Der Mann, welcher Amerika in den Schnellaufzug der Weltgeschichte gesetzt hatte, war ein Seemann. Alfred Thayer Mahan machte eine durchschnittliche Marine-Karriere und wurde 1896 im Rang eines Kapitäns zur See in den Ruhestand versetzt. In den letzten 24 Jahren seiner Dienstzeit wurde er nur einmal befördert. Als Seemann scheint Mahan keine besonderen Qualitäten gehabt zu haben. Er hatte mehrere Verwendungen an Bord und im Ausland. Sein Talent als Schriftsteller entdeckte der New Yorker Verlag Charles Sccribener´s & Son s, von welchem er gebeten wurde ein Buch über die Verwendung der Marine im Sezessionskrieg zu schreiben. »Rough Rider« Teddy Roosevelt war in der Zeit vor dem Kuba-Abenteuer Chef des Marine-Departments und wurde auf Mahan aufmerksam.
In den letzten sechs Jahren seiner Dienstzeit veröffentliche Mahan ein Buch und eine Abhandlung, welche die Weltgeschichte entscheidend beeinflusste. Das Buch, The Influence of Sea Power upon History , beschreibt vor allem den Aufstieg Englands zur ersten Weltmacht und die Bedeutung, welche dabei der Suezkanal spielte. Er analysierte die Situation und kam zur Einsicht, dass ein Isthmus-Kanal in Mittelamerika für die Vereinigten Staaten von entscheidender Wichtigkeit sei, um im Konzert der Weltmächte mitspielen zu können. Nicht das das eine neue Idee gewesen wäre. Schon in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts träumte Amerika, besser gesagt der damalige Bill Gates alias Cornelius Vanderbilt, von einem solchen Kanal, allerdings in Nicaragua. Sein Instrument, der Flibustier William Walker, scheiterte jedoch nach anfänglichen Erfolgen in Honduras vor dem Erschießungskommando am 12. September 1860. Mexiko glaubte das Problem mit einer Eisenbahn vom Atlantik zum Pazifik lösen zu können und die Franzosen versagten gerade in Panama. Draufgänger Roosevelt war von der Idee fasziniert und unter seiner Präsidentschaft wurden die weiter oben beschriebenen Maßnahmen zur Übernahme des Kanals unter amerikanische Herrschaft eingeleitet und durchgeführt. Auch erwähnte Mahan in diesem Buch die wichtige strategische Lage Kubas im Golf von Mexiko und Guantánamo war geboren. Im Jahre 1893 veröffentlichte er einen Briefwechsel mit Lord Beresford, beide Kapitäne zur See, welcher den Titel trug Possibilities of an Anglo-American Reunion.… and breaking down the barriers of estrangement which have too long seperated men of the same blood. [14]
Im Jahre 1906, zehn Jahre nach seiner Pensionierung, hat ihn Präsident Roosevelt zum Konteradmiral befördert. Nicht ausreichend für einen Mann, welcher Amerika innerhalb kürzester Zeit zur Weltmacht beförderte und peinlich genug, dass diese Beförderung so unpassend und spät erfolgte.
Mahans Buch The Interest of America in Sea Power, Present und Future, welches acht Artikel zu seinen Thesen enthält, und das im Jahre 1917, dem Jahr des Kriegseintritts der USA, von George Lois Beer publizierte Buch THE ENGLISH-SPEAKING PEOPLES; their future relations and joint international Obligations, schufen die Grundlagen zu dem, was wir heutzutage unter den »Five eyes« verstehen. Beide Bücher sind im Anhang unter Online-Bibliothek gelistet und können kostenfrei heruntergeladen werden.
