„Und nun zu Ihnen“, wandte er sich an Heinrich. Auch er musste alles über seine Vorerkrankungen berichten. Doch da gab es nicht viel zu erzählen.
„Hatten Sie in Ihrer Kindheit eine Parotitis?“ Heinrich sah ihn verständnislos an.
„Entschuldigung“, lächelte der Doktor, „ich falle immer wieder in den Medizinerjargon. Ich meine Mumps.“
Heinrich konnte sich nicht erinnern.
„Vielleicht fragen Sie Ihre Eltern“.
„Mein Vater ist vor ein paar Tagen gestorben und meine Mutter, als ich acht Jahre alt war“, antwortete Heinrich und er spürte einen Kloß in seinem Hals aufsteigen.
„Tut mir leid“, sagte der Doktor betroffen. „Ich muss diese Frage stellen, denn die Parotitis epidemica ist eine der häufigsten Ursachen für die Infertilität des Mannes.“
Heinrich schwieg, es entstand eine kleine unangenehme Pause. Der Doktor überbrückte sie.
„Ich werde erst mal Ihre Frau untersuchen. Kommen Sie bitte mit.“
Er verschwand mit Cielo im Nebenzimmer. Durch den Türspalt konnte Heinrich einen Blick auf den Gynäkologenstuhl mit den beiden hochgereckten, metallenen Beinhaltern werfen. Die Tür fiel ins Schloss und Heinrich blieb alleine mit seinen Gedanken. Er blickte unsicher aus dem Fenster, betrachtete die Skyline der Stadt, in seinem Kopf malte er sich die möglichen Folgen des Gespräches aus.
Was, wenn es an ihm läge? Seine Samen unfruchtbar, zu unbeweglich oder sonst irgendetwas wären? Sie hatten sich noch keine Gedanken gemacht, was sie tun würden, wenn sie wirklich keine Kinder bekommen könnten, hatten diese Möglichkeit weit von sich geschoben. Vielleicht ein Kind adoptieren? Mit all den Risiken? Nein, diesen Gedanken wollte er nicht denken, verdrängte ihn schnell. Erst einmal abwarten, beruhigte er sich. Viel stärker setzte ihm die Frage zu, ob es möglich sei, dass sie keine Kinder bekommen könnten, weil der Fluch der Untaten des Großvaters auf ihm lastete. Heinrich war kein gläubiger Mensch, doch unwillkürlich fiel ihm eine Bibelstelle ein, die sie im Religionsunterricht in der Schule gehört hatten:
…und werde sie verfolgen bis ins dritte und vierte Glied.
Ihn schauderte. Heinrich war ein nüchtern denkender Mensch und solche Gedanken lagen ihm fern. Aber, was wenn etwas daran wäre, an den alten Prophezeiungen? Das Wissen um den Großvater lastete schwer auf seiner Seele. Allein darüber wollte er mit dem Arzt nicht sprechen, der hätte sicher kein Verständnis für seine religiösen Anwandlungen. Nervös rutschte er auf seinem Stuhl, vertiefte sich in die Gegenstände, die auf dem Schreibtisch aufgebaut waren. Sie interessierten ihn nicht wirklich. Ein Blutdruckmessgerät, ein paar Bücher, ein Ohrspekulum, wofür ein Gynäkologe wohl so etwas brauchte, ein Stethoskop, verschiedene Stifte, Textmarker, ein dicker Stempel, eine Lupe. Alles fein säuberlich geordnet, sozusagen in Reih und Glied.
Warum dauert das so lange, dachte er.
Im selben Moment öffnete sich die Türe und der Arzt kam mit Cielo zurück. Sie wirkte blass.
„Äußerlich ist alles in Ordnung, soweit ich sehen kann“, stellte der Doktor fest und ließ sich in seinen Drehstuhl fallen.
„Und?“ Heinrich sah ihn fragend an.
„Leider können viele Ursachen in Frage kommen. Bevor wir jedoch mit einer differenzierten Untersuchung beginnen, sollten wir erst ein Spermiogramm Ihres Mannes anfertigen“, wandte sich der Arzt an Cielo.
„Wenn wir das Spermiogramm haben und es ist in Ordnung, können wir weitere Untersuchungen vornehmen.“
Das hatte Heinrich befürchtet.
„Die Schwester wird Ihnen alles weitere erklären. Wir rufen Sie in einer Woche an, dann habe ich die Untersuchungsergebnisse.“ Und aufmunternd fügte er hinzu: „Wir haben heutzutage viele Möglichkeiten, um bei Kinderlosigkeit zu helfen.“
Er stand auf, beendete die Konsultation, indem er den beiden die Hand reichte und schon standen sie wieder an der Empfangstheke.
