Maßgeblich hat ein anderer Hobby-Historiker, Nachfahre eines Recken des Spanischen Erbfolgekrieges und wahrscheinlich unter dem Eindruck von John R. Seeley [3] [3] The Expansion of England , Download von der kostenlosen On-Line-Library, siehe Anhang
– welcher in Anbetracht des technischen Fortschritts nur noch zwei Großmächte sah: die USA und Russland –, die französisch-napoleonische Variante ins Gespräch gebracht: Seeblockade der Nordsee, Einsatz von finanziellen Mitteln, um die Kriegslast auf die kontinentalen Partner Russland und Frankreich zu verlagern, mit dem Trumpf des eindeutigen amerikanischen Interesses am Ausgang des Krieges. Aber diese Variante ging nicht auf. Von den fünf europäischen Kriegsteilnehmern war der eindeutige Gewinner Russland und, global gesehen, England der größte Verlierer. Wie das geschah, davon handelt dieses Buch.
Falls nun Ihr Interesse an diesem Buch geweckt wurde oder sich gesteigert hat, empfehle ich Ihnen, die letzten zwei Kapitel dieses Buches zuerst zu lesen. Der Einstimmung auf das Thema folgt ein Zeitabriss der letzten sechzig Jahre vor dem Ausbruch des Krieges. Abweichend von der üblichen Buchform, soll der werte Leser sich 100 Jahre zurückversetzen. Ihm soll bewusst werden, was Geschichte nach Ansicht des Verfassers ist: Ein Zeitrahmen der verschiedensten Ereignisse soll die Welt darstellen, um die diese »Geschichte« gewoben wurde.
Für die vielen englischen Zitate wird um Nachsicht gebeten. Sie erscheinen notwendig, um die feinen, unterschwelligen An- und Absichten des Originals besser erkennen zu können. Eine Übersetzung birgt immer die Gefahr, dass Unterschwelliges – aber enorm Wichtiges – in der Gedankenwelt des Übersetzers verloren geht.
[1]Bei YouTube finden sie unter Eingabe von »the Prize« eine achtteilige Folge über die Geschichte des Erdöls
[2]Winston Churchill, World Crisis, Vol. II, 1923
[3] The Expansion of England , Download von der kostenlosen On-Line-Library, siehe Anhang
Wie auch immer es geschah
Es wurden Hunderte von Büchern über ihn geschrieben. Viele waren beteiligt, andere rechtfertigten sich, aber die Verursacher schwiegen. Es handelte sich um Geopolitik, Imperialismus und um Sicherung von Macht und von Visionen zu ihrer Erhaltung. Um politisches Antichambrieren, Terror, welcher im Mord endete, Vorteilsnahme und sinnlose Gewalt, welche im August – vor nunmehr 100 Jahren – losbrachen und die bis dahin bekannte Welt und ihre Werte unwiederbringlich zerstörten.
Es begann am 31.8.1907 in Sankt Petersburg [4]. Der Handschuh war geworfen worden. Ab Anfang August 1914 wurde gemordet. Das größte Desaster der Weltgeschichte nahm seinen Lauf. Im November 1918 war es beendet. Niemand hatte gesiegt, aber es gab einen gekränkten Verlierer. Doch auch andere zahlten ihren Preis. Kontinentaleuropa war politisch und wirtschaftlich zerstört, Hass wurde auf Hass geladen. 1871 und 1919 ließen keine friedliche und respektvolle Nachbarschaft mehr zu. Das Inselweltreich war erschöpft, seine Commonwealth-Soldaten hatten in den Gräben Frankreichs von der Unabhängigkeit geträumt. And the Winner is: der überseeische Nachzügler, welcher nur drei Monate an den 50 Monate dauernden Schlachten teilgenommen hatte. Es handelt sich um den 1. Weltkrieg, nicht um Serbien, Königsmord oder Belgien. Es handelt sich um Großmachtpolitik, um technischen Fortschritt, um strategische Lagen und um Erdöl. Es handelt sich um Personen, welche es verstanden ihre Fäden geschickt zu spinnen, um tölpelhafte Goliaths, um Leid, Hass und Feindseligkeit, welche sich alle bis in unsere Tage hinein fortsetzen.
Wie es auch immer war, eines steht fest: dass es anders war, als die Historiker uns glauben machen wollen. Alle bekannten Umstände über den Ausbruch des »Great War« sind nur Staffage und der größte Tölpel wurde zum Schuldigen erklärt, was er nicht akzeptierte und den zweiten Weltenbrand anzettelte.
