch viele Menschen nicht das Bedürfnis hatten, sich über das Tierreich zu erheben.
Links gab es weitere Kleingärten, einige davon verwildert. Er erinnerte sich gut, dass seinerzeit, als es die kleine Republik noch gab, solche Gärten als Juwelen galten. In der Gegenwart, das wusste er, wurden sie angeboten wie Sauerbier und wie dieses meistens vergeblich.
Er erreichte die Naumburger Straße. Es waren keine lieblichen Gedanken, die seinen Weg begleiteten. Was für ein abstoßendes Bild! Der von den einst schmucken Häuserzeilen übrig gebliebene, graue, von Ruß gedunkelte, lückenhafte Rest, schrie danach, gleichfalls abgerissen zu werden. Ihn stießen die von Abgasen gebeizten Ziegelmauern, mit ihrem löcherigen Kleid von zerbröselndem Putz ab, nicht weniger die hässlichen Fensterhöhlen. Wo noch Scheiben vorhanden waren, starrten sie von Schmutz. Kaum glaublich und doch wahr – hinter einigen der Fenster hausten Menschen. Er sah schäbige Gardinen hängen und die schmuddelige Flagge eines Münchner Fußballclubs – arme Leute als Fans des Klubs der ganz Reichen – das war abartig, fand Wilfried Schaffer. Hatten diese Zeitgenossen denn kein Schamgefühl?
Abscheulich war ihm die stinkende Lawine des Kraftverkehrs, der die Wände erzittern ließ und die Lungen ätzte. Er traf die bittere Feststellung: „Eine Lebensader ist diese Fernstraße, freilich nicht für die Stadt Weißenfels.“ Bergan, bergab, rollten Unmengen von Gütern, die anderswo den Wohlstand mehren mochten - hier hatte man nur den Dreck, den Gestank. Was für ein Irrsinn – die Stadtbewohner wurden weniger und weniger, doch der Verkehr nahm unablässig zu.
Immerhin gab es selbst hier Natur, die ihn erfreute. Hinter schadhafter Mauer ragten Linden und Kastanien, deren grünes Gezweig den Fußweg überdachte. Freilich trat Schaffer nicht unter dieses Blätterdach; sondern, als vorsichtiger Mensch, dem die Reinlichkeit viel bedeutete, wechselte er die Straßenseite. Denn im Geäst nisteten Krähen in großer Zahl. Die dunklen Vögel fraßen und verdauten insbesondere zu dieser Jahreszeit ausgiebig; der Fußweg war dick gekalkt. Hinter Mauer und Bäumen konnte er verfallene Backstein-Gebäude ausmachen. Er wusste: Einst hat es hier eine Brauerei gegeben, die, wie alte Leute berichteten, ein schmackhaftes Bier erzeugte, bis die Strategen der Planwirtschaft darauf verfielen, den Getränkequell umzuwidmen; statt brauen nun schustern. Die Schuhfertigung wurde allerdings keine Erfolgsgeschichte und war inzwischen eine so ferne Vergangenheit, dass die jungen Leute nichts davon wussten. Betrübt vermerkte er: „Ringsumher wird Null Komma nichts noch hergestellt, nur Krämerei gibt es in Hülle und Fülle.“ Dass man in der Nähe des Krähenparadieses die mürbe Begrenzungsmauer abgerissen und eine Tankstelle hingestellt hatte, behagte ihm nicht. Und ihm missfiel, dass die Kraftstoffe schon wieder teurer geworden waren. Die Preistreiberei der Ölkonzerne musste ihn zwar nicht jucken. Sein Wägelchen hatte er vor Jahren verkaufen müssen, weil er es nicht mehr unterhalten konnte.
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