„Nein. Ich hatte eine Beziehung und dafür bin ich extra in die Eifel gezogen. Aber…das verstehen Sie nicht. Er schluckte. Wollen wir nicht du zueinander sagen?“ Er hätte am liebsten ihre Hand genommen, aber irgendwie empfand er diese Geste in diesem Augenblick als unpassend. Die Kellnerin kam und brachte den Pisco in einer Karaffe.
„Einen kleinen Moment noch. Die Salate kommen gleich“, sagte sie und war schon wieder verschwunden. Capitana Garcia sah ihn eine Weile an. Mit ihrer rechten Hand berührte sie ganz leicht seine Finger.
„Ich heiße Janeth“, sagte sie und irgendwie kam es ihm so vor, als sei ihre Stimme etwas rauer geworden.
„Angenehm, und ich Claudio“, erwiderte er und zog ganz leicht seine Finger zurück. Dann lächelte er sie an und fragte: „Bist du dir mit dem Ceviche auch wirklich sicher? Was, wenn dir wieder schlecht wird?“
Janeth lächelte zurück. „Dann verschwinde ich eben schnell auf die Toilette und… danach geht es mir wieder gut.“ Claudio schüttelte den Kopf.
„Du bist schon ein wenig verrückt Janeth.“
Sie lachte. Es war ein herrliches breites Lachen. Er bemerkte es sofort.
„Das Lachen steht Dir wirklich gut, aber ich nehme an, es gibt für dich nicht immer einen Grund zum Lachen?“
Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und blickte ihn noch intensiver an. Ihr Lachen war verschwunden. „Bei dem Job“, sagte sie leise. „Es gibt immer mehr Kriminalfälle und immer weniger Personal. Das bedeutet Überstunden, Überstunden und nochmals Überstunden.“
Er wollte etwas erwidern, aber die Kellnerin kam und brachte die Salate.
„Entschuldigung, aber in der Küche ist plötzlich der Teufel los. Habe ich noch etwas vergessen?“ Janeth und Claudio schüttelten beide ihre Köpfe. Die Kellnerin füllte ihre Gläser bis zur Hälfte. „Ich hoffe, der Pisco schmeckt ihnen. Bitte melden Sie sich einfach, wenn Sie etwas benötigen.“
„Vielen Dank, das machen wir“, sagte Janeth Garcia bevor sie sich wieder ihrem Begleiter zuwandte.
„Was genau ist dein Job in Deutschland?“ wollte sie wissen.
„Eigentlich bin ich Schriftsteller, Reiseschriftsteller.“
„Oh, du schreibst? Und wie bist du dann ausgerechnet an den Job hier gekommen?“
„Sagen wir, weil ich Land und Leute kenne?“
„Wie, du bist schon einmal in Peru gewesen?“ Ihr Gesichtsausdruck heuchelte Überraschung.
„Aber sicher. Sonst hätte man wohl kaum ausgerechnet mich hierher geschickt.“
„Aber als Ermittler machst du dich auch ganz gut. Wirklich, ich bin beeindruckt. Hast du da bereits einschlägige Erfahrungen sammeln können?“
„Das kann man wohl so nennen. Ich war einige Male für das INC tätig.“
„Was du nicht sagst. Für das Instituto Nacional de Cultura? Ist es dabei vielleicht um Kulturgüter gegangen?“
„Jip, ganz genau. Die sind sozusagen mein Steckenpferd“, bestätigte er.
„Der Schwarzmarkt für Ausgrabungsgegenstände wächst hier genauso schnell wie die Prostitution“, ergänzte sie.
„Und Pädophile?“
„Die gibt es hier leider auch. Vor ein paar Jahren haben wir einen Pornoring ausgehoben. Glaub mir, die Fotos die wir dabei gefunden haben, möchtest du nicht sehen. Erwachsene die es mit Kleinkindern treiben und so weiter. Aber die sitzen jetzt alle hinter schwedischen, äh peruanischen Gardinen und außerdem kann ich mir kaum vorstellen, dass dies etwas mit unserem aktuellen Fall zu tun hat. Warum haben wir dieses Thema überhaupt angesprochen?“
„Na weil Mosquera etwas raus gelassen hat. Unser toter Beamter soll Kontakte zu kleinen Mädchen unterhalten haben.“
Sie saßen eine Weile zusammen, stocherten in ihren Salaten herum, und sprachen kein Wort. Bis…
„Claudio, ich…“
„Ist schon in Ordnung Janeth. Ich mache dir ja überhaupt keinen Vorwurf. Sonja kam und stellte lächelnd das Essen auf den Tisch.
„Ceviche für die Dame und eine Portion Seezunge mit Kartoffeln für den Herrn.“
Claudio schenkte seiner Begleiterin einen skeptischen Blick. „ Guten Appetit Janeth.“ Schweigend begannen sie zu essen.
