Irgendwie fühlte ich innerlich, dass er recht hatte und dass seine Ratschläge die einzige Alternative für mich waren. Also machte ich bei der Handwerkskammer als Externer zuerst noch meinen Lehrabschluss, zog dann nach Düsseldorf und besuchte dort eine zweijährige Abendmittelschule. Der Tagesablauf war dann jeden Tag von 7.30 bis 16.30 Uhr Arbeit in einem elektrotechnischen Betrieb und von 18.00 - 21.30/22.00 Uhr die Abendschule. Danach noch bis Mitternacht Hausaufgaben. Nach den zwei Jahren Abendmittelschule mit Abschluss zog ich nach Stuttgart und besuchte dort für drei Jahre das Abendgymnasium, das einem humanistischen Elitegymnasium angegliedert war. Der Tagesablauf war dort derselbe wie vorher und somit blieb mir keine Zeit, über meine Jugend nachzudenken. Die Lehrer des Gymnasiums waren hochprofessionell und durch sie lernte ich im Deutschunterricht die Schönheit der deutschen Literatur und Dichtkunst kennen. Besonders fasziniert war ich von unserem Geschichtslehrer, der mir die Weltgeschichte mit all ihrer politischen Komplexität und ihren Intrigen sehr lebendig vermitteln konnte. Was aber das barbarische Verhalten vieler Deutschen während des Hitlerregimes betraf, das im vollkommenen Widerspruch zu dem deutschen humanistischen und dem christlichen Gedankengut stand, so konnten auch diese Lehrer keine befriedigende Antwort darauf geben. Die Ursachen dieser Diskrepanz zwischen Humanität und Brutalität, die anscheinend in jedem Menschen vorhanden ist, haben mich aufgrund meiner Kindheitserfahrungen Zeit meines Lebens beschäftigt.
Um es jetzt an dieser Stelle nochmals ganz klar und deutlich zu betonen: Ich habe meine grauenvolle Kindheit nicht deshalb so ausführlich beschrieben, um beim Leser Mitleid oder Mitgefühl zu erwecken, sondern um dem Leser das Gefühl zu vermitteln, was Hass, Bedrohung und Ausgrenzung bei den betroffenen Menschen psychologisch verursacht. Deshalb ist für mich auch jede Art von Rechtsradikalismus oder Fremdenfeindlichkeit abzulehnen. Ich bin keineswegs für eine grenzenlose und auch nicht für eine wahllose Aufnahme von Asylsuchenden. Wer aber als Asylsuchender letztendlich einen Aufenthaltsstatus in Deutschland erhalten hat, der sollte zumindest mit Respekt behandelt werden. Es ist absolut unfair und inhuman, diese Menschen durch Ausgrenzung oder Bedrohung für das Fehlverhalten der Politiker büßen zu lassen.
Der Leser wird sich auch fragen, ob ich durch diese Kindheit nicht für den Rest meines Lebens alle Deutschen hassen werde. Nun, ich bin intelligent genug, um zu wissen, dass Deutschland nicht nur aus Nazis besteht und dass jeder Deutsche (wie auch alle anderen Menschen dieser Welt) individuell beurteilt werden muss. Wogegen ich aber für immer eine Abneigung haben werde, das sind die abgestumpften Angestellten der Jugendämter und ignoranten Lehrer der Grundschulen, etc., weil diese meine Hilferufe nicht zur Kenntnis nahmen und mich in meiner Not vollkommen alleine ließen. Dass sich in dieser Hinsicht für viele Kinder auch Jahrzehnte nach meinen Erlebnissen nichts geändert hat, wurde durch einem Bericht des gmx-Nachrichtenportals im Juni 2016 deutlich, in dem zu lesen war, dass in Deutschland pro Woche bis zu drei Kinder von ihren Eltern totgeschlagen werden (Quelle: www.n-tv.de/panorama), wobei die Dunkelziffer ein Vielfaches davon beträgt. Von den Prügelorgien, die viele Kinder jahrelang in derartigen Familien aushalten müssen (wo die Eltern zwar keine Nazis, aber ähnlich abnormal in ihrem Verhalten sind) und deren Leid auch heutzutage weitgehend unentdeckt oder ungeahndet bleibt, will ich erst gar nicht reden. Es ist eben diese unsägliche Kultur des Wegschauens und eine allgemein verbreitete Geht-Mich-Nichts-An-Einstellung, die derartige Exzesse perverser Menschen an hilflosen Kindern ermöglichen. Auch für diese Kinder habe ich meine eigene Kindheit beschrieben. Deshalb mein dringender Appell an alle Leser: Mischen sie sich bitte aktiv ein, wenn Ihnen in ihrem Umfeld derartige Zustände auffallen.
