„Kann mir jemand von euch sagen, was ein Fjäl-Fräs ist?“, lenkte sie deshalb schnell vom Thema ab.
„Ein Fjäl-Fräs?“ Mama schüttelte den Kopf. „Also Rike, was du immer wissen willst!“
Nele meckerte wie eine Ziege, was Rike mit frostigem Blick quittierte.
Papa, der bisher ungerührt in der Zeitung las, bequemte sich nun doch, den Kopf über den Rand zu strecken. „Wenn du es schon nicht weißt, Rike, wer soll es denn dann wissen? Du schaust dir doch alle Fernsehsendungen über Tiere und Pflanzen an und liest im Lexikon von A bis Z darüber nach. Ich kann dir nur sagen, dass die deutsche Bezeichnung für den Fjäl-Fräs Vielfraß ist. Mehr weiß ich darüber leider auch nicht.“
Nach dem Frühstück fischte Rike ihr Tier-Lexikon aus einem Stapel Bücher und las:
Der Vielfraß gehört zur Familie der Marder. Sein Äußeres ist eine Mischung zwischen Bär, Marder und Hund. Er versprüht wie das Stinktier übelriechende Düfte und verfügt über einen sehr guten Geruchssinn. Der immer hungrige Vielfraß ist ein erbarmungsloser Jäger, der Hasen, Füchse und sogar Rentiere und Elchkälber erlegt. Größere Tiere tötet er, indem er ihnen auf Bäumen sitzend auflauert und sie heimtückisch im Sprung erlegt. Außerdem nimmt er Vogelnester aus und frisst gerne süße Beeren.
Die Beschuldigungen des Zaunkönigs konnten also stimmen. Rike fragte sich jedoch, ob Franjos Eltern es tatsächlich erlauben würden, ein gefährliches Raubtier als Haustier zu halten. Im Buch fand sie nichts darüber, dass Fjäl-Fräs auch Menschen angreifen würden, doch gerade das hatte der Zaunkönig behauptet.
Immer wieder ging sie die Traumfetzen durch, die ihr noch im Gedächtnis waren. Alles hatte vollkommen realistisch gewirkt. Rike zückte sogar ihren Atlas, doch sie fand keinen Ort, kein Land mit dem Namen Averda.
„Rike?“ Mama stand in der Tür. „Machst du Hausaufgaben?“
„Nein, noch nicht. Ich hab was nachgesehen. Aber ich fang gleich damit an.“
„Du, ich geh mal zu Oma Luise rüber. Sie hat eben angerufen. Sie fühlt sich ganz elend.“
„Oh. Was hat sie denn?“
„Ach, eine starke Erkältung.“
„Dann wünsch ihr gute Besserung von mir. Ich besuch sie bald mal.“
Oma Luise war nicht ihre wirkliche Oma, sondern eine ältere Dame aus der Nachbarschaft, aber die beste Ersatzoma, die man sich vorstellen konnte. Sie hatte früher auf Rike und Nele aufgepasst wenn Not am Mann war.
Oma Luise fand immer Zeit für sie, hatte stets ein offenes Ohr, wusste immer einen guten Rat, kannte jede Menge Hausrezepte gegen allerlei Wehwehchen und backte die besten Kuchen und Kekse. Sie liebte Kartenspiele, spielte „Mensch ärgere Dich nicht“ auch fünfmal nacheinander, ohne genervt auf die Uhr zu sehen und puzzelte mit ihnen um die Wette, zumindest dann, wenn sie ihre Brille auf der Nase hatte.
Außerdem besaß sie die zwei drolligsten Haustiere, die es auf der ganzen Welt gab. Minka, die weiße Katze mit drei schwarzen Flecken im Fell. Das rechte Ohr war schwarz wie Kohle, die linke, vordere Pfote und die Schwanzspitze ebenso. Und Schoko, der kniehohe Labradormischling mit kakaobraunem Fell und einem hellen Fleck auf der Brust.
Aber auch ohne die beiden Fellträger war Oma Luise die Beste.
Kaum hatte Mama die Haustüre hinter sich zugezogen, spazierte schon Nele in Rikes Zimmer, blieb vor dem Nachttischchen stehen und blätterte im Farbenbuch.
„Kann ich mir das hier mal ausleihen? Ich könnte es gut für Kunst gebrauchen. Da machen wir nämlich zurzeit …“
„Nein“, knurrte Rike und Nele verstummte augenblicklich.
Kapitel 3: Das Margeritenmädchen
Rike stand am Fenster. In dem alten, winterlich kahlen Kirschbaum im Garten konnte sie einen Raben ausmachen, der unentwegt zu ihr herübersah. Zumindest erweckte er den Anschein, genau das zu tun. Ein Rabe als Spion. Blödsinn! Sah sie nun schon am helllichten Tag Gespenster?