„Wie ist deine Seezunge?“ erkundigte sie sich nach einer Weile.
„Danke, gut.“
Wieder aßen sie schweigend. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Laut schlürfte sie ihren Pisco Sour. Claudio schaute sich um, aber keinen der anderen Gäste schien das groß zu stören. Andere Länder, andere Sitten.
„Habt ihr das Messer untersucht?“ fragte Claudio, während er seinen Fisch zerteilte.
„Ja, haben wir. Es sind keine Fingerabdrücke vorhanden. Und bei dem Messer selbst handelt es sich um ein gewöhnliches Jagdmesser. Die kannst du auf jedem Markt gleich im Dutzend kaufen.“
„Also kein Ritualmesser oder so etwas?“
Janeth schaute ihn verblüfft an.
„Ich glaube du schaust zu viele Abenteuerfilme, mein Lieber.“
Er ließ ihren Kommentar unbeantwortet und widmete sich ganz seiner Seezunge. Vorsichtig öffnete er den Fisch und zog den mittleren Knochen heraus. Dann schnitt er eine der beiden Fischhälften in kleine Happen und stopfte sie nach und nach in seinen Mund. Die Seezunge war hervorragend.
„Wir sollten wirklich keine Probleme herbeireden“, sagte sie nach einer Weile und prostete ihm zu.
„Das hat meine Mutter auch schon gesagt. Gott sei ihrer Seele gnädig.“ Erwiderte er, nippte an seinem Pisco Sour und beobachtete sie dabei, wie sie den rohen Fisch mit Zitronensaft beträufelte und ihn dann verschlang.
„Janeth, ich hoffe du weißt was du da tust. Geht es dir gut?“
„Sehr gut, Claudio. Wirklich sehr gut.“ Sie kaute, was das Zeug hielt.
„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“ Sonja war wieder aufgetaucht.
„Kaffee vielleicht, oder einen Dessert?“
„Möchtest Du Roger?“
Er schüttelte den Kopf. „Für mich nicht mehr, danke.“
„Dann bringen Sie uns bitte die Rechnung Sonja.“ Die Kellnerin notierte rasch, was sie verzehrt hatten und addierte den Betrag. Janeth bezahlte und gab ihr ein kräftiges Trinkgeld. „Geht eh alles auf Spesen der Abteilung“, gurrte sie.
„Vielen Dank Senora. Ich hoffe Sie beehren uns bald wieder“, sagte Sonja und fing an den Tisch abzuräumen.
Noch während sie zum Parkplatz gingen, donnerte es und über den Ausläufern der Stadt zuckten die ersten Blitze. Sie blickten beide zum Himmel und berechneten im Geiste, zu welchem Zeitpinkt der Regen losbrechen würde.
„Habt ihr schon eine Theorie, wer der Mörder sein könnte?“, fragte Claudio, als er zu ihr in den Wagen stieg.
„Mehrere“, sagte sie kurz und knapp. „Da wäre zunächst die Prostituierte, der Hausmeister oder Reynaldo Mosquera selbst. Vielleicht haben sie es sogar zusammen getan.“
„Du meinst Mosquera und die Nutte?“
„Das wäre doch immerhin möglich.“
„Und was für ein Motiv sollen die beiden gehabt haben?“
„Na das liebe Geld natürlich.“
„Aber weshalb haben sie ihn an die Decke gehängt? Und was ist mit den vielen Verletzungen. Sieht mir doch eher nach einem Sadisten oder nach einem Ritualmörder aus.
„Eben, das soll es ja auch! Um von einem Kapitalverbrechen abzulenken.“
„Mm… wirklich seltsame Theorien habt ihr hier. Ist es nicht so gewesen, dass der Tote sogar noch ein paar Geldscheine in seiner Tasche hatte?“
Janeth sah ihn erstaunt an. „Du weißt aber verdammt gut Bescheid, mein Lieber.“
„Wie? Ach so. Das ist doch schließlich auch mein Job.“
Sie starte den Wagen und fuhr los. Der Regen, der dann einsetzte, unterband jegliche Konversation. Im Innenraum des Fahrzeugs war eine Zeit lang nichts zu hören, außer dem rhythmischen Geräusch der Scheibenwischer. Zwischendurch schaltete sie das Radio ein. Radio Romantica brachte eine Schnulze, aber sie sang nicht mit. Das unbehagliche Schweigen hielt an, bis Janeth das Auto in die Einfahrt zu seinem Hotels lenkte. Claudio wollte sich gerade von ihr verabschieden, da fiel ihm noch etwas ein. „Weißt du vielleicht von Urvölkern oder alten Kulturen, die ihre Opfer mit dem Kopf nach unten aufgehängt haben?“
Читать дальше