Nun stand man auf Augenhöhe mit dem britischen Empire und es war Zeit, sich zu arrangieren. Betrachtet man nun dieses französisch-amerikanische Geschäft aus der Distanz, so haben die Amerikaner einen sagenhaften Deal gemacht. Für 14 Prozent des aufgewandten Geldes haben sie den zu 40 Prozent fertiggestellten Kanal gekauft – jenen Kanal, der mit einem Schlag einen Spitzenplatz in der internationalen Politik sicherte. Soll wirklich nur Geld als Kaufpreis geflossen sein, oder gab es noch andere diplomatische Zusicherungen, einen politischen Preis zugunsten Frankreichs im Falle von bestimmten europäischen Konstellationen? Wir wissen es nicht, aber in Amerika gab es ab dieser Zeit ein politisches Ausgrenzen einer ethnischen Gruppe der Patchwork Nation, nämlich der Deutschen.
Die Briten reagierten prompt. Aus »Anglo-Saxons« wurden »Ami-Saxons«.
[13]Die über Grund zurückgelegte, tägliche Strecke in Seemeilen.
[14]»… es ist an der Zeit die Barrieren der Entfremdung niederzureißen, welche zu lange unser gleiches Blut trennte.«
Natürlich kann man Geschichte über Ereignisse, Verträge, Wirkungen und Konsequenzen aufzeichnen und beurteilen. Diese Art der Geschichtsschreibung gleicht der Arbeit eines Pathologen beim Sezieren einer Leiche. Er findet die Todesursache, weiß aber nicht, warum sie eingetreten ist. Diese Art von Geschichtsschreibung berücksichtigt nicht die Beweggründe und Zwänge einzelner Privilegierter, welche in autoritären oder Klassengesellschaften in Positionen gewachsen sind, welche es ihnen ermöglicht, objektive Tatsachen bewusst oder unbewusst so zu manipulieren, dass ihre Darstellung, Ansicht oder Meinung scheinbar dem Ganzen dient, in Wahrheit jedoch nur der persönlichen Befriedigung.
Ein Historiker würde diese Beobachtungen als nicht relevant abtun. Allerdings: Je mehr man sich mit den entscheidenden Charakteren der englischen Entscheidungsträger zum Ausbruch des Krieges befasst, umso klarer werden Motive, Seilschaften und Visionen. Englische Diplomaten waren welterfahren. Seit Jahrhunderten hatte sich eine politische Anschauung gebildet, welche eine vereinheitliche Vorstellung über die globale Bedeutung des britischen Empires hatte. Im deutschen Kleinstaatenchaos waren ihre deutschen Counterparts mittelmäßige Kopierer von englischen oder französischen diplomatischen Visionen, die mit einer angepassten deutschen Fasson ein Weltreich schaffen wollten. Die Engländer waren Tatsachendiplomaten, welche ihre Vorstellungen aus ihrer Vergangenheit in allen Teilen der Welt schöpfen konnten, während die Deutschen, wie Mme de Stael sagte, »Volksmusik in Wohnzimmern machten«.
Großbritannien ist kein ideologisches Land, sondern eine Kaufmanns- und Krämernation, anders als die überheblichen, missionarischen USA, mit ihrem fragwürdigen Freiheitspathos, und anders als die hochnäsige Zivilisationsgroßmacht Frankreich. Außerdem besitzen die Engländer, in der Vergangenheit wie heute, eine kulturelle Anziehungskraft und ein Image von entspannter und disziplinierter Weltoffenheit. Ihre Traditionen sind seit Jahrhunderten ungebrochen. Der Glanz des Königshauses und der distanzierte Adel, das alles fasziniert ihre Weltgenossen bis heute. In der herrschenden Klasse Englands wurde ein Sendungsbewusstsein geschaffen, um diese britischen Werte zum Schutz und Wohle des Commonwealth [15] und aller seiner Untertanen in die Welt zu tragen.
Deswegen – das ist die These dieses Buches – waren es britische Charaktere, welche die Fäden in der Hand hatten, um, ihrer Meinung nach, ein bedrohtes Empire zu beschützen. Dieser Krieg, von dem hier die Rede sein wird, so meinten sie weiter, würde die bis dahin von Mitbewerbern nicht erkannte Konstellation der Machtverteilung zwischen Amerika und dem Rest der Welt definieren.
[15]»Gemeinsames Wohl« der unter dem britischen Schirm vereinten Nationen.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.