- „Das Gedicht ist nicht nur eine Gnade, sondern auch Praxis, Bastelei, wenn ihr wollt Kunsthandwerk, sorgsame Aufmerksamkeit und Geschick.“
Auf dem zum Fenster hin gelegen Teil unseres Esstischs steht ein Adventskranz. Zwei seiner vier weißen Kerzen haben heute Abend gebrannt. Als ich sie gelöscht hatte, empfand ich ihren Anblick plötzlich als traurig. Mir war, als wüssten sie schon von Golgatha.
Heute Nacht geträumt, einen Rollkragenpullover mit hohem Kragen zu tragen. Glaubte, dadurch ein markantes Kinn zu bekommen. Ich fühlte mich wieder jung.
Danach ein sexueller Traum. G. steckte mir einen Trinkhalm in den Mund. Anschließend küsste sie um ihn herum meine Lippen ab.
Wieder in dem Buch „1913“ von Florian Illies gelesen. Es besteht aus einer großen Anzahl von kurzen Texten, die mosaikartig ein Bild des Jahres „1913“ ergeben. Neben vielen anderen Personen handeln sie zum Beispiel von Thomas Mann, Franz Kafka, Franz Marc, aber auch von Hitler und Stalin. Die Texte sind so interessant geschrieben, dass man nicht mehr aufhören möchte, sie zu lesen. Hatte mir deshalb vor einiger Zeit nach meiner Lektüre der digitalen Leseprobe von „1913“ gleich den Gesamttext dieses Buchs auf mein Lesegerät heruntergeladen. Von dem Autor Florian Illies hatte ich vorher noch nichts gelesen.
Auch heute kam mir wieder ein Satz von Karl Kraus in den Sinn, auf den ich in „1913“ gestoßen war. Er lautet wie folgt:
„Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.“
Kraus bezieht sich hier auf Franz Werfel. Zunächst hatte er die Gedichte Werfels gerühmt. Doch dann äußerte sich Kraus von dem Augenblick an über sie abfällig, als er erfuhr, dass Werfel über Sidonie Nádherný Gerüchte verbreitete. Diese Frau war damals Kraus’ Geliebte.
Musste bei dem Satz von Kraus daran denken, dass ich seit langem schon keinen Text von Peter Handke mehr lesen kann. Dass sich letzterer nach wie vor nicht von seiner Parteinahme für Milošević distanziert hat, erbittert mich immer noch zu sehr, als dass ich mich auf einen Text von ihm einlassen könnte.
Noch eine weitere Stelle aus „1913“ fiel mir heute wieder ein. In ihr sagt Döblin über die Kokotte: „Die Sexualorgane sind ihre Betriebswerkzeuge.“ Habe mich bei diesem Zitat sofort an Kants berühmt-berüchtigte Definition der Ehe erinnert, in der er vom „Besitz“ der „Geschlechtseigenschaften“ spricht. Sollte die Ehe bei Kant also nur eine verkappte Form von Prostitution sein?
Zwei Bilder, mit denen ich mich einmal näher beschäftigen möchte:
- „Wölfe (Balkankrieg)“ von Franz Marc
- “Berliner Straßenszene“ von Ludwig Kirchner
Heute in einem Zeitungsartikel gelesen, dass es nach 1945 in Polen Pogrome gegen Juden gegeben hat. Die damals herrschenden polnischen Kommunisten unternahmen dagegen nur wenig. Warum? Sie wollten nicht, so der Artikel, dass die Polen in ihnen Anwälte jüdischer Interessen sähen.
Hier einige Regieanweisungen aus Stücken Schillers:
mit zerstörtem Gesicht, mit großer innerer Bewegung, mit schmerzvollem Lächeln, mit ungewissem Blick, einen schmelzend ansehen, weichmütig, krampfig, schäumend, mit Befremden umhersehen, mit vollem Blick
Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Der Trubel in der Stadt ist deshalb sehr groß. Mitten im Gedränge fiel mein Blick einmal auf einen nahe gelegenen Kirchturm. Er kam mir plötzlich höher vor als sonst.
Heute früh am Morgen wieder einen Teller Müsli mit Sojamilch und etwas Wasser zum Frühstück gegessen. Anschließend auf dem Wohnzimmersofa eine Tasse Kaffee ohne Milch und Zucker getrunken. Dazu einige Kekse gegessen, die ich wie auch sonst immer vor jedem Biss in den Kaffee getunkt habe.
Später vom Sofa aus noch eine kurze Weile beobachtet, wie sich das kahle Geäst des Baumes vor einem Teil unseres Fensters sacht im Wind bewegte. Die Dunkelheit, die jetzt frühmorgens draußen herrscht, wird bei uns teilweise aufgehellt durch das Licht der Straßenlaternen hier in der Nähe.
Einem unaufmerksamen Kind eine kleine Mappe mit Zetteln entrissen und sie ihm dann an den Kopf geworfen. Ich bin erleichtert, als ich sehe, dass ich das Kind nicht verletzt habe. Dann plötzlich die Angst in mir, es könnte den Vorfall trotzdem dem Direktor melden. Nach dem Aufwachen jedoch wieder erleichtert: Ich hatte alles nur geträumt.
