Rolf Meiner schenkte Baumann einen abschätzenden Blick. Dabei kratzte er sich am Rücken. Er hatte einen Sonnenbrand und pellte sich. Er war erst vor zwei Tagen von einem einwöchentlichen Urlaub auf Mallorca zurückgekehrt und seine Haut besaß noch die gleiche Farbe wie seine Haare, -rot. Er wollte gerade mit seinem Bericht beginnen, da schien Von Sanden es sich anders zu überlegen.
„Ach was, las gut sein Rolf. Hier nimm dieses Blatt, Peter und lies selbst.“
Er reichte Baumann ein Fax, welches an ihn persönlich gerichtet war und von der deutschen Botschaft in Lima stammte. Peter Baumann nahm die Nachricht an sich und las. Der Text war kurz und knapp gehalten.
„Deutscher Diplomat in einem Penthouse tot aufgefunden. Augenscheinlich wurde er ermordet. Erbeten Anweisung bezüglich weiterem Vorgehens.“
Peter Baumann überflog die Nachricht noch einmal und spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Der Tag hatte gerade erst begonnen und schon fühlte er sich seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen. Und es kam noch schlimmer. Er verstand Von Sandens Reaktion, als er den Rest der Geschichte zu hören bekam. Demnach war der Diplomat Robert Werner von einer Frau gefesselt und kopfüber an der Zimmerdecke hängend gefunden worden.
„Von einer Nutte“, fügte Rolf Meier schnell hinzu. Ich habe bereits mit den Kollegen in Lima telefoniert. Äh natürlich nicht ich selbst, sondern unser Dolmetscher. Sie wollen auf Bitten der deutschen Botschaft die Angelegenheit noch eine Zeitlang geheim halten.“
Jetzt wusste Baumann worum es ging. Eine hochrangige Persönlichkeit war ermordet und von einer Prostituierten tot aufgefunden worden. Diese Tatsache stellte nicht gerade die beste Art von Publicity dar und nun suchte man händeringend nach einem Ausweg, beziehungsweise nach einer Geschichte, die man der Öffentlichkeit präsentieren konnte. Aber genau das war das Problem mit dem berühmt sein. Man musste sich andauernd mit der Presse herumschlagen und die achteten peinlichst darauf, dass man sich keinen Fehltritt leistete. Und Mord war ein verdammt großer Fehltritt.
„Ich will ganz ehrlich zu dir sein, mein lieber Baumann. Wie du weißt, stehen in diesem Jahr Bundestagswahlen an. Da können wir keine Negativpresse gebrauchen. Du verstehst doch sicher, was ich meine?“
Das tat er allerdings. Man brauchte auch nur eins und eins zusammen zu zählen. Die Regierungskoalition hing an einem seidenen Faden und die Umfragewerte lagen im Keller. Robert Werner war ein Vertrauter des Bundeskanzlers. Die Nachricht von seiner Ermordung würde wie eine Bombe einschlagen. Besonders dann, wenn wie in diesem Fall Prostitution und zweifelhafte Sexpraktiken mit im Spiel waren. Baumann verstand jedoch noch nicht, welchen Part man ihm in dieser Angelegenheit zugedacht hatte. Doch das sollte sich sogleich ändern.
Staatssekretär Von Sanden räusperte sich. „Also dann Peter, jetzt weißt du im Großen und Ganzen worum es geht. Was wir jetzt am dringendsten benötigen, ist jemanden vor Ort, der diesen Fall für uns ins rechte Licht rückt.“
Baumann sah seinen Vorgesetzten verdutzt an.
„Sie wollen den Vorfall verschleiern “, dachte er.
„Selbstverständlich wollen auch wir, dass der Fall untersucht und der Mörder von Robert Werner gefasst und bestraft wird. Nur möchten wir verhindern, dass gewisse Einzelheiten ans Licht der Öffentlichkeit geraten. Sind wir da einer Meinung?“
Die anwesenden Herren stimmten ihm zu. Nur Baumann hielt sich etwas zurück.
„Selbstverständlich werde ich sofort eine Gruppe von Spezialisten zusammenstellen und nach Peru schicken“, sagte Rolf Meier. Von Sanden blickte ihn scharf an, dann donnerte er los.
„ Das ist genau das, was ich befürchte Rolf! Um Gotteswillen kein ganzes Team! Hier geht es um Geheimhaltung verdammt noch mal und außerdem müssen wir die Souveränität eines fremden Landes respektieren. Die Peruaner werden wenig begeistert sein, wenn wir eine ganze Horde von Spürnasen nach Lima schicken. Nein, wir brauchen nur einen einzigen Mann. Doch der muss sich in dem südamerikanischen Land bestens auskennen, gewisse ermittlungstechnische Fähigkeiten mitbringen und vor allem Spanisch sprechen. Und hier kommst du ins Spiel, Peter. Ich erwarte von dir, dass du mir diesen passenden Mann bringst, hast du verstanden?“
Peter Baumann zuckte zusammen. Unsicher betrachtete er die kleine Runde. Er wusste, hier ging es um Macht, Politik und Einfluss. Damit kannte er sich nur wenig aus. Und trotzdem begriff er, was für ihn auf dem Spiel stand. Der Staatssekretär hat sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, als er nur von einem Mann gesprochen hatte. Und wo soll ich diesen Spezialisten jetzt bitte schön auf die Schnelle her bekommen?“
Er hob den Blich und starrte auf das Gemälde mit dem lächerlichen Stilleben, welches genau über Big Daddys Kopf an der Wand hing.