Das wenig erforschte Thema der neueren Geschichtsforschung ist die Rolle der britischen Regierung beim Ausbruch des 1. Weltkrieges. Bis vor Kurzem konnte man fast keine Gelehrten finden, welche nicht das kulturelle Vorurteil pflegten, dass der Große Krieg durch die militärische Arroganz des deutschen Kaiserreichs entfacht wurde. Großbritannien sei dem Krieg nur beigetreten, weil die verbriefte belgische Neutralität [5] auf dem Weg, das demokratische Frankreich zu erobern, von Deutschland gebrochen wurde.
Aber der britische Außenminister Sir Edward Grey hatte alles in seiner Macht stehende getan, um die Deutschen und das verbündete Österreich-Ungarn – in gerechtfertigter Besorgnis, von Feinden umzingelt zu sein – zu isolieren und auszugrenzen. Die Triple Entente, weitgehend geschmiedet von der britischen Regierung unter der Federführung von König Edward VII, im Einklang mit den Franzosen und Russen, behandelten Deutschland und Österreich wie kriegerische Feinde.
Im Juli 1914 fühlte sich die deutsche Führung gezwungen, ihren österreichischen Verbündeten im Krieg gegen die Serben beizustehen, gegen jenes Serbien, welches seit Jahren um den Schutz des Zarenreiches buhlte und sich in einen russischen Satellitenstaat verwandelt hatte. Das tri-religiöse Balkan Pulverfass, vor dem schon Bismarck warnte, explodierte am 28. Juni 1914. Der diplomatischen Sachlage nach war es klar, dass bei einem österreichischen Angriff auf Serbien, Deutschland einen Zweifrontenkrieg an der Ost- und Westseite seines Reiches würde kämpfen müssen. Der deutsche Generalstab, fast fatalistisch, akzeptierte die Möglichkeit einer englischen Kriegserklärung.
Aber auch wenn die Deutschen nicht belgischen Boden verletzt hätten, um nach einem schnellen militärischen Erfolg im Westen ihre Armeen nach Osten zu verlegen, wäre England, so scheint es, auch dann Kriegsgegner Deutschlands geworden, denn die Engländer waren alles andere als neutral.
Im Sommer 1914 sollte eine militärische Allianz mit Russland geschlossen werden, welche englische Landungsoperationen im deutschen Pommern im Falle eines allgemeinen Krieges vorsah. Die Briten hatten auch Zusicherungen an den französischen Außenminister Théophile Delcassé gegeben, dass England die Franzosen und Russen, die seit 1891 verbündet waren, im Falle eines Kriegsausbruchs unterstützen würde. Die Briten waren feindlicher gegenüber den Deutschen eingestellt als umgekehrt.
Grey verschmähte alle Versuche von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, die britische Regierung für eine Neutralität im zu erwartenden Kriegsfall mit Frankreich und Russland zu gewinnen. Die deutschen Konzessionen im Jahr 1912, welche Englands Neutralität sichern sollten, enthielten deswegen folgende Zugeständnisse:
Die Akzeptanz der britischen Vorherrschaft beim Bau von Eisenbahnen für den Zugriff auf die Ölreserven im heutigen Irak.
Demütige Anerkennung der Führung Englands bei der diplomatischen Behandlung der beiden Balkankriege, in denen der Erzfeind Österreichs, Serbien, seine Gebiete fast verdoppelt hatte.
Die Russen und die Franzosen erweiterten erheblich ihre Wehrpflicht und waren den deutschen und österreichischen Truppen zahlenmäßig überlegen, aber weder die deutschen Konzessionen noch das Säbelrasseln von Englands kontinentalen Verbündeten veranlassten die britische Regierung, die Richtung zu ändern. Sir Grey, der bis 1916 Außenminister blieb, wich nie von seiner Ansicht ab, dass Deutschland Englands gefährlichster Feind sei.
Und es geschah Erstaunliches: Im September 1913 kündigte die oberste österreichische Heeresleitung den Besuch des Thronfolgers im Juni 1914 in Sarajevo an. Der erste Sealord verordnete im Oktober 1913 eine Generalmobilmachung der britischen Flotte [6] für den Juli 1914. Franz Ferdinand wurde am 28.6.1914 ermordet, Deutschland erklärte am 1. August 1914 Russland den Krieg, Frankreich am 3. August und England erklärte Deutschland den Krieg am 4. August. Wider alle Erwartungen fielen bereits zwei Wochen nach Ausbruch des Krieges zwei russische Armeen in Ostpreußen ein und England landete seine ersten Truppen in Frankreich am 11. August in Le Havre, sieben Tage nach der Kriegserklärung.
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