Joels Hengst war auch ohne solches Imponiergehabe eine Augenweide für jeden Reiter, doch in dem Augenblick, da er sich von seiner beeindruckendsten Seite zeigte, flackerte in sieben Augenpaaren die Habgier auf und ein Kampf war eigentlich nicht mehr vermeidbar.
Erstaunlicherweise war es dann eine der Frauen, die den Streit eröffnete. Sie ritt einen der beiden kleinen Hengste, einen Schimmel, die sich wie rasend gebärdeten und sie musste schreien, um sich über das Gewieher ihres Pferdes hinaus verständlich machen zu können.
„Wenn du von deinem Hengst absteigst und ihn mir an die Hand gibst, kommst du vielleicht mir dem Leben davon, Fremder!“
Joel ließ ein geringschätziges Lachen hören und antwortete:
„Mädchen, dies ist der Hengst eines Kriegers und nicht das Spielzeug einer Frau. Was wolltest du mit einem solchen Pferd anfangen?“
Die Wut, die auf diese Provokation in den Augen der Frau aufblitzte war grenzenlos. Ihre Schenkel pressten sich an die Flanken ihres eigenen Hengstes und wollte ihn zu einer wilden Attacke vorwärts springen lassen, doch das Tier war so außer Rand und Band, dass es die Hilfen seiner Reiterin ignorierte und eigenmächtig handeln wollte. Joels Hengst stand immer noch wie eine Statue, nur das blasige Geräusch seiner Nüstern und das auf und ab zuckende Glied unter seinem Leib ließen erkennen, dass er ein lebendes Tier war. Joel aber hob nun die linke Hand und rief der Reiterin zu:
„Bezähme deinen Zorn, Frau und verzeih mir meine frechen Worte. Ich will keinen Streit mit euch und ihr solltet euch auf keinen Kampf einlassen, den ihr kaum gewinnen könnt. Lass uns reden und ich denke, die Welt ist groß genug für uns alle.“
Die Frau hatte ihren Schimmel mittlerweile wieder besser unter Kontrolle und so antwortete sie mit etwas ruhigerer Stimme und dennoch unversöhnlichem Ton:
„Die Welt ist niemals groß genug für uns und deinesgleichen, Steppenreiter. Was immer dich in die Sheenlande geführt hat, du wirst es gleich bereuen und es wird die letzte Reue deines Lebens sein. Wir Iboa reden nicht mit Steppenreitern, wir töten sie!“
Jetzt gehorchte der Schimmelhengst ihren Schenkeln, sie riss eines der langen Messer aus ihrem Gürtel, ihr Hengst tat einen mächtigen Satz nach vorne und der Kampf war eröffnet.
Es wurde ein kurzer Kampf und am Ende für die Iboa eine schreckliche Niederlage. Der Goldfalbe erwachte aus seiner Erstarrung und wurde zu einem Vulkan. Mitten in die Vorwärtsbewegung des Schimmels hinein rammte die mächtige Schulter des Steppenhengstes den viel kleineren Kontrahenten und warf ihn einfach um. Stahlharte Hufe krachten herunter und einen Augenblick später war aus dem einstmals hübschen Kopf eines kleinen, weißen Hengstes eine blutige, breiige Masse geworden.
Auch die Reiterin überlebte den Gegenangriff Joels nicht.
Der Zusammenprall der Pferde hatte sie vom Rücken ihres Hengstes gefegt und im selben Moment, da sie wieder aufspringen und vielleicht ihr Messer werfen wollte, zischte etwas langes, dünnes wie eine tödliche Schlange auf sie zu, am Ende dieser Schlange blitzte es silbern auf und dann wurde es schwarz um die Frau, ihr Leben war zu Ende.
Der Goldfalbe aber drehte sich in aberwitziger Geschwindigkeit im Kreis, die blitzende Schlange folgte ihm und in weniger als fünf Atemzügen lagen vier weitere Menschen, die gerade noch bereit und im Begriff gewesen waren zu töten, selbst tot auf dem Boden und ihre Pferde jagten bockend und in tödlicher Panik davon.
Nur zwei der Iboa überlebten die Entfesselung eines Orkans und hielten ihre Pferde am Zaum, starrten mit vor Todesangst weit aufgerissenen Augen auf den fremden Krieger, seinen mächtigen Hengst und die Leichen ihrer Gefährten, dann wollten sie ihre Pferde herum reißen und flüchten, doch die helle Stimme des fremden Kriegers stoppte sie.
