5 Vorstellung als Fähigkeit 95 5 Vorstellung als Fähigkeit Ein besonders wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit Betrug ist unsere Vorstellungsfähigkeit. Was können wir uns vorstellen, was nicht? Vor kurzem telefonierte ich mit meiner Tante. Sie ist jetzt Mitte 70. Ihr Leben war kein Zuckerschlecken, aber echte Not kennt sie auch nicht. Sie erzählte mir, dass sie gerade ein Buch liest von einer Frau, die als Häftling im KZ war und auch anschließend noch manchen Krieg, Vertreibung und Not erlebte. Ich erzählte ihr, dass ich wenige Tage zuvor mit Milanomi („peace brigades“) zusammen war und ihre friedensstiftende Arbeit großartig finde! Meine Tante kommen-tierte: „nur weil es das viele Schlimme gibt, gibt es auch diese guten Menschen...“ Ich hasse es, wenn Schlechtes „schön geredet“ wird. Darum explodierte ich. Höflich: „so reden die, die selbst noch nichts Schlimmes erlebt haben und nur Bücher darüber lesen“, sagte ich, „das Schlimme ist so schlimm, darauf könnten wir gut verzichten, und die guten Menschen wären trotzdem gut!“ Sie hörte mir zu. Sie dachte mit. Sie sagte: „da wirst du recht haben.“ Danke
6 Gewissen • Gehorsam 110 6 Gewissen • Gehorsam Nun zu vier Hauptaspekten in Bezug auf unsere Fragestellung das Gewissen die Verantwortlichkeit die Macht der Gehorsam Diese vier Aspekte hängen direkt miteinander zusammen.
7 Menschenbilder 134 7 Menschenbilder Der Pfarrer in der Kirche, die Leiterin des Gymnasiums, der Polizist im Streifenwagen, die Bäckereiverkäuferin und der Autoverkäufer, BriefträgerInnen, RichterInnen usw: alle haben ihr individuelles Menschenbild, ihre Vorstellung vom Menschen, wie der Mensch ist, innerlich: was ihn motiviert, bewegt, ihm gut oder schlecht tut. Darüber gibt es manch theoretischen Streit, und am besten verstehen sich Menschen mit dem gleichen Menschenbild. Das Menschenbild ist Teil unseres Weltbildes. Alle Menschenbilder spiegeln Teilaspekte der menschlichen Realität, erfassen jedoch meist nicht ihre gesamte Komplexität. Mit den meisten Menschenbildern kommt jedoch jedeR früher oder später an die Grenzen des Erklärbaren. Dann hören wir gewöhnlich wieder auf, darüber nachzudenken, und gehen zur Tagesordnung über. Das ist möglich – solange das Leben funktioniert. Funktioniert es nicht mehr, wird's problematisch: dann kommt's drauf an, aufs Menschenbild! Auf's allgemeine Menschenbild ebenso wie auf's Selbstbild.
8 Die DESTRUKTIVEN 173
9 Differentialdiagnostik • DESTRUKTIVE 220
10 Die Betroffenen • die Opfer 238
11 Heilung 298
12 Täter im Betrugsgeschehen 422
13 Der Betrugsmechanismus 440
14 DESTRUKTIVE im Machtgefüge 448
15 Das juristische System 562
16 Forderungen • Ausblicke 623
Abschied 658
Anhang 660
Literatur und weblinks 667
Sie sind Betrugsopfer geworden? Oder Ihre Freundin, Ihr Bruder, Ihr Nachbar? Sie wissen nicht, was Sie jetzt machen sollen? Wo Sie Rat finden, welchen Rat Sie geben können? Dann halten Sie mit diesem Buch Ihre „erste Hilfe“ in den Händen.
Sie sind kein Betrugsopfer? Sie kennen auch keines? Dann lesen Sie unbedingt dieses Buch. Denn auch Sie kann es treffen. Vielleicht sind Sie sogar unbemerkt mitten drin... in einem Betrugsgeschehen.
Betrug kann jedeN treffen
Betrug zerstört Leben und Menschen
Das ist schlimm
Wie viele Betrugsopfer gibt es pro Jahr in Deutschland? Niemand weiß es. Ein paar grob geschätzte Zahlen stehen verloren im Raum. Statistiken werden nicht geführt. Bei Heiratsschwindel ist von geschätzten ca. 10.000 Opfern pro Jahr die Rede. In den 90er Jahren wurden ca. 300.000 Deutsche nachweislich zu Opfern von Immobilienbetrug, Dunkelziffer offen. Als die aktuelle „Krise“ begann, füllte der „Banken-betrug“ einige Tage die Schlagzeilen in der aufgebrachten Medien. Dieser treffende Begriff wich bald der „Bankenkrise“, später noch allgemeiner auf „Krise“ reduziert. Das ändert nichts an der Unzahl von Opfern, die sie produziert hat und nachhaltig produziert. Auch Spendenbetrug kommt immer wieder in die Schlagzeilen mit Summen in Millionenhöhe – doch keine zentrale Stelle führt Buch. Es sind viele – sehr viele – und wenn Sie noch nicht dazu gehören, könnte es Sie jederzeit treffen.
