Lorraine saß im Halbschatten auf einer niedrigen Mauer und hatte den Arm um die Schulter einer anderen Frau, mit den gleichen langen schwarzen Haaren wie sie selbst, gelegt. Sie schien spanische Wurzeln zu haben und etwas jünger zu sein. Unwillkürlich suchte ich nach einer Familienähnlichkeit, konnte mich aber nicht wirklich entscheiden.
»Sie hieß Cataleya«, verriet mir Lorraine, als sie meinen studierenden Blick bemerkte.
Ich wirbelte herum, verlegen, so indezent gewesen und von ihr erwischt worden zu sein.
Sie legte auf und beobachtete mich einige Sekunden. Dann kräuselte ein kleines Lächeln ihre Lippen.
»Es tut mir leid. Ich wollte ganz sicher nicht indiskret sein.«
»Natürlich wolltest du das nicht … Cataleya war eine sehr schöne Frau.«
»Du … sprichst von ihr schon wieder im Indikativ Präteritum.«
Lorraine seufzte. »Sie ist Anfang letzten Jahres an Leukämie gestorben.«
»Das tut mir aufrichtig leid.« Mein Blick glitt zurück zu dem Foto. Cataleya war in der Tat eine schöne Frau. Sie lächelte, aber nicht übermäßig, und ich entschied, dass es sich eher um ein schüchternes Lächeln handelte.
»Wir hatten einige wirklich sehr schöne Zeiten miteinander«, fügte Lorraine leise hinzu.
»Sie war also nicht deine Schwester?« Es war mir unangenehm, diese Frage zu stellen.
Lorraine lachte. »Ich kann dir nicht übelnehmen, dass du gedacht hast, wir wären verwandt, und du bist damit auch nicht allein … Nein, sie war nicht meine Schwester …« Ein trauriger, sehnsüchtiger und zugleich verlorener Ausdruck bemächtigte sich ihres Gesichts. »Cataleya und ich sind ein Paar gewesen.« In dem Moment, als sie das Wort › Paar ‹ aussprach, sah sie zu mir auf, als wollte sie meine Reaktion darauf abschätzen, dass sie mit einer Frau liiert gewesen war.
Erinnerungen an meine eigene bereits etwas zurückliegende Trennung füllten meine Gedanken – Erinnerungen daran, dass ich meinem Ex am liebsten den Tod gewünscht hatte, nur um mich dabei direkt schrecklich zu fühlen. Ich schwieg, ging aber zu ihr um den Schreibtisch herum und ergriff ihre Hand. »Wie lange wart ihr zusammen?«
»Drei viel zu kurze Jahre.«
»Und es fühlt sich so an, als ob man dir ein Stück deines Herzens herausgerissen hat, nicht wahr?« Als sie nickte, drückte ich leicht ihre schlanke Hand. »Wenn du möchtest: … Ich würde dir sehr gerne zuhören.«
»Danke, Marjorie. Das ist wirklich sehr lieb von dir gemeint, aber ...« Sie wischte sich eine Träne fort und wandte sich meinen Entwürfen zu. »Kommen wir erst einmal zu deinen Vorschlägen …«
***
Kapitel 4
Lorraine erzählte mir einiges von ihrer Zeit mit Cataleya. Nicht direkt alles auf einmal, aber in den nächsten Tagen begann ich mir daraus nach und nach ein recht gutes Bild zu machen. Sie hatte ihre Partnerin von ganzem Herzen geliebt und sich mit ihr ein Bett geteilt. Ein Umstand, den ich mir schon von Anfang an gedacht hatte. Cataleya war für einen großen Reiseveranstalter tätig und in dessen Namen ständig auf der Suche nach neuen attraktiven Zielen gewesen. In diesem Zusammenhang hatten die beiden gemeinsam etliche Länder besucht, Landschaften und Orte mittels Safaris, Bustouren und Mietwagen erkundet und von Zeit zu Zeit sogar bei einheimischen Familien gewohnt. Und natürlich hatten sie sich auch all den fremden kulinarischen Genüssen hingegeben. Einige davon waren wohlschmeckend gewesen, wie Lorraine bemerkte, andere wiederum schrecklich, aber letztlich alle des Probierens wert. Auf diese Weise hatten sie sich drei wunderbare Jahre voll an schönen Erinnerungen geschaffen, denen sechs Monate voller Angst und Trauer gefolgt waren.