„Ihr könnt davon laufen, wenn ihr wollt, doch ich garantiere euch ihr kommt nicht weit. Bleibt stehen, redet mit mir und wir werden einen Weg finden, der in eine Zukunft führt.“
Die beiden Reiter blieben stehen, als wären ihre Pferde gegen eine Wand gelaufen. Allerdings nicht wegen Joels Worten, sondern weil vor ihnen wie aus dem Nichts eine lohfarbene Bestie aufgetaucht war, die mit gefletschten Zähnen und in angriffsbereiter Pose auf sie lauerte und in den Augen dieser Bestie sahen die beiden nichts anderes als den eigenen Tod.
Laakon und Hasket war es gelungen, die geflohenen Pferde der toten Iboa einzufangen. Nun standen sie alle sieben in einer Reihe an einem Lederseil, das Laakon zwischen zwei Palmen gespannt hatte und fünf von ihnen nagten mit hängenden Köpfen und lustlos am Gras zu ihren Füßen. Joel ahnte, dass die Pferdchen um ihre Reiter trauerten und auch er selbst war nicht gerade glücklich über seinen Sieg, denn er wusste, dass nicht mehr an dieser Begegnung hätte schief gehen können, als es der Fall gewesen war.
Hasket hatte ein kleines Feuer angezündet und mit geschickter Hand eine Angelrute gebastelt, nun brieten ein halbes Dutzend recht ordentlich großer Fische an Stöcken über der Glut und ein köstlicher Duft stieg den Menschen in die Nase. Joel saß seinen beiden Gefangenen gegenüber und obwohl er ihnen erlaubt hatte, sich zum Schutz vor der Hitze ihre weiten, dunkelblauen und schwarzen Gewänder überzuziehen, erinnerte er sich nur zu gut daran, was unter diesen Gewändern verborgen war:
Zwei wirklich bildschöne junge Frauen, kaum älter als er selbst, eher sogar noch ein wenig jünger, aber reif und voll entwickelt und Joel kam innerlich kaum zur Ruhe, weil er die Bilder der nackten Körper der beiden einfach nicht aus dem Kopf bekam. Dennoch schaffte er es, mit den beiden über die Situation zu sprechen.
„Ich schwöre es euch, ich wollte keinen Streit und keinen Kampf. Ich bin Krieger und wie ihr richtig erkannt habt stamme ich aus der Steppe. Ich bin seit vielen Tagen und Nächten in diesem mir fremden Land unterwegs und die Aussicht, jetzt und heute in der Hitze des Sheenlands bleiben zu müssen, während es hier kühlen Schatten und frisches Wasser im Überfluss gibt, hat mich bewogen, den Kontakt zu euch zu suchen. Das letzte was ich wollte, war ein Kampf, doch wer einem Steppenreiter einen Kampf aufzwingt, muss akzeptieren, dass er unterliegen kann.
Ich will immer noch keinen Streit mit eurem Volk. Wie also können wir aus dieser Situation wieder herausfinden?“
Die beiden Iboa starrten Joel an, als hätte dieser den Verstand verloren und es ihnen gerade eben offenbart, dann antwortete diejenige der beiden, die ebenfalls auf einem Hengst gesessen hatte:
„Wer oder was bist du, Steppenreiter, dass du von uns einen Ausweg aus einer Situation verlangst, aus der es keinen Ausweg gibt?
Du hast fünf von uns getötet und ihre Leichen liegen dort draußen im Sand, wo sich die Ameisen und Sandkäfer ein Festmahl aus ihnen bereiten und dennoch verlangst du einen Ausweg?
Ein Ausweg wäre gewesen, von deinem Hengst zu steigen, ihn meiner Schwester als Geschenk zu überlassen und zu hoffen, dass du mit dem Leben davon kommst, doch so?
Nein, ich sehe keinen Ausweg.
Mein Stamm wird dich jagen, wohin dein Weg dich auch führt und es wird keine Ruhe zwischen uns geben, ehe dein Kopf nicht vor meinen Füßen liegt.“
Nun war es an Joel, zu staunen und an der geistigen Gesundheit der Frau zu zweifeln, die ihm derart unversöhnlich gegenüber stand. Er brauchte tatsächlich ein paar Atemzüge lang, um diese Antworten zu verdauen, dann erwiderte er:
„Du fragst, wer oder was ich bin? Nun ich will es dir sagen. Ich bin Joel, sechster Sohn des Kazar, der Ältester der vierten Sippe ist und in ein oder zwei Jahren der oberste Kriegsherr des Volkes Kaana sein wird.
Ich bin der jüngste Kentaur, den es je im Volk gegeben hat und ich bin bei weitem der jüngste König der Lanzenreiter im Volk. Damit nicht genug habe ich im vergangen Sommer, als ich noch nicht sechzehn Jahre alt war, das Bus-Ka-Shi gewonnen die Zahl meiner Feinde, die ich getötet habe übersteigt vielleicht die Anzahl der Köpfe eures Stammes.
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