Eine Stunde später, nach einem Riesenschnitzel mit Pommes Frites, lag Rike faul auf dem Sofa, doch Papa machte dem ganzen einen Strich durch die Rechnung. „Wer solch fette Fritten isst, bald mehr an Bauch und Hintern misst. Darum machen wir jetzt einen Spaziergang und der wird ziemlich lang.“
Rike verkniff sich ein Grinsen, versuchte aber trotzdem mit fadenscheinigen Ausreden ein Daheimbleiben zu erreichen. Doch Papa ließ sich nicht erweichen. Auch Mama musste mit, obwohl sie sich noch viel heftiger als Rike dagegen wehrte.
„Halt, wartet auf mich, ich hole nur noch schnell meinen Rucksack!“, rief Nele. Ohne ihren Überlebensrucksack, wie Papa ihn nannte, ging Nele nicht aus dem Haus. In ihm transportierte sie ausnahmslos lebenswichtige Sachen, wie ein altes Universal-Klapptaschenmesser, das sie von Opa hatte, einen Block und Buntstifte, eine Taschenlampe, Kekse, eine Schnur, eine Trillerpfeife, ein Fernglas, Haargummis, Taschentücher …, nun ja, eben alles, was in einen Überlebensrucksack hineingehörte.
Der Kinderwanderweg war an diesem grauen Novembertag einsam und verlassen. Trotzdem stritten sich Rike und Nele an den Mitmach-Stationen darum, wer als Erste dran war.
„Das nächste Mal darf aber dann ich“, nörgelte Rike.
„Seht mal, da vorne ist jemand!“, rief Nele.
„Na und.“
„Aber guckt mal wie die aussieht!“
Eine Frau stand etwa hundert Meter von ihnen entfernt.
„Uih, ist denn schon wieder Fasching?“, lästerte Papa. Mama stieß ihn unauffällig in die Seite. „Also Klaus, bitte!“
Nun starrte auch Rike die Frau an.
„Die sieht aber seltsam aus, oder?“, nuschelte Nele.
„Wie eine, eine …“ Rike suchte nach dem richtigen Wort.
„Wie eine Braut, die ihre eigene Hochzeit verpasst hat.“
Mama hatte recht. Die Frau passte überhaupt nicht an diesen Ort. Sie trug ein weißes Kleid, das bis zum Boden reichte und darüber einen langen, weißen Umhang. Sie wirkte mädchenhaft, unglaublich zierlich. So dünn, als wollte sie tunlichst vermeiden, einen Schatten zu werfen. Lange, hellblonde Locken umspielten ihr schmales, blasses Gesicht. Rike fielen die Blumen in ihrem Haar auf. Ein Kranz aus Margeriten. Die Frau sah wunderschön und furchtbar traurig zugleich aus.
„Warum ist sie an einem so kalten Tag wie heute in dieser komischen Verkleidung hier?“, flüsterte Nele.
Papa, der eigentlich immer einen flotten Spruch auf Lager hatte, gab keinen Ton mehr von sich. Er starrte die Frau an, runzelte die Stirn und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf.
„Kennst du sie, Klaus?“, erkundigte sich Mama. Papa schüttelte den Kopf.
„Nein. Natürlich nicht. Aber sie erinnert mich irgendwie an früher. Mein Vater hat mir oft vorm Einschlafen Geschichten erzählt. Eine davon handelte von Bellina Fiorella, einem Mädchen, das aussah wie eine Margeritenblume. Und genau so, wie diese Frau hier, habe ich sie mir immer vorgestellt. Eigenartig, oder?“
In diesem Moment schlenderte die lebende Version einer Margeritenblume weiter und besah sich flüchtig die kleinen Kästen an der nächsten Station. Obwohl alle Vier die Frau mit Blicken verfolgten, hatte anscheinend nur Rike bemerkt, dass sie in den ersten Kasten auf der linken Seite etwas hineingelegt hatte, denn als sie dort ankamen, stöberte Nele in dem Behälter rechts. Rike fasste in den linken hinein und brachte eine Halskette mit einem Pentagramm als Anhänger hervor.
„Was hast du da?“ Nele sah neidisch zu Rike.
„Es gehört mir. Ich habe es gefunden.“
„Wieso gehört das dir? Das soll wahrscheinlich in dem Kasten da bleiben.“ Neles Stimme überschlug sich fast vor Wut.
„Lasst mal sehen!“, sagte Papa und nahm die Kette mit dem Anhänger an sich. „Ach du meine Güte! Deswegen streitet ihr euch? Wisst ihr, was das wert ist?“
Rike und Nele schüttelten den Kopf.
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