Der nächste Schritt ist die Parteinahme. Nur durch die Trennung der Gegensätze in antagonistische, unversöhnliche, kann Parteinahme möglich werden. Die Frage lautet nun: »Bist du dagegen oder dafür? Und wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns!“ Die andere Seite ist der Feind. Jede gute Narration hat einen guten Feind. Nur ein guter Feind macht einen Kampf attraktiv und lohnend. Es gibt Bücher vom Standpunkt der Hobbits und es gibt Bücher vom Standpunkt der Orks. Moderne Computerspiele lassen die Spieler selbst die Seite wählen. In den erfolgreichsten Spielen, dem Mensch ärgere dich nicht, dem Skat, dem Schachspiel, sind die Seiten von vornherein gleichwertig und Personen werden durch freie Wahl der Seiten zu Gegnern.
Darauf erfolgt die Symbolisierung der Trennung. Sprache, Farben und Logos werden gewählt, um sich nicht nur in Gedanken, sondern auch in der symbolischen Welt erkennen zu können. Innerhalb der Partei gibt man sich uniform, wird mehr oder weniger öffentlich identifizierbar wie die verschieden farbigen Figuren auf einem Spielbrett. »Du und ich, wir sind vom selben Blute!“ Bei Tolkien sind die Guten weiß und die Bösen dunkel.Das Böse lauert um Osten und die Hoffnung kommt aus dem Westen. Eingeborene unterstützen die Retter aus dem Westen, sind aber selbst schwach. Auch bei Disney sind die guten Mädchen blond und die bösen Hexen schwarzhaarig. Natürlich ist das rassistisch. Diese Modelle ziehen sich durch viele Fantasy-Romane, nicht nur durch den »Hobbit“ und den »Herrn der Ringe“.
Schließlich wird das Drama entwickelt: Der Kampf der verfeindeten Lager, in dem mal die eine, mal die andere Seite Massaker und Unrecht, heroische Taten und verdienstvolle Werke begeht. Gulag und Gagarin, Konzentrationslager und Autobahnen treten gegeneinander an und wie immer in der Geschichte, wenn jeder macht was er oder sie will, kommt etwas heraus, was keiner gewollt hat.
Der Schluss aber ist nicht das Ende. Ein guter Schluss ist ein Cliffhanger, die Chance für einen neuen Anfang. Das Gute ist weniger doll als erwartet, das Schreckliche noch schrecklicher als vorstellbar. Die Katastrophe geschieht, irgendwie werden alle zu Opfern nichtmenschlicher Mächte, nicht nur tausende Menschen leiden und sterben, auch die Helden opfern sich oder gehen wenigstens bis an den Rand des Möglichen und am Ende hat sich eigentlich nichts geändert, nur die Gesellschaftsordnung und irgendwo lauert noch das Böse.
Das ist ein Rezept einer erfolgreichen Narrativierung. Und das ist der letzte Grund, die tiefe Ursache für das Bedürfnis nach Dichotomien in der Philosophie. Es wäre sonst zu langweilig. Und um Langeweile zu verhindern, brauchen wir zu der richtigen Dramatisierung dieser Tragödie die Komödie, den Humor. Und außerdem rechtfertigen neue Kategorien Lehrstühle. Viele moderne Philosophietreibende sind Humoristen, manche sogar Clowns. Und einige Clowns sind wahre Philosophen.