Aber weiter in eigener Sache:
Nach dem regulären Abitur begann ich in Tübingen Physik und Geografie für das höhere Lehramt an Gymnasien zu studieren und für mich war es wie ein Schicksalswink Gottes, dass ich sofort nach Abschluss meines Studiums einen dreijährigen Vertrag für den Aufbau und Betrieb von technischen Oberschulen im Irak angeboten bekam. Aus den drei wurden dann zwölf Jahre, die ich durchgehend im arabischen Raum verbrachte, und zwar zeitlich ziemlich gleichmäßig verteilt im Irak, Libyen und dem Oman.
Die Arbeit in diesen Ländern war für mich hochinteressant, da ich als Projektleiter bei dem Aufbau und Betrieb von Musterschulen, für jeweils ca. 800-1000 Schüler im Irak und Libyen, bedeutend mehr Freiheiten hatte, als es jemals an deutschen Schulen möglich gewesen wäre. Insbesondere bei der Ausbildung der irakischen, libyschen und omanischen Lehrer konnte ich sehr viel über arabische Denkweisen, Lernverhalten und Auffassungsgabe in Erfahrung bringen. Des Weiteren schrieb ich einige Lehrbücher in Elektrotechnik, Messtechnik und Elektronik, die ich den Schulen kostenlos zur Verfügung stellte.
Neben meiner beruflichen Tätigkeit bereiste ich in meiner Freizeit und auch während der Ferien das gesamte Land, in dem ich gerade arbeitete und knüpfte eine Vielzahl an engen Kontakten mit der einheimischen Bevölkerung. Ich wollte die arabische Kultur und Lebensweise in all seinen Facetten kennenlernen, denn für mich war es persönlich sehr wichtig, eine neue Heimat zu finden. Die Aufnahme in den arabischen Familien war in allen Ländern ohne Ausnahme herzlich und überaus gastfreundlich.
Weiterhin beschäftigte ich mich sehr eingehend mit der Religion des Islams, die in muslimischen Ländern durchwegs von großer Bedeutung ist, auch im sozialen und familiären Bereich. Je länger ich mich aber mit dem Islam beschäftigte, umso mehr irritierte mich die gnadenlose Bestimmtheit dieser Religion. Auch die unzähligen Gespräche mit gläubigen Moslems konnten meine Zweifel nicht beheben und eine zunehmende Distanziertheit gegenüber dem Islam nicht verhindern.
Nach zwölf Jahren Leben und Arbeit in arabischen Staaten, zuletzt als Studiendirektor und Berater in schulischen Angelegenheiten, hätte ich im Oman meinen Vertrag noch um weitere Jahre verlängern können. Entsprechend meiner langjährigen Erfahrung waren aber islamische Länder hinsichtlich dem harmonischen Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Rasse, Religion und Lebensauffassung nicht geeignet und deshalb ging ich erneut auf die Suche nach einer neuen Heimat. Diesmal nach Asien, wo ich sechs Jahre lebte und mich dort intensiv mit dem Buddhismus und der Mentalität der Asiaten beschäftigte. Es war die glücklichste Zeit in meinem Leben. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht weiter ausführen will, denn in diesem Buch geht es um den Islam im Allgemeinen und den islamischen Asylanten im Besonderen.
Die vielen Gesichter des Islams
Wir alle maskieren unsere Gedankenwelt,
denn die Wahrheit wäre oftmals erschreckend. (pk)
Als ich einmal in Asien eine Pekingoper besuchte, war ich von den ausdrucksvollen Gesichtsmasken der Schauspieler fasziniert, die dadurch blitzschnell bei ein und derselben Person unterschiedliche Charaktere, von friedliebend-gutmütig bis brutal-hasserfüllt, zum Ausdruck bringen konnten.
Das lässt sich auch sehr gut auf die islamische Religion übertragen. So wird in den Internet-Foren der Islam sehr oft als friedvoll und tolerant beschrieben. Die Internet-User beurteilen diese Religion eben entsprechend ihren persönlichen Erfahrungen mit Muslimen, die ja zumeist sehr positiv ausgefallen sind. Das war zunächst auch bei mir der Fall. Insbesondere im Irak erschien mir die Gesinnung der muslimischen Bevölkerung ausgesprochen freiheitlich und friedlich. Die Frauen trugen ihre Haare offen und schminkten sich sehr raffiniert, um ihrer Schönheit und tiefschwarzen, glänzenden Augen noch mehr Geltung zu verleihen. Auch beim Baden in den irakischen Salzseen war keine religiöse Prüderie zu bemerken und viele Mädchen spazierten im Bikini mit frechen Blicken kichernd an mir vorbei. Die erwachsenen irakischen Frauen waren ebenfalls sehr selbstbestimmt (vergleichbar mit den Frauen in Tunesien), auch in sexueller Hinsicht, insbesondere in Bagdad.
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