In der Mittagspause die Idee zu einem Essay über den Begriff „Ruhe-stand“. Er soll darin abgegrenzt werden von einer Art Stand-by-Betrieb, d.h. einem Zustand, in dem ein Mensch zwar beruflich nicht tätig ist, aber stets damit rechnen muss, wieder zu einer beruflichen Aktivität aufgefordert zu werden. Wo immer er sich auch aufhalten mag, er ist heute durch sein Smartphone oder Tablet-PC jederzeit leicht erreichbar. Dabei wird von ihm verlangt, möglichst prompt auf eine Nachricht zu reagieren. Er vermag so nicht mehr wirklich zur Ruhe zu kommen.
In diesem Zusammenhang böte sich ein Zitat von Nietzsche an:
„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus.“
Nietzsche fordert deshalb, „das beschauliche Moment in großem Maße zu verstärken.“
In dem Essay sollte auch auf den Titel eines Buches von Cees Nooteboom eingegangen werden. Er lautet in deutsche Übersetzung: „Das Paradies ist nebenan“. Dieser Titel könnte dann mithilfe eines Grundgedankens der Philosophie Schopenhauers erläutert werden, dem zufolge jeder, der sich Zeit nimmt, gründlich über sich und die Welt nachzudenken, in eine Art paradiesisches Jenseits gelangt, das nicht mehr vom blinden Willen beherrscht wird.
Mehrere Rilke-Gedichte gelesen. Rilke richtet sich darin gegen jede Form von Verdinglichung. So etwa in diesen beiden Versen:
„Alles Erworbene bedroht die Maschine, solange/ sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein.“
Nimmt Rilke hier nicht Heideggers „Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt“ vorweg, also Heideggers „Gelassenheit zu den Dingen“?
In einem von Rilkes „Briefe(n) an einen jungen Dichter“ auf eine Textstelle gestoßen, die vom Missbrauch der Sexualität handelt. Sie lautet wie folgt:
„Das Geschlecht ist schwer; ja. (…) Die körperliche Wollust ist ein sinnliches Erlebnis, nicht anders als das reine Schauen oder das reine Gefühl, mit dem eine schöne Frucht die Zunge füllt; sie ist eine große unendliche Erfahrung (…) Und nicht, dass wir sie empfangen, ist schlecht; schlecht ist, dass fast alle diese Erfahrung missbrauchen und vergeuden und sie als Reiz an den müden Stellen des Lebens setzen und als Zerstreuung statt als Sammlung zu Höhepunkten.“
Den meisten geht es also nach Rilke letztlich gar nicht um Sex, sondern nur um Zerstreuung. Sollte dies zutreffen, so wäre allem Anschein zum Trotz die derzeitige Sexualisierung im Grunde asexuell.
Der Himmel heute Nachmittag blau und sonnig. Lediglich hier und dort standen an ihm kleine Wolken. Sie erinnerten mich an weiße Kristalle.
Am Morgen im Autoradio die Mitteilung, dass heute am 12.12.12 besonders viele Paare heiraten. In den Fernsehnachrichten am Abend ein Bericht über eine Frau, die sich eigens für den 12.12.12 als Termin für eine Kaiserschnitt-Entbindung ihrer Zwillinge entschieden hatte. „Jetzt“, dachte ich, „schlägt’s aber dreizehn!“
Während ich heute Morgen auf dem Sofa meinen Kaffee trank, im schwachen Licht der Straßenlaterne dabei zugesehen, wie es draußen wieder schneite. Bei jedem Windstoß wurden die fallenden Flocken zur Seite geschleudert. Ein kleines Naturschauspiel. Sein Titel? „Macht und Ohnmacht“
Heidegger „Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein“ liegt auch dem zugrunde, was gemeinhin „Soziale Marktwirtschaft“ genannt wird. Deren Befürworter sagen Ja zum Kapitalismus als einer innovativen, effektiven Produktionsweise und zugleich auch nein zu ihm, sofern er aufgrund des mit ihm verbundenen Profitdenkens in einen Widerspruch gerät mit einem humanen Allgemeinen. Zu einem solchen Nein ist ein einzelner jedoch nur in der Lage als ein Citoyen, der sich den Ideen der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – verpflichtet weiß. Da das Kapital aber heutzutage mehr denn je weltweit operiert, können es letztlich erfolgreich auch nur die aufklärerisch gesinnten Citoyens aller Länder bzw. deren Vertreter auf die Bedingung eines besseren Allgemeinen festlegen. Ein wie auch noch immer unzulänglicher Ansatz dazu sind etwa die internationalen Konferenzen, auf denen es um Maßnahmen gegen die negativen Auswirkungen des derzeitigen kapitalistischen Wachstums auf das Weltklima geht. Scheitert die soziale Kontrolle des Kapitalismus, so droht, wie schon Hegel erkannt hat, eine Zerstörung der Gesellschaft.
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