Betrugsopfer verlieren oftmals etwas, häufig viel – und manchmal alles. Das kann sein: Geld und Vermögen, Haus und Einrichtung, Existenz, Beruf und Geschäft, Erarbeitetes, Erspartes und Geerbtes, Auto und Familie, Selbstbewusstsein und Gesundheit oder gar das Leben. Sogar Millionäre können plötzlich obdachlos sein. Nicht einmal das Hartz4-Amt hilft weiter. Oder Sie gehen zur Beerdigung in der Nachbarschaft: Suizid (Selbstmord).
Wie kommt das? Was ist geschehen? Niemand scheint es wirklich zu wissen. Psychologen haben keine Bücher darüber. Juristen auch nicht. Laienratgeber, Selbstshilfegruppen, öffentliche oder kirchliche Beratungsstellen – die gibt es für Sucht und Gewalt, für entlassene Straftäter und für alles mögliche – doch Betrugsopfer suchen vergeblich nach Unterstützung. Wohin sie sich auch wenden: „wir sind nicht zuständig!“ hören sie überall. Im besten Fall klingt das bedauernd, häufig aber gereizt und abwehrend.
Betrug ist ein komplexes Thema. Meine Herangehensweise ist ganzheitlich, mit Kopf und Herz und Bauch. Das kann und will ich nicht trennen. Es ist mein Anliegen, das komplexe Thema „Betrug“ nicht einseitig zu behandeln, sondern aus allen mir zur Verfügung stehenden Perspektiven zu beleuchten. Das schließt thematische Überschneidungen ein, und einige Wiederholungen sind nicht vermeidbar. Zum Beispiel wird die Traumatisierung sowohl im Zusammenhang mit Opferschäden thematisiert als auch in Bezug auf den entwicklunspsychologischen Aspekt der Tätermotivation. Manchen wird bekannt sein, was anderen neu ist, ob Information oder logische Verknüpfungen.
Nicht alle Themen werden für die gesamte Leserschaft gleichermaßen von Interesse sein. Die mündige Leserschaft wählt ihre individuellen Schwerpunkte aus.
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Geboren 1958
Beruf Hebamme, Psychotherapeutin
Familie Kinder
Ehrenamt soziales Engagement, Menschenrechte
Opfer von Betrügern sind meine Hauptzielgruppe. Darum stelle ich mich Betrugsopfern als Betrugsopfer vor. Auch für Angehörige der Betrugsopfer, für ihre Nachbarn und Freunde sowie helfende und begleitende Berufsgruppen ist das der beste Einstieg ins Thema.
Ich stelle mich als Betrugsopfer vor
Mein Name ist Hedwig, Hedwig v.Knorre.
ICH WAR OPFER EINES BETRÜGERS.
„Mein Betrüger“ hieß Jochem, mit vollem Namen Hans-Jörg Wondreck. Ich erlebte ihn liebenswert und vertrauenswürdig. Darum liebte ich ihn, darum vertraute ich ihm.
Doch seine Liebenswürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit war Theater, hohe Schauspielkunst. Erst nach über drei Jahren kam das ans Licht. Da war er plötzlich weg. Er hinterließ Chaos, Desaster, Armut und Verwirrung – im Schock.
Das geschah im Juni 2003. Ich zeigte ihn bei der Polizei an. Die wollte keine Anzeige aufnehmen. Die deutsche Justiz lachte mich aus , war wütend auf mich – und erklärte nicht ihn, sondern mich für schuldig. Das war mir unbegreiflich. Das war der zweite Schock, der schlimmere Schock.
Brennende Fragen finden Antworten
Zweieinhalb Jahre hatte ich mit Jochem unter einem Dach gelebt, ganz normal gelebt. Nun war er plötzlich fort und ich fand heraus, dass er ein Betrüger war. Ich war wie vor den Kopf geschlagen – hatte keinen Boden mehr unter den Füßen – ich war fassungslos. Drei brennende Fragen leiteten mich durch die nächsten Monate und Jahre: WAS , WIE und WARUM ?
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