Deshalb hat Brecht, während Andere noch über die schwierige Sprache des dunklen Philosophen stöhnten, auch erkennen können, dass Hegel, der Philosoph, ein wahrer Humorist war:
»Er hat einen solchen Humor gehabt, daß er sich so was wie Ordnung z.B. gar nicht hat denken können ohne Unordnung. Er war sich klar, daß sich unmittelbar in der Nähe der größten Ordnung die größte Unordnung aufhält, er ist soweit gegangen, daß er sogar gesagt hat: an ein und demselben Platz! (…) Die Feigheit der Tapferen und die Tapferkeit der Feigen hat ihn beschäftigt, überhaupt das, daß alles sich widerspricht und besonders das Sprunghafte, Sie verstehen, daß alles ganz ruhig und pomadig vorgeht, und plötzlich kommt der Krach. Die Begriffe haben sich bei ihm immerfort aufm Stuhl geschaukelt, was zunächst einen besonders gemütlichen Eindruck macht, bis er hintenüberfällt. Sein Buch »Die große Logik“ habe ich einmal gelesen, (…) Es ist eines der größten humoristischen Werke der Weltliteratur. Es behandelte die Lebensweise der Begriffe, dieser schlüpfrigen, unstabilen, verantwortungslosen Existenzen; wie sie einander beschimpfen und mit dem Messer bekämpfen und sich dann zusammen zum Abendbrot setzen, als sei nichts gewesen. Sie treten sozusagen paarweise auf, jeder ist mit seinem Gegensatz verheiratet, und ihre Geschäfte erledigen sie als Paar, führen Prozesse als Paar, veranstalten Überfälle und Einbrüche als Paar, schreiben Bücher und machen eidliche Aussagen als Paar, und zwar als völlig unter sich zerstrittenes, in jeder Sache uneiniges Paar! (…) Sie können weder ohne einander leben noch miteinander. (…) Den Witz einer Sache hat er die Dialektik genannt. Wie alle Humoristen hat er alles mit todernstem Gesicht vorgebracht.“(Brecht: 77/78)
Einer der schwerwiegendsten Vorwürfe gegen die Philosophie, sich nie einigen zu können, sich immer auseinanderzusetzen, sich immer auf schwankendem Boden zu befinden, entpuppt sich hier als der Glanz des Denkens, die Quelle der Bewegung und vielleicht sogar der Entwicklung. Die Quelle aber ist nicht der Ort wo das Wasser entsteht, sondern wo es an den Tag kommt. Das Wasser selbst bewegt sich in einem ewigen Kreislauf und so hat Heraklit gleichzeitig recht und unrecht, wenn er sagt:
»Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu.“
Recht hat er, denn es ist immer anderes Wasser, und Unrecht hat er, weil das Wasser irgendwann wieder aus dem Kreislauf der Natur kommt.
Die Beschäftigung mit dem Problem »Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?“ ist nicht durch die eventuelle Lösung oder Entscheidung interessant, sondern durch den Prozess der Lösungsfindung und die Auseinandersetzung, den Tanz von Annäherung und Entfernung, Attraktion und Repulsion, aller dieser Dichotomien, deren Diskussion, deren Leben das Denken möglich, aufregend und damit überhaupt erst möglich macht.
1Diese Aussage wird üblicherweise nach Helena Petrovna Blavatsky (Blavatsky 1877: 428) oder François Fénelon (Fénelon; Cormack 1842: 314) zitiert. Einen direkten Verweis auf die Stelle bei Aristoteles habe ich nicht gefunden. Es kann sich also durchaus um Kolportage handeln.
1. Believe everything!
2. Criticize everything!
3. Believe because you know!
4. Go to 1.
»To be or not to be, that is the question: …“ Der Beginn von Hamlets Monolog wird von Schlegel übersetzt als: »Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: …“.
Zwei Sachverhalte sind dabei interessant:
1. Die korrekte Übersetzung von Shakespeares Text müsste lauten: »Zu sein oder nicht zu sein, das ist die Frage: …“. Hamlet zeigt Seinsangst, aber er ist sich nicht sicher, dass der Tod das Nichtsein ist. Deshalb hat er auch vor dem Tod Angst:
»For in that sleep of death what dreams may come
When we have shuffled off this mortal coil
Must give us pause: …“2
Todesangst bekommt durch Hamlet einen ganz neuen Aspekt. Wir leben nur, weil wir nicht zu sterben wagen.
2. Der andere Sachverhalt ist die Aufmerksamkeit, welche dieser Satz des Monologs geweckt hat. Selbst Menschen, welche noch nie etwas von Shakespeare oder Hamlet gehört haben, sind von dieser Frage: »Sein oder Nichtsein“ berührt ins Innerste. Und wie sollte es auch anders sein: Gesund zu sein oder nicht, hier zu sein oder nicht, glücklich zu sein oder nicht, zu leben oder nicht zu leben, das sind ja wohl eindeutig wesentliche Unterschiede.
In der Literaturwissenschaft führt die Diskussion um das Verständnis von Werken in die dazugehörige Wissenschaft »Hermeneutik“: Ist es für das Verständnis wichtig, was uns der Dichter mit seinem Werk sagen wollte, oder ist es wichtig, wie das Werk auf uns wirkt?
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