»Weißt du, auch wenn es nur weitere drei Jahre mit ihr bedeutete, würde ich das alles noch einmal mit Cataleya durchstehen. Aber ich würde sicherstellen, dass ich jede verdammte Sekunde mit ihr auskoste, anstatt davon auszugehen, dass wir ja alle Zeit der Welt miteinander hätten.«
»Aber woher hättest du das vorher wissen können?«, gab ich zu bedenken und fügte hinzu: »Was die Zukunft anbelangt, Lorraine, ist es nicht unsere Aufgabe, sie vorherzusehen, sondern sie zu ermöglichen.«
»Antoine de Saint-Exupery. Oh ja. Cataleya liebte die Geschichte vom kleinen Prinzen und hat oft daraus zitiert … Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es Dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein, Lorraine, wirst Sterne haben, die lachen können! … Das waren ihre letzten Worte« Sie griff auf der Suche nach einem Taschentuch in ihre Handtasche und tupfte sich die Augen, ehe sie einen Finger hob. »Die nächste Frau, in die ich mich verliebe, wird alles bekommen, was ich anzubieten habe … Mein Herz, meinen Körper und meine Seele.« In ihren Augen funkelten Tränen.
»Ich hoffe sehr, du findest jemanden, der dieser Liebe würdig ist.«
»Das werde ich ganz gewiss.« Sie schnippte die imaginären Trümmer ihrer verlorenen Liebe vom Schreibtisch, ehe sie ihren Blick wieder auf meine neuesten Entwürfe richtete. »Das gefällt mir, Marjorie.« Sie fächelte ihrem Gesicht mit meinem fünfseitigen Text-Vorschlag Luft zu, den ich am Vortag erstellt hatte. »Der ist wirklich heiß und macht mich richtig an. Eine exzellente Arbeit.«
»Vielen Dank … Ich habe gerade einen neuen Text verfasst, der mich selbst ebenfalls zum Weiterlesen bewegen würde.«
»Ich würde sagen, es funktioniert … Erst als ich alle Entwürfe gelesen hatte, erinnerte ich mich wieder daran, dass ich sie ja eigentlich kritisieren sollte.«
Ich musste unweigerlich lachen. »Direkt süchtig geworden?«
»Absolut.« Sie legte die Papiere vor sich auf den Schreibtisch. »Du bist wirklich ausgesprochen gut darin. Vielleicht denkst du einmal darüber nach einen erotischen Roman zu schreiben. Das Zeug dazu hast du.« Sie hob eine Augenbraue. »Aber vielleicht findest du es ja auch schlicht zu einfach?«
»Hast du denn eine neue Herausforderung für mich?«
»Das ist durchaus möglich …« Sie schaute mich offen an. »Können wir uns nach der Arbeit treffen?«
»Oh, ich ... kann nicht. Nicht heute Abend.« Ich hatte mich bereits verabredet, um mich mit einem Mädchen zu treffen, dass sehr gut darin war, einen bestimmten Juckreiz zu lindern.
»Na, diesen Korb muss ich erst einmal verdauen.« Sie seufzte. »Da bin ich doch tatsächlich abgeblitzt … Na, ich sehe schon: Mein Marktwert schwindet. Was für ein Tiefschlag.«
»Es tut mir wirklich leid. Aber das ist eine wichtige Sache für mich, die ich nicht einfach absagen kann …«, entschuldigte ich mich direkt. »Wenn es ein anderer Abend wäre, dann …«
»Entspann' dich, Marjorie. Ich mache doch nur Spaß«, lächelte sie. »Ich würde dich niemals dazu bringen, ein familiäres Engagement abzusagen.«
»Oh, ja sicher. Danke für dein Verständnis«, murmelte ich, wenngleich man mein Vorhaben kaum als familiäres Engagement ansehen konnte. Nicht, wenn die Familie zig Straßen entfernt war.
»Dann also bis morgen?«
»Frisch und munter«, nickte ich und öffnete die Tür ihres Büros. »Und nochmals Entschuldigung wegen heute Abend.«
»Kein Problem.« Sie grinste. »Sieh einfach zu, dass du einen tollen Abend hast.«
Einen tollen Abend? Oh, ja! Das steht definitiv ganz oben auf meiner Tagesordnung , dachte ich still.
***
Kapitel 5
Courtney entschuldigte sich direkt, kaum dass sie endlich zu mir in den Wagen geklettert war.
»Was ist denn los, Baby?«, erkundigte ich mich, während sie es sich neben mir auf dem Beifahrersitz bequem machte.
»Andrew ist ein Vollidiot. Jeden Mittwoch fragt er mich, wohin ich gehe.« Sie verdrehte die Augen. »Als ob ihn das auch nur das Geringste anginge.«
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