„Claudio Guerrero“, hörte er sich auf einmal leise sagen.“
Staatsekretär Von Sanden blickt ihn erstaunt an.
„Ach du hast schon jemanden im Auge? Na das ist ja prima. Eigentlich wollte ich dir noch mit auf den Weg geben, dass die Sache eilt. Wer ist denn dieser Claudio Guerrero?“
„Ein Schriftsteller aus der Eifel.“
Von Sanden verdrehte die Augen.
„Wie bitte? Ein Journalist und dann auch noch aus der Eifel? Genau aus jener Gegend, wo man nichts aber auch gar nicht geheim halten kann?“
Baumann zuckte mit den Schultern, ließ sich jedoch nicht beirren.
„Ich denke, dass Guerrero der richtige Mann für uns ist. Er hat lange Zeit in Peru gelebt und kennt Land und Leute wie aus dem FF. Selbstverständlich spricht er die Landessprache und nicht nur das! Er versteht sich sogar in Quetschua, der alten Inkasprache, denn genau die sind im Übrigen sein Steckenpferd.“
Staatssekretär Von Sanden blickte ihn ziemlich ratlos an.
„Naja mein Freund, das ist ja alles gut und schön, aber was wir brauchen, ist ein Ermittler, einen richtigen Spürhund, sozusagen!“
„Eben, Claudio Guerrero! Das sagte ich doch bereits. Er hat sogar für peruanische Institutionen gearbeitet. Und warum soll ein Reisejournalist nicht auch ermitteln können? Das widerspricht sich doch keinesfalls.“
„Und im Moment macht er was?“
„Er sitzt in der Eifel und schreibt für irgend so ein Heimatblatt. Als ich ihn das letzte Mal traf, sah er nicht gerade glücklich aus. Vielleicht ist es genau so eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihn wieder in die richtige Spur bringt.“
„Na dann sehen wir uns den Wunderknappen doch einfach einmal an“, schlug Von Sanden vor. Peter Baumann musste sich zusammenreißen, um nicht auf der Stelle laut loszubrüllen. Claudio Guerrero war alles, bloß kein Wunderknabe.
Sie trafen ihn im Onkel Nestor, einer urgemütlichen Eifel-Gaststätte, die es schon seit vielen Generationen gab. Baumann wusste, dass Claudio fast jede freie Minute in diesem Lokal verbrachte. Ursprünglich einmal hatte das Gebäude unter Denkmalschutz gestanden, allerdings war das Lokal seit seiner Entstehung durch unzählige Umbau- und Restaurationsarbeiten stetig verändert worden. Sein momentaner Besitzer war ein Kunstsammler aus dem Ruhrgebiet mit dem Namen Elias. Er hatte die Gaststätte kurzerhand in eine Art Galerie verwandelt. Überall standen antike Möbelstücke und Sitzgelegenheiten verschiedenster
Epochen herum und an den Wänden hingen antike Ölgemälde, Masken und Fotografien. Das einzige was heute noch unter den Denkmalschutz fiel, war die eigentümliche Kundschaft, die aus ausnahmslos aus wahrhaftigen Eifelanern bestand.
Claudio Guerrero saß auf einem zierlichen Luis XIV Stuhl hinter einem kleinen runden Ecktisch und trank einheimischen Rotwein. Elias stand hinter dem geräumigen Tresen und zapfte Bier. Auf einmal deutete er auf die Eingangstür, der sich gerade zwei vornehm gekleidete Herren näherten. Sie betraten den Schankraum und grüßten freundlich, aber niemand außer dem Wirt grüßte zurück. Die Einheimischen starrten die Neuankömmlinge an. Deren Kleidung war teuer, um nicht zu sagen luxuriös. Allein ihre Schuhe durften mehr gekostet haben, als all das, was die meisten Besucher am Leibe trugen. Und sie waren auf Hochglanz poliert, die Bügelfalten ihrer Hosen messerscharf, die dazu passenden Jacken aus hochwertigem Material und natürlich gänzlich ohne jedes Stäubchen. Gewohnt selbstsicher passierten sie die alte rote Telefonkabine aus England, die Elias zu Dekorationszwecken seitlich der Eingangstür aufgestellt hatte und näherte sich dem kleinen Ecktisch.
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