„Hier ist Ihr Becher“, sagte die junge Sprechstundenhilfe, und es schien ihr nicht im Geringsten peinlich zu sein, „bitte möglichst viel Sperma, dann den Deckel drauf und beschriften. Sie können dort hinein gehen.“ Sie deutete mit dem Kugelschreiber auf eine Kabine.
„Ihre Frau kann hier so lange Platz nehmen.“ Sie äußerte sich als handele es sich um die natürlichste Sache der Welt.
Wie peinlich, dachte Heinrich, gut dass niemand am Empfang stand. Doch so laut wie die Schwester ihre Anweisungen erteilte, musste es jeder im Wartezimmer gehört haben. Heinrich spürte eine leichte Röte ins Gesicht steigen. Er schlüpfte aus dem Sakko und legte es Cielo in den Schoß.
„Hältst du mal, bitte.“
Ein zusammen gefaltetes Stück Zeitungspapier rutschte aus der Seitentasche und flatterte vor Cielos Füßen auf den Boden. Es fiel ihm wieder ein.
„Das ist ein Zeitungsartikel, den habe ich dir aus Montgomery mitgebracht. Ich dachte, das könnte dich interessieren, du hast doch mit diesen Dingen zu tun“, sagte er. Er griff sich den Becher und verschwand in der Kabine. Cielo entfaltete das Stück Zeitung, begann zu lesen. Das Gespräch im Gewächshaus, dessen Zeugin sie unfreiwillig geworden war, fiel ihr ein, die ominösen Andeutungen der Herren aus dem Ministerium. Was Cielo in dem Artikel las, machte sie nachdenklich. Der Autor schilderte ein weltweites Komplott von Firmen, die in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Ministerien den Markt für genmanipuliertes Saatgut beherrschten. Am Beispiel der Baumwolle zeigte er auf mit welch verbrecherischen Methoden Monsanto, Dow und Du Pont die Farmer zwangen nur ihr Saatgut anzubauen. Dass Monsanto in den Vereinigten Staaten sogar eine private Polizei unterhielt, die jeden Verstoß gegen die Knebelungsverträge mit unnachgiebiger Härte verfolgte. Schlüssig legte der Autor dar, warum diese Entwicklung dazu führte, dass die Kleinbauern überall auf der Welt verarmten. Es wurde nachvollziehbar beschrieben, wie die Artenvielfalt schwand, zu Gunsten einiger weniger spezieller Sorten, die sich jedoch nicht für alle Klimazonen eigneten. In Ländern, in denen das Saatgut nicht den klimatischen Bedingungen angepasst werden konnte, und trotzdem angebaut wurde, kam es zu Missernten und in ihrer Folge zu Hungersnöten. Bis heute wusste Cielo nicht, welche Folgen ihre Arbeit haben könnte. Nun öffneten sich ihr langsam die Augen. Sie beschloss weiter nachzuforschen. Aber nicht jetzt. War ihr Kinderwunsch nicht vorrangig? Sie verstaute den Artikel wieder in die Jackentasche ihres Mannes, überlegte mit ihren Vorgesetzten darüber zu sprechen.
Heinrich lehnte in der engen Kammer. Ein Kleiderhaken, ein Schemel, einige verfleckte Ausgaben des Hustler. Er mühte sich redlich, versuchte an Cielo zu denken. Es klappte nicht. Er fand die Situation widerwärtig, wünschte sich überall hin, nur weg aus diesem Kabuff. Auf Kommando Samen abspritzen, das war nicht seine Sache. Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal Hand an sich gelegt hatte. Diese Überlegungen förderten seine hektischen Anstrengungen nicht. Er spürte kleine Schweißperlen auf der Stirn, schloss die Augen. Auf Kommando ging gar nichts. Wut stieg in ihm hoch, ob der Lage in der er sich befand. Er fühlte sich schmutzig, als täte er etwas Verbotenes. Die Hand tat ihm weh. Spontan fiel ihm jene schwüle Nacht in Coronado ein. Die Nacht, in der er Michelle nackt gesehen hatte, die erste Frau, die er berührt hatte. Er durchlebte das eigenartige schmerzvolle und zugleich süße Gefühl wieder, das ihn überflutete als Michelle mit seinem Glied gespielt hatte. Seine Fantasie raste und plötzlich ging alles ganz schnell. Erschöpft verschloss er den Becher mit dem Deckel. Er fiel auf den Schemel, lehnte den heißen Kopf an die Wand. Er fühlte sich hundeelend, hätte kotzen können.
Das ist normal, sagte er sich. Es war auch nicht die Tatsache als solche, die ihn beschämte, sondern dass es die Erinnerung an jene Nacht war, die ihn so erregt hatte. Nach einer Weile erhob er sich, wusch sich in dem kleinen Waschbecken gründlich die Hände, kühlte mit kaltem Wasser das Gesicht. Dann wankte er hinaus, stellte den Becher auf die Theke. Er starrte auf den Boden, sah der Sprechstundenhilfe nicht ins